Nach dem 2:2 beim HSV : Warum der 1. FC Union eine Topmannschaft ist

14 Spiele ungeschlagen, ein 2:2 beim Hamburger SV: der 1. FC Union Berlin zeigt, dass er in dieser Saison ein echter Aufstiegskandidat ist.

Unions Berlins Suleiman Abdullahi traf in Hamburg spät zum 2:2-Ausgleich.
Unions Berlins Suleiman Abdullahi traf in Hamburg spät zum 2:2-Ausgleich.Foto: dpa

Hannes Wolf versuchte ernst zu schauen, doch so ganz gelang das dem Trainer des Hamburger SV nicht. „Wir haben gegen eine Topmannschaft der Liga gespielt“, sagte Wolf und während ein Lächeln über sein Gesicht huschte, fügte er hinzu: „Sie geben es ja selber nicht zu, es ist aber eindeutig so.“ Etwa zwei Meter neben ihm saß Urs Fischer und nahm die kleine Spitze äußerlich ungerührt hin. Gefallen haben dürfte die Aussage dem Trainer des 1. FC Union aber nicht unbedingt. Denn auch nach dem 2:2 im Spitzenspiel der Zweiten Liga beim Hamburger SV am Montagabend gaben sich Fischer und seine Spieler alle Mühe, das Offensichtliche nicht auszusprechen: Die Berliner sind eine Topmannschaft der Liga.

Das mag eine „Momentaufnahme“ sein, wie Fischer sagt. Wer allerdings nach 14 Spielen immer noch ungeschlagen ist, Borussia Dortmund im Pokal über 120 Minuten alles abverlangt und auswärts bei den großen Aufstiegsfavoriten in Köln sowie Hamburg jeweils einen Punkt geholt hat, der ist zwangsläufig oben dabei. Als Tabellendritter hat Union weiter vier Punkte Rückstand auf den HSV und deren drei auf den 1. FC Köln. Jedoch sind es bis auf Platz zehn auch nur drei Zähler.

Viel mehr als die Statistik zählt in dieser Situation aber die mentale Verfassung der Mannschaft, die enorme Weiterentwicklung und das Momentum. „Das war ein weiteres Spiel, das zeigt, dass es erst vorbei ist, wenn der Schiedsrichter abpfeift“, sagte Fischer und Kapitän Christopher Trimmel brachte es kurz nach dem Abpfiff auf den Punkt: „Das ist typisch wir, dass wir noch zurückgekommen sind.“

Unions großer Kader bietet viele starke Alternativen

Denn in Hamburg sah Union schon wie der sichere Verlierer aus. Nach einer starken ersten Halbzeit kamen die Berliner im zweiten Durchgang kaum noch in die Zweikämpfe, es fehlte Entlastung und so waren die Tore des HSV nicht nur verdient, sondern nahezu zwangsläufig. Doch in der 90. Minute glich Suleiman Abdullahi mit seinem ersten Treffer für Union zur Freude der 6000 mitgereisten Fans aus.

Wie schon gegen den BVB im Pokal sowie Heidenheim, Kiel und Duisburg in der Liga erzielte Union ein wichtiges, spätes Tor. „Das ist die ganze Saison schon so. Wir geben nie auf“, sagte Joshua Mees, der nach seinem frühen Führungstreffer aufgrund von Sprunggelenksproblemen zur Halbzeit ausgewechselt werden musste. „Wir haben noch kein Spiel verloren und wollen das so lange wie möglich beibehalten.“ Unions Last-Minute-Qualitäten zeigen gleich mehrere Stärken: den großen Kader mit vielen hochkarätigen Alternativen, die gute Fitness und eine starke Moral.

Ein Blick in die nähere Vergangenheit zeigt am besten, was den Erfolg von Union aktuell ausmacht. Schon in der vergangenen Saison hatten die Berliner einen guten Kader, konnten mit der Erwartungshaltung und Rückschlägen aber nicht umgehen. So wurde aus einem selbsternannten Aufstiegskandidaten ein Fast-Absteiger. Doch selbst in der erfolgreichen Spielzeit 2016/17, als Union den erstmaligen Sprung in die Bundesliga unter Jens Keller nur knapp verpasste, war die Mannschaft mental bei Weitem nicht so stabil. Gerade der Vergleich in den direkten Duellen spricht eine eindeutige Sprache. Als es im Frühjahr 2017 um den Aufstieg ging, verlor Union in Hannover, Stuttgart (mit Trainer Hannes Wolf) und Braunschweig. Der Traum war geplatzt. „Die letzten Jahre haben wir auswärts bei den großen Gegnern nichts geholt“, sagte Trimmel, einer der wenigen Profis, die schon damals dabei waren. „Jetzt sind wir einen Schritt weiter. Das sieht man, das spürt man.“

Die erfahrenen Spieler sind die Säulen des Teams

Ganz eng verknüpft ist diese Entwicklung mit den Neuverpflichtungen. Nachdem es am Ende der vergangenen Saison in der Mannschaft Stimmen gab, die einen Mangel an Charakter und Führungsspielern beklagten, hat Union im Sommer bewusst auch erfahrene Profis geholt. Mit Rafal Gikiewicz, Florian Hübner, Ken Reichel und Manuel Schmiedebach gehören vier von ihnen zu den tragenden Säulen des Teams. „Dass wir ungeschlagen sind, macht schon eine breite Brust und zeigt, dass wir mithalten können“, sagte Hübner.

Doch auch der Innenverteidiger hütet sich vor allzu forschen Aussagen. Dass die Mannschaft aber mehr will als das offizielle Saisonziel – eine Verbesserung des achten Platzes aus der Vorsaison – ist zwischen den Zeilen durchaus zu erkennen. „Wenn du auswärts immer einen Punkt holst und zuhause gewinnst, bist du oben dabei“, sagte Reichel. Der 31-Jährige ist mit Braunschweig bereits einmal in die Bundesliga aufgestiegen, weiß allerdings auch, dass Union zu diesem Schritt bisher ein paar Punkte im eigenen Stadion fehlen. Insgesamt neun Unentschieden seien zu viel, „so kommst du nicht richtig vom Fleck“. Gegen Darmstadt am Samstag soll deshalb auf jeden Fall ein Sieg her. Eine Gefahr birgt Unions starke Serie laut Reichel aber auch. „Wenn du 14 Spiele ungeschlagen bist, will jeder der Erste sein, der gegen dich gewinnt.“

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