Nach vier Niederlagen für Hertha BSC : Pal Dardai verrennt sich

Nach vier Niederlagen hintereinander wächst der Druck auf Hertha BSC und Pal Dardai. Der Trainer macht dafür überzogene Erwartungen der Medien verantwortlich.

Brust raus. Trainer Pal Dardai lebt vor, was er im Moment vergeblich von seinem Team erwartet.
Brust raus. Trainer Pal Dardai lebt vor, was er im Moment vergeblich von seinem Team erwartet.Foto: dpa

Eine gute halbe Stunde war Pal Dardai mit sich alleine. Mit sich und seinen Gedanken. Gegen halb elf lief er los, vom Trainingsplatz, runter vom Vereinsgelände, einmal ums Olympiastadion. Um kurz vor elf bog er wieder in die Rominter Allee ein, immer noch allein mit sich und seinen Gedanken. Seine Mannschaft war ihm längst enteilt.

Nach einer fünfminütigen Ansprache an die Spieler hatte der Trainer von Hertha BSC seinen kompletten Kader, Stammspieler und Ersatzleute, zum Auslaufen geschickt. Anschließend trat er vor die Presse. Zehn, zwölf Minuten dauern seine Ausführungen in der Regel. Am Sonntag, nach dem 1:2 gegen Fortuna Düsseldorf sprach er fast doppelt so lange. Es hat sich einiges angestaut nach nun vier Niederlagen hintereinander in der Fußball-Bundesliga. Nicht nur, aber auch bei Pal Dardai. Sein Auftritt am Tag nach dem Spiel hinterließ einen mindestens ebenso verstörenden Eindruck wie der Auftritt der Mannschaft im Olympiastadion.

Selbst mit einer Nacht Abstand äußerte sich Dardai ungewohnt wohlwollend. „Fachlich kann ich der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Die Statistik lügt nie“, sagte Dardai. Die Statistik wies 55 Prozent Ballbesitz für seine Mannschaft aus, 55 Prozent gewonnener Zweikämpfe, 112 Kilometer Laufleistung. Er habe keinen Spieler gesehen, der nur spazieren gegangen sei, die Mentalität sei also in Ordnung gewesen – und 13 Torschüsse, das sei „ein großer Job“ gewesen. „Für Hertha-Verhältnisse haben wir ein sehr gutes Spiel gemacht“, sagte er. „Es gibt keine Krise.“

Unmittelbar nach dem Schlusspfiff hatte es auch andere Stimmen gegeben. Von Herthas Spielern. Valentino Lazaro zum Beispiel fand den Auftritt seiner Mannschaft gegen Fortuna nicht besonders prickelnd, da nicht konsequent genug im Spiel nach vorne und zu nachlässig in der Defensive. Das Verhalten vor dem 1:2 sei doch ein Paradebeispiel gewesen, sagte der Österreicher: „Wir begleiten sie nur, als ging’s um gar nichts mehr. Wir sind nicht wach. Da ist kein Wille hinter.“ Marko Grujic sah es ähnlich. „Wir sind nicht richtig konzentriert, gehen nicht mit 100 Prozent in die Zweikämpfe.“ Er könne sich vorstellen, „wie es von außen aussieht“, sagt der Mittelfeldspieler. „Wir wirken in den Zweikämpfen, als wären wir nicht richtig frisch.“ Eigentlich müsste sich die Mannschaft das Spiel noch 100-mal anschauen. Oder 200-mal.

"Das ist sogenannter geplanter Mord"

Durch die Niederlage ist Hertha hinter Fortuna Düsseldorf in der Tabelle auf Platz elf zurückgefallen. „Fortuna ist ein Gegner, gegen den wir gewinnen müssen. Die haben sicher nicht mehr Qualität als wir“, sagte Grujic. „Aber sie haben mehr Charakter und Motivation gezeigt. Das ist unmöglich.“ Beide Begegnungen mit dem Aufsteiger hat Hertha in dieser Saison verloren, und das Spiel vom Samstag bestätigte den inzwischen vorherrschenden Eindruck, dass die Mannschaft ziellos dem Saisonende entgegenschwebt, sie es nicht schafft, sich aus sich selbst heraus ausreichend zu motivieren, nachdem die Aussicht auf eine Qualifikation für den Europapokal endgültig zerstoben ist.

Dardai sagt, dass es dieses Ziel nie gegeben hat – obwohl viele Spieler in den vergangenen Wochen immer wieder von der nun wohl allerletzten Chance gesprochen haben, noch einmal oben anzugreifen. „Wir dürfen die Erwartungen nicht hochschrauben, das habt ihr gemacht“, sagte Dardai am Sonntag zu den Journalisten. Europa League oder gar Champions League: „Das war nie realistisch, das kommt von außen.“ Wer das nicht einsehe, der lüge. „Das ist wahrscheinlich so genannter geplanter Mord“, sagte Herthas Trainer. Man schreibe die Mannschaft hoch, um sie anschließend wieder herunterzuschreiben. „Ab und zu habe ich das Gefühl, ihr lebt von der Schadenfreude. Das ist nicht gut. Wahrscheinlich war euch langweilig“, behauptete Dardai.

Der Ungar ist eigentlich ein geschickter Öffentlichkeitsarbeiter. Er stellt sich nach jedem Spiel den Journalisten, er antwortet auf jede Frage – nicht mit irgendwelchen belanglosen Floskeln, sondern fachlich substanziell. Anders als viele andere Trainer nutzt Dardai dadurch die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge zu transportieren. Auch deshalb haben die Berliner Medien, anders als von ihm behauptet, immer Verständnis aufgebracht für die Zwänge, unter denen Dardai arbeiten muss. Mehr als viele Fans in der Kurve, in der es inzwischen eine Pro- und eine Contra-Dardai-Fraktion gibt. Die Contra-Fraktion fragt längst, wo die Fortschritte sind, warum die Mannschaft nicht schneller vorankommt. Am Sonntag ist Dardai mit seiner Medienschelte an den Grenzen der PR angelangt. Irgendwann verfangen die schönen Botschaften nicht mehr, wenn sie nicht auch durch die Realität unterfüttert werden.

Der Druck auf Dardai wächst

Dass der Trainer seine Mannschaft nicht öffentlich bloßstellen will, ist sein gutes Recht. „Es wäre Quatsch, mit unsicheren Spielern auch noch zu schimpfen“, sagt er. Aber nach seinem Auftritt am Sonntag bleibt der Eindruck, dass Dardai die Dinge unnötig beschönigt – und dass er sich dabei verrennt. Vermutlich spürt auch er, dass der Druck auf ihn wächst. Weniger von außen als von innen. Manager Michael Preetz hat schon vor der Saison attraktiveren Fußball eingefordert, er hat sich nach dem Ende der Hinrunde ungewohnt kritisch geäußert und auch nach dem 0:5 in Leipzig klare Worte gefunden. „Er hat das Recht, so etwas zu sagen. Er kann auch Druck ausüben und mich kritisieren“, sagt Dardai. „Damit habe ich kein Problem.“

Dardai bewegt sich in einem komplizierten Spannungsfeld. Da ist einerseits der Wunsch in und rund um den Verein, schneller zu wachsen; andererseits muss Dardai mit den finanziellen Zwängen klarkommen. „Ich kann von einem Spieler, der eine Million kostet, keine Leistung erwarten, die 60 Millionen Euro wert ist“, sagt Herthas Trainer. Aber er sieht bei Herthas Mannschaft auch die Tendenz, zu jung zu werden, zu unerfahren. „Das ist ein Riesenproblem.“ Gerade deshalb müsse man realistisch bleiben, findet Dardai. „Ich muss auch jeden Sommer akzeptieren, welche Philosophie wir haben. Und der Manager muss es auch akzeptieren, dass er nicht 60, 70 Millionen Euro ausgeben kann.“

Dardai sieht sich als perfekten Trainer für diese Philosophie, als Entwickler und Bessermacher. „Ich helfe sehr gerne, solange es funktioniert“, sagt er. „Bis jetzt hat es hervorragend funktioniert.“ Wenn das irgendwann nicht mehr der Fall sei, wenn die Mannschaft sich durch ihn oder seine Methoden blockiert fühle, dann sollten die Spieler zum Manager gehen und ihn davon in Kenntnis setzen. „Dann soll ein anderer kommen. Das ist nicht schlimm. Es geht nicht um Pal Dardai. Es geht um Hertha BSC.“

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