Nachruf auf Graciano Rocchigiani : Ein Leben voller Brüche und großer Comebacks

Graciano Rocchigiani ist tot. Er führte ein Leben mit Höhen und Tiefen, erlebte Abgründe. Unser Autor hat die Karriere des Boxers begleitet. Ein Nachruf.

Graciano Rocchigiani hat das Leben eines Rockstars geführt.
Graciano Rocchigiani hat das Leben eines Rockstars geführt.Foto: imago/Oliver Hardt

Seinen lukrativsten Kampf hat Graciano Rocchigiani vor Gericht gewonnen. Das war im September 2002, als ihm ein New Yorker Gericht 31 Millionen Dollar Schadenersatz zusprach. Der World Boxing Council (WBC) hatte ihn den WM-Gürtel, den er am  21. März 1998 in Berlin gegen den Amerikaner Michael Nunn gewonnen hatte, mit fadenscheinigen Begründungen abgeknöpft. Wieder einmal schien Rocchigiani der Geleimte zu sein. Doch dann verdonnerte das Gericht den WBC. Weil der Weltverband Konkurs anmeldete, ging Rocchigiani  Mitte Juli 2004  auf ein Vergleichsangebot von 4,5 Millionen US-Dollar ein.

Das Leben von Graciano Rocchigiani, der im Dezember 1963 in Rheinhausen, Duisburg, geboren wurde, aufgewachsen in Berlin-Schöneberg, schien nun einen neuen, einen ganz anderen Dreh zu nehmen. Bis dahin galt Rocky als Bad Boy der Szene. Sein Leben drum herum bestand aus Lust und Laster.

Graciano Rocchigiani hat das Leben eines Rockstars geführt. Hat nicht viel gefehlt, und es hätte ihn beinahe völlig aus der Bahn geworfen. Ein Leben mit Höhen und Tiefen, auch Abgründe; ein Leben mit Frauen, Suff und noch härteren Sachen. Ein Leben verprasster Millionen, und verpasster Chancen, voller Brüche, großer Comebacks und neuer Downs. Ein filmreifes Leben – wenn man es romantisch nimmt.

Graciano Rocchigiani während der Präsentation seiner Biografie: Titel: Meine 15 Runden.
Graciano Rocchigiani während der Präsentation seiner Biografie: Titel: Meine 15 Runden.Foto: Imago/Suedraumfoto

Über den VSB Schöneberg, wo er zusammen mit seinem Bruder Ralf mit dem Boxen begann, landete er bei den Neuköllner Sportfreunden. 1978 wurde er deutscher Schülermeister, vier Jahre später Deutscher Meister bei den Senioren. Er boxte ein paar Mal für die deutsche Nationalstaffel und wechselte 1983, ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Los Angeles, zu den Profis. Er landete bei Wolfgang Wilke, Kneipier von Beruf, Typ massiger Gemütsmensch. Mit 25 wurde Rocky das erste Mal Weltmeister. Der dritte Deutsche nach Schmeling (1930/32) und Eckhard Dagge (1976/77). Anderntags brachte die ARD die Meldung in der Tagesschau. Das war 1988.

Meist war es die Geschichte eines Gestrauchelten

Auf der anderen Seite Deutschlands ist Henry Maske gerade Olympiasieger geworden. Während dieser an seiner Karriere als Staatsamateur feilte, schmiss Rocky seinen Titel weg. Die einen sprachen von Gewichtsproblemen, andere sagten, Rocky sei größenwahnsinnig geworden. Die Wahrheit lag irgendwo in der Mitte. Dir sage halt keiner, wie du mit Ruhm und Reichtum umzugehen hast. Noch dazu in Kreisen, in denen sich Rocky aufhält. Von Rocky heißt es damals, dass er es denen, die es vielleicht gut meinten, schwer machte, und jenen, die es auf sein Geld abgesehen hatten, leicht. Im Erfolg, so heißt es, macht man die schlimmsten Fehler. Entweder man stürze ab oder aber man könne den Erfolg „irgendwie sichern“, wie er mal erzählte. Dafür müsse man solide leben. „Der Maske konnte mit dem Erfolg sachlich umgehen. Ich konnte das nicht.“

Das Gespräch mit Graciano Rocchigiani fand im Dezember 2013 statt, am Stadtrand von Berlin. Wenige Tage vor seinem 50. Geburtstag. Termine wie diese hat  Rocky  nie gemocht. Mit den Jahren und den vielen Geschichten, die über ihn geschrieben wurden und oft auch richtig waren, ist er misstrauisch geworden. Sein Leben sei auserzählt, jeder hätte doch geschrieben, was er wollte. Meist war es die Geschichte eines Gestrauchelten. Rocky lächelte. „Macht ja nüscht.“

Im Boxring fühlte er sich sicher. Hier konnte er sich auf seine Instinkte verlassen, die ihn außerhalb so oft im Stich ließen oder gar ihn die Quere kamen. Als Rocky damals im Dezember 2013 auf sein Leben blickte, so teilte er es in „schöne Momente“ und in „beschissene“. Seine Erfolge, die großen Kämpfe, teilweise auch Schlachten zählen zu den besseren Momenten. Wie auch der Sieg vor dem New Yorker Gericht.

Rocky begleitete den Prozess aus dem Hafturlaub. Er verbüßte gerade eine Strafe wegen Fahrens ohne Führerschein, Beleidigung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Es klang wie ein Märchen. Ausgerechnet Rocchigiani, die traurige Figur der Branche, der Jailhouse-Rocky, wie die Amis ihn nannten, hatte den Weltboxverband verknackt.

Rocky war der Gegenentwurf zum Gentleman-Boxer Henry Maske

Von dem vielen Geld aus dem Vergleich bekam seine damalige Frau  ihren Anteil, der Staat und natürlich die Anwälte. Der WBC hoffte, den Knacki aus Berlin über die Prozessdauer auslaugen zu können. Rocky schoss all sein Geld in den Prozess. Als es aufgebraucht war, beteiligte er die Anwälte am erwartbaren Gewinn zu 30 Prozent. „Ich habe gut gelebt und manche andere haben auch gut gelebt von meinem Geld“, erzählte Rocky damals kurz vor seinem Fünfzigsten. Vorwürfe mache er niemanden. Aber die Stütze habe er im vorigen Jahr ohne schlechtes Gewissen beantragt. Er habe genug Steuern bezahlt.

In den vergangenen Monaten hatte Rocchigiani für den  TV-Sender Sport1 gearbeitet, für den er vereinzelt auch Kämpfe kommentierte. Geplant und in Arbeit  war eine Art Casting-Show. „The Next Rocky“ sollte Nachwuchstalente entdecken, fördern und bei ihrem Weg in den Ring begleiten.

Mitte der Neunziger boomte das Berufsboxen in Deutschland. Maske und RTL holten Leute an den Ring, die sich zuvor allein beim Gedanken daran geschüttelt haben. Das Boxen wurde fernsehgerecht serviert, mit hymnischer Musik, Feuerwerk und Laserstrahlen. Bis das Ganze in dieser glattgebügelten Inszenierung zu erstarren drohte. Maske ist nur eine Woche jünger als Rocchigiani. Maske ist heute   ein gemachter Mann ohne Chaos-Karriere. Anders als Rocky, wie gemacht für einen Kampf. Rocky als der Gegenentwurf zum Gentleman-Boxer. Das Gute gegen das Böse, für diese Rolle war Rocky samt seiner rauen Vita ausgeguckt. Der Gute war er nie.

Als Typ rief Rocky Bewunderung, Abneigung und Empörung hervor.
Als Typ rief Rocky Bewunderung, Abneigung und Empörung hervor.Foto: imago/HJS

„Der Wessi haut dem Ossi auf die Schnauze, der Ossi haut dem Wessi auf die Schnauze“, polterte Rocchigiani vor dem Duell. An jenem Abend im Mai 1995 marschierte Rocky zum „Lied vom Tod“ in die Westfalenhalle ein. Er haute Liebling Maske um und wurde doch zum Verlierer nach Punkten erklärt. Über 13 Millionen Deutsche sahen zu.

Schon 1994 gegen Chris Eubank wurde Rocky verschaukelt. Es war seine erste Niederlage überhaupt, „gefühlt die schlimmste“, wie er sagt, „weil sie meinen Rekord kaputt machte“. Sein Nimbus war flöten, sein Image nicht mehr zu retten. Doch die verschaukelten Kämpfe brachten ihm Sympathien ein. Er galt als ehrliche Haut mit Kämpferherz. Nicht zuletzt durch den Skandalkampf im August 1996 gegen Dariusz Michalczewski. In diesem WM-Kampf wurde er wegen harmlosen Nachschlagens disqualifiziert. Ein glattes Fehlurteil. Gram? „Nö“, sagte Rocky damals im Dezember 2013, „die wissen schon, wer den Ring damals als Sieger verlassen hat. Das reicht mir.“

Als Typ rief Rocky Bewunderung, Abneigung und Empörung hervor. Sein neun Monate älterer Bruder Ralf sagte mal: „Die Leute mögen ihn, weil er meint, was er sagt.“ Zu Michalczewski sagte Graciano Rocchigiani vor dem Rückkampf: „Es gibt schlaue Deutsche und schlaue Polen. Aber du bist ein dummer Pole.“ Rocchigiani verlor den Revanchekampf, wie auch den zweiten gegen Maske.

Viele  Jahrzehnte lang hat Graciano Rocchigiani mit seinen Launen und Lastern Schlagzeilen produziert. Gemocht hat er das Boxen nie - und doch nie anderes gemacht. Es machte ihn reich und arm zugleich. „Ich bin immer noch ein zufriedener Mensch, auch wenn viel schief gelaufen ist“, sagte Rocky.

Wie am Dienstag bekannt wurde, starb der frühere Boxweltmeister am Montagabend auf Sizilien bei einem Verkehrsunfall. Er ist als Fußgänger von einem Auto überfahren worden. Rocchigiani wurde 54 Jahre alt. 

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