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Nationalspieler wechselt aus München in die Heimat : Maodo Lô und Alba Berlin – nun hat es doch geklappt

Für Alba ist die Verpflichtung von Nationalspieler Maodo Lô aus München ein sportlicher Coup. Für den gebürtigen Berliner bedeutet der Wechsel noch viel mehr.

Leonard Brandbeck
Bald gemeinsam: Maodo Lô (rechts) und Peyton Siva sollen sich in der kommenden Saison um Albas Spielaufbau kümmern.
Bald gemeinsam: Maodo Lô (rechts) und Peyton Siva sollen sich in der kommenden Saison um Albas Spielaufbau kümmern.Foto: Imago

Sechs Tage zählte der Kalender noch bis Heiligabend. Maodo Lô hatte dennoch schon einmal in der Heimat vorbeigeschaut. Und dabei mächtig Eindruck hinterlassen. „Warum spielt er nicht bei Alba?“, wollten die Journalisten deshalb von Marco Baldi wissen, als der Geschäftsführer des Berliner Basketball-Bundesligisten im vergangenen Dezember nach dem Euroleague-Spiel seines Teams gegen Bayern München zu später Stunde im VIP-Bereich noch Rede und Antwort stand.

Kurz zuvor hatte Lô, geboren und aufgewachsen in Berlin, aber nun für die Bayern am Ball, Alba quasi im Alleingang zur Strecke gebracht. Zwei wahnwitzige Dreier aus vollem Lauf hatte er in den letzten zehn Sekunden der regulären Spielzeit durch die Reuse geschossen, seine Münchner damit in die Verlängerung gerettet und dort auch noch Sekunden vor dem Ende die beiden entscheidenden Freiwürfe zum 77:76-Sieg verwandelt. Ein Junge aus Charlottenburg hatte den Klub aus Charlottenburg erledigt.

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Warum spielt so einer also in München, nicht in Berlin? „Da müsst ihr ihn fragen, die Möglichkeit hat er“, antwortete Marco Baldi lapidar. Man habe in der Vergangenheit „nichts unversucht gelassen“, um ihn nach Berlin zu holen. „Maodo hätte hier schon spielen können“, erklärte Baldi, bevor er noch ein paar einladende Worte hinterherschickte: „Und das kann er auch in Zukunft.“

Diese Zukunft ist jetzt. Am Mittwochvormittag verkündeten erst Bayern München und anschließend Alba Berlin die Nachricht, auf die in den vergangenen Tagen schon vieles hinausgelaufen war: Maodo Lô wird die Münchner nach zwei Jahren verlassen und in seine Heimat zurückkehren. In der kommenden Spielzeit trägt der Aufbauspieler das Trikot von Alba Berlin – das erste Mal überhaupt in seinen über 27 Lebensjahren.

Denn die Geschichte von Maodo Lô ist nicht die typische Geschichte des ambitionierten Berliner Nachwuchsbasketballers, der irgendwann, wenn sich abzeichnet, dass er zu Höherem berufen ist, seinen kleinen Jugendverein verlässt und zum großen Vorzeigeklub Alba Berlin wechselt, um dort den Kurs Richtung Profikarriere einzuschlagen.

Alba Berlins Zugänge im Sommer 2020

  • Maodo Lô (Aufbau; Bayern München, Deutschland)
  • Louis Olinde (Flügel; Bamberg, Deutschland)
  • Simone Fontecchio (Flügel; Pallacanestro Reggiana, Italien)
  • Ben Lammers (Center; Bilbao Basket, Spanien)

Lô flog immer ein bisschen unter dem Radar und hielt es deshalb mit den kleineren Teams von DBV Charlottenburg und Central Hoops. „Da hatte ich das Gefühl, dass ich in meiner Jugendkarriere etwas übersehen wurde“, hat er dem Tagesspiegel im vergangenen Jahr gesagt. „Ich hatte keinen Bezug zu Alba.“ Auch in den U-Nationalteams spielte er kaum eine Rolle. Erst durch seine Leistungen an der New Yorker Columbia University machte der Aufbauspieler auf sich aufmerksam.

Danach hätten die Berliner ihn sehr gerne verpflichtet. Doch im Sommer 2016 war Alba Berlin nach der Trennung von Trainer Sasa Obradovic im Umbruch, Sportdirektor Himar Ojeda war noch nicht lange im Amt, und gleichzeitig winkte Lô ein nicht ganz unansehnlicher Vertrag bei den damals so dominanten Bambergern.

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Es wurde also Franken statt Berlin. „Ich habe mich nicht gegen Berlin entschieden, sondern für Bamberg“, betonte Lô. Und weil er sich dort prächtig weiterentwickelte, zu einer Stütze des Nationalteams und einem Spieler von Euroleague-Format reifte, kam zwei Jahre später der nächste deutsche Dominator zum Zug: Bayern München.

Bei Alba war der Wunsch nach einer verspäteten Charlottenburger Vereinigung dennoch weiterhin spürbar: Er würde mit seinem Tempo und seiner Zockermentalität doch so gut in das Konzept von Coach Aito Garcia Reneses passen, war es von den Alba-Verantwortlichen immer wieder zu hören, hier würde er endlich einmal den nötigen Freiraum für seine Fähigkeiten erhalten und trotzdem noch dazulernen können.

Alba Berlins Abgänge im Sommer 2020

  • Martin Hermannsson (Aufbau; Valencia BC, Spanien)
  • Makai Mason (Aufbau; Basquet Manresa, Spanien)
  • Kenneth Ogbe (Aufbau/Flügel; Bamberg, Deutschland)
  • Rokas Giedraitis (Flügel; Baskonia Vitoria-Gasteiz, Spanien)
  • Tyler Cavanaugh (Flügel; Teneriffa, Spanien)
  • Landry Nnoko (Center; Roter Stern Belgrad, Serbien)

Und Lô selbst machte aus seiner Liebe zu Berlin, wo er nicht nur durch seine Mutter, die Künstlerin Elvira Bach, fest verwurzelt ist, nie einen Hehl: „Berlin ist mein Zuhause – meine Freunde, meine Familie, meine Kindheit, meine Erinnerung, mein Alles“, sagte er im vergangenen Jahr. „Ich bin Hardcore-Berliner.“ Albas Möglichkeiten schien er dennoch schlicht entwachsen.

Doch Zeiten ändern sich. Nach der verkorksten vergangenen Saison steht nun in München der große Umbruch an. Mit Andrea Trinchieri ist ein neuer Trainer da, Leistungsträger wie Danilo Barthel oder Greg Monroe verlassen den Klub, Lôs Vertrag lief aus. Die Bayern hätten ihn zwar gerne gehalten, jedoch nicht um jeden Preis.

Der Nachfolger: Maodo Lô (links) beerbt bei Alba Berlin Martin Hermannsson (rechts).
Der Nachfolger: Maodo Lô (links) beerbt bei Alba Berlin Martin Hermannsson (rechts).Foto: Imago

Zugleich haben sich Lôs Verbindungen nach Berlin noch einmal intensiviert, durch die Unwägbarkeiten der Coronakrise, aber auch durch den frühen Tod seines älteren Bruders im vergangenen Jahr. Er denke, „dass das nächste Jahr in Berlin am meisten Sinn für mich persönlich macht“, wird Lô in seiner Verabschiedung bei den Bayern zitiert. „Inmitten dieser verrückten und ungewissen Zeit, in Kombination mit einigen familiären Umständen bei mir, ist es viel wert für einen Berliner Jungen wie mich, zu Hause zu sein.“

Lôs Entscheidung für Alba ist also eine, die weit über das Sportliche hinausgeht und vermutlich auch nur deshalb so zustande kommen konnte. Für die Berliner ist sie ein echter Coup, einer der größten Transfers der vergangenen Jahre, durch den vor allem der Abgang von Martin Hermannsson nicht mehr so schwer ins Gewicht fallen sollte.

„Er ist ein sehr talentierter Basketballer, der seine Qualitäten in den letzten Jahren in der Euroleague immer wieder unter Beweis gestellt hat“, sagt Sportdirektor Ojeda und ist „überzeugt, dass er sich im Alba-Programm noch weiter verbessern kann“. Das glaubt auch Lô, dem es gefällt, „mit welcher Begeisterung und wie attraktiv“ das Team spielt. Auch deshalb hat er sich für Alba entschieden. Vor allem aber für: Berlin.

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