• Philosoph Gebauer über die Coronavirus-Krise: „Der Live-Sport kann nicht ersetzt werden“

Philosoph Gebauer über die Coronavirus-Krise : „Der Live-Sport kann nicht ersetzt werden“

Philosoph Gunter Gebauer spricht im Interview über fehlenden Sport in Zeiten der Coronavirus-Pandemie, Geisterspiele und Bundestrainer Joachim Löw.

Geisterspiel. Wie hier in Sydney könnten in Deutschland nur Fußballspiele ohne Zuschauer stattfinden.
Geisterspiel. Wie hier in Sydney könnten in Deutschland nur Fußballspiele ohne Zuschauer stattfinden.Foto: Imago/AAP

Gunter Gebauer, 76, ist Philosoph und Sportwissenschaftler. Er war Professor an der Freien Universität Berlin und beschäftigt sich unter anderem intensiv mit der Soziologie des Sports. Deshalb haben wir mit ihm über die Auswirkungen des Coronavirus auf den Sport und die Gesellschaft gesprochen.

Herr Gebauer, der Zuschauersport ist wegen der Coronavirus-Pandemie fast komplett zum Erliegen gekommen. Handelt es sich hierbei um ein völlig neues Phänomen oder gab es ähnliche Krisen schon einmal?
Mir ist so etwas nicht bekannt. Selbst in den Weltkriegszeiten war der sportliche Stillstand nicht so allumfassend wie jetzt. Die Baseball-Spielzeiten in den USA beispielsweise wurden im Zweiten Weltkrieg ausgetragen. Überhaupt hat sich der Zuschauersport in seiner Geschichte immer als sehr zäh erwiesen, weil die Menschen die Ablenkung und Entspannung durch den Sport gerade in Krisenzeiten brauchen.

Philosoph und Sportwissenschaftler: Gunter Gebauer.
Philosoph und Sportwissenschaftler: Gunter Gebauer.Foto: Horst Galuschka/dpa

Das macht Hoffnung, dass es bald wieder weitergeht.
Zumindest ist dies das Bestreben der Gesellschaft, denn der Sport trägt zum Funktionieren einer Gesellschaft bei.

Inwiefern?
Er ermöglicht soziale Gelegenheiten, man trifft sich zum Spiel. Sport bietet auch eine zeitliche Struktur der Organisation der Woche, des Jahres. Vor allen Dingen aber ist der Zuschauersport ein Gesprächsthema. Über Fußball beispielsweise kann man fast mit jedem reden, mit dem Postboten oder dem Philosophieprofessor.

Dagegen können die beiden vermutlich nicht über die letzte Theateraufführung in der Stadt sprechen. So spielt der gesellschaftliche Status im Sport überhaupt keine Rolle. Diese Gespräche sind vielleicht oberflächlich, aber dadurch bildet der Sport ein sehr feines Netz in der Gesellschaft.

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Kann das Fehlen des Sports durch andere Themen kompensiert werden?
Das sehe ich nicht. Vor allem nicht so schnell. Natürlich kann die dadurch gewonnene Zeit jedes Sportinteressierten durch mehr Lektüre oder mehr Zeit für die Familie sinnvoll genutzt werden. Dennoch wird vielen Menschen etwas fehlen. Der Live-Sport kann auch sicher nicht durch E-Sport oder die Wiederholung alter Spiele ersetzt werden.

Es entsteht dadurch eine gewisse Leere. Gerade für eher introvertierte Menschen mit vielleicht etwas weniger sozialen Kontakten ist der öffentliche Raum durch große Sportveranstaltungen wichtig. Wenn dieser Raum nicht mehr da ist, ist das in dieser belastenden Zeit sehr ungünstig.

Joachim Löw verknüpfte mit der Coronavirus-Krise jüngst die Hoffnung, dass der Profi-Fußball mit seinem irrwitzigen Wachstum entschleunigt werden könnte. Ist das realistisch?
Wenn schon der Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft so etwas sagt, der ja auch für diese Entwicklung steht, dürfte es im Fußball noch viele andere mit einer ähnlichen Meinung geben. Aber vermutlich hat er das gesagt, weil er unter so großem Druck steht, eben weil der Fußball einen so hohen Stellenwert erreicht hat. Das geht inzwischen sogar so weit, dass er für Staaten – etwa in den Golfregionen – von politischem Nutzen ist. Und natürlich ist die wirtschaftliche Komponente des Fußballs immens. Es wäre wünschenswert, wenn das alles ein bisschen gedimmt würde. Doch ob es wirklich so kommen wird, kann im Moment niemand sagen.

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Glauben Sie, dass Sportveranstaltungen vor vielen Zuschauern in diesem Jahr noch möglich sind?
Ein Impfstoff gegen das Virus ist nach einhelliger Meinung bis zum Herbst nicht zu erwarten. Und Medikamente können nur mildern. Letztlich muss man in dieser Frage auf das hören, was die Seuchenbekämpfer sagen und nicht auf das, was die Verantwortlichen der Klubs oder der Ligen gerne möchten.

Was möchten sie denn gerne?
Na, dass es so schnell wie möglich wieder losgeht. Ich kann das auch verstehen, weil der wirtschaftliche Druck enorm groß ist. Die Klubs müssen ihre Spieler und vieles mehr bezahlen und es gibt sportartenübergreifend viele Vereine, die wegen der nun wegfallenden Einnahmen vor dem Konkurs stehen. Doch ich habe nicht das Gefühl, dass die Entscheidungsträger gerade im Fußball einen richtigen Blick auf die Problematik haben.

Woran machen Sie das fest?
Schon vor mehreren Wochen, als das Virus gerade in Deutschland angekommen war, hatte ich in einem Interview gesagt, dass auf den Fußball eine Krise zukommen würde. Dortmunds Vorstandschef Hans-Joachim Watzke meinte anschließend in der „Sportschau“, dass der Philosoph ein Problem mit dem Fußball habe und meinte damit wohl mich. Da lag er ziemlich daneben. Ich bin sogar BVB-Fan. Aber aus dem Sport, gerade von den Verantwortlichen im Fußball, gibt es kaum ein Problembewusstsein für die Krise. Das zeigt sich auch jetzt wieder in der Diskussion um die Geisterspiele.

Keine Geisterspiele? Fußball-Ultras sprechen sich gegen Fortsetzung der Bundesliga-Saison aus.
Keine Geisterspiele? Fußball-Ultras sprechen sich gegen Fortsetzung der Bundesliga-Saison aus.Foto: Fabian Strauch/dpa

Warum?
Um Geisterspiele im Profi-Fußball durchzuführen, bräuchte es mehrere zehntausende Tests über einen langen Zeitraum. Es darf also auf keinen Fall die Situation entstehen, dass es für die Kranken in Deutschland nicht genug Testkapazitäten gibt, aber für junge, sportliche und ungefährdete Männer werden diese Tests zur Verfügung gestellt. Diese Bedenken müssen unbedingt ausgeräumt werden. Wie wollen Sie das der Gesellschaft sonst erklären?

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Sollte es dennoch irgendwann zu Geisterspielen kommen – können diese normale Spiele ersetzen?
Sie können den Hunger der Fans nach Fußball ein bisschen stillen. Aber Geisterspiele sind wie das Schwarzbrot für den Gourmet. Er hat was zu beißen, aber viel mehr ist das nicht. Für die Klubs können diese Geisterspiele natürlich überlebenswichtig sein, weil – besonders im Fußball – viele Millionen Euro an TV-Geldern dann noch an sie ausgezahlt würden.

Grenzen werden wegen des Virus derzeit geschlossen. Kaum etwas ist globaler als der Sport mit seinen vielen internationalen Wettbewerben. Könnte sich diese Entwicklung durch die Krise etwas zurückdrehen und der nationale Charakter des Zuschauersports sich wieder mehr ausprägen?
Im Moment ist ein Grenzübertritt in viele Länder nicht möglich oder mit einer direkten Quarantäne bei der Einreise verbunden. Und eine Virus-Epidemie, die nicht vollständig kontrolliert wird, dürfte immer mit eingeschränkter Reisefreiheit verbunden sein. Insofern dürfte der internationale Sportverkehr tatsächlich länger ruhen als der nationale.

Aber ich denke nicht, dass sich die Uhr im Sport zurückdrehen wird in die Siebzigerjahre, als nationale Sportveranstaltungen noch einen größeren Stellenwert hatten. Ich kann mir zum Beispiel nur schwer vorstellen, dass das Berliner Leichtathletikmeeting Istaf mit nationalen Leichtathleten ähnlich gut besucht würde. Die Leute wollen Top-Leistungen sehen, und die gibt es vor allem dann, wenn die besten Sportler auf der ganzen Welt dabei sind.

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