Teresa Enke im Interview : „Das ist eine Krankheit, die kann jeden treffen“

Im Interview spricht Teresa Enke über ihr Leben, über den Umgang mit Depressionen und die Zeit vor zehn Jahren.

Teresa Enke, Vorsitzende der Robert Enke Stiftung, stellt eine Aufklärungskampagne über Depressionen vor.
Teresa Enke, Vorsitzende der Robert Enke Stiftung, stellt eine Aufklärungskampagne über Depressionen vor.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Vor zehn Jahren nahm sich der frühere Fußball-Nationaltorwart Robert Enke mit 32 Jahren das Leben. Nur einen Tag später machte seine Witwe Teresa Enke bei einer Pressekonferenz seine Depressions-Erkrankung öffentlich. Die heute 43-Jährige erhielt dafür viel Anerkennung und Bewunderung. Mittlerweile leitet sie die Robert-Enke-Stiftung, die die Erforschung und Behandlung von Herzkrankheiten bei Kindern sowie Depressionen unterstützt. Die dpa hat mit ihr gesprochen.

Frau Enke, Sie sitzen hier ganz in der Nähe der Robert-Enke-Straße und des Stadions, in dem Ihr Mann früher immer gespielt hat. Was löst das zehn Jahre nach seinem Tod in Ihnen aus?
Ich lebe seit zwei Jahren wieder in Hannover. In der ersten Zeit war das schwer, weil die Erinnerungen sehr schmerzhaft waren und ich solche Plätze deshalb auch gemieden habe. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier, irgendwann prallt einem das nicht mehr so entgegen. Meine Tochter geht hier zur Schule, an der Robert-Enke-Straße fahre ich jeden Tag vorbei. Es ist nicht mehr so omnipräsent wie am Anfang.

Gehen Sie in Hannover auch ins Stadion?
Per Mertesacker hat mich vor einem Jahr zu seinem Abschiedsspiel eingeladen. Das war schön, aber das war auch sehr hart. Da waren viele Ehemalige dabei, da habe ich zum ersten Mal das Stadion wiedergesehen und da kamen natürlich viele Emotionen hoch. Die alten Wegbegleiter wurden gefeiert, und ich habe mir vorgestellt, wie Robbi da im Tor steht und darin aufgegangen wäre. Ich war danach auch bei einem Spiel von Hannover 96 gegen den VfL Wolfsburg und im September beim Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande, weil das mit meiner Stiftungsarbeit verbunden war (Anm. d. Red.: Das Länderspiel fand in Hamburg statt). Ansonsten muss ich aber sagen: Ich war noch nie sehr Fußball-affin. Ich bin da früher reingeschubst worden. Mittlerweile kenne ich auch kaum jemanden mehr. Vorher gab es noch eine Verbundenheit zu ehemaligen Mitspielern von Robbi. Jetzt sagen mir die wenigsten Namen etwas.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit vor zehn Jahren?
Das war mit einer großen Wucht da, und diese Wucht ist auch geblieben. Ich habe ja nicht nur den geliebten Menschen verloren, sondern mein Leben hat sich komplett geändert. Ich war auf einmal eine alleinerziehende Mutter in einem großen Haus mit all den Sachen, die zurückgeblieben sind. Ich musste Dinge regeln, um die ich mich nie gekümmert hatte. Auch die Presse hat mich damals umgehauen, denn ich wurde wirklich noch lange Zeit von Journalisten bedrängt. Sie haben mich fotografiert, wenn ich spazieren gegangen bin und sind mir aufgelauert, wenn ich irgendwo hingefahren bin. Ich kann mich an alles noch sehr gut erinnern.

Wie sehen Sie im Nachhinein die Pressekonferenz, die Sie einen Tag nach dem Tod Ihres Mannes gegeben haben? Sie wurden damals als starke Frau bewundert. Sie haben die Öffentlichkeit aber auch sehr nah an sich herangelassen in diesem Moment.
Das stimmt. Aber die Pressekonferenz war kein Fehler. Sie müssen dazu wissen: Am Abend nach dem Tod war mein Haus voll. Ich weiß gar nicht mehr genau, wer alles da war: von Hannover 96, meinen Freunden, Robbis Berater und so weiter. Wir sprachen da bis nachts um zwei Uhr: Wer macht die Pressekonferenz? Was wird gesagt? Und irgendwann habe ich gesagt: „Stopp, ich kann das nicht mehr hören. Das ist mein Mann und ich werde sprechen. Ich verstehe das am besten und ich möchte der Öffentlichkeit sagen, was los war.“

Wie haben Sie die Reaktionen danach wahrgenommen?
Ich wurde später in Hannover mit dem Leibniz-Ring ausgezeichnet. Da habe ich mich sehr geehrt gefühlt, in einer Reihe mit großen Persönlichkeiten genannt zu sein - aber das war nie meine Intention. Ich wurde auf einen Sockel gestellt, den ich mir selbst gar nicht zugesprochen hätte. Ich wurde immer mit diesen Attributen versehen: Du bist so stark! Wie schaffst du das? Aber ich war gar nicht so stark. Bevor Robbi und unsere Tochter Lara gestorben sind, war ich eher zögerlich. Menschen, die mit dieser Frage zu mir kommen, sage ich immer: Du wächst mit deinen Aufgaben. Wenn du so gefordert wirst, kannst du das schaffen. Die Option musst du zulassen.

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Die schlimmste Zeit erleben viele erst nach der Beerdigung. War das auch bei Ihnen so?
Wir waren davor eine Familie – und auf einmal bist du allein. Ich bin an das Grab gegangen, und da standen zwei Namen drauf. Ich war so traurig darüber, dass ein Mensch so verzweifelt sein kann, dass er all das Schöne und Wertvolle hinter sich lässt. Das kommt einem so unwirklich vor. Meine Tochter hat mich damals weitermachen lassen. Sie kann nichts dafür, und ich konnte nicht zulassen, dass auch ihr Leben darunter leidet.

Können Sie das näher beschreiben?
Meine Tochter war neun Monate alt, als Robbi starb. Gott sei Dank ist sie ein glückliches Mädchen. Sie hat aber auch die ersten zwei Jahre miterlebt - und die waren durchaus schwer für sie. Auch wenn Psychologen sagen, man solle die Kinder mit in die Trauer einbeziehen: Wenn man sie sehr viel mit einbezieht, ist das auch nicht gut. Ich war traumatisiert und habe mich zu sehr in meine Trauer hineingesteigert. Und als meine Tochter anfing, zu sprechen und Sätze zu sagen, die mich tief berührt haben, sagte ich mir. So geht das nicht. Das war für mich ein Weckruf. Ich habe mir eine Auszeit gegönnt. Nach diesen acht Wochen war mir wirklich bewusst: Ich muss jetzt etwas verändern und bin dann eben nach Köln gezogen. Von da an ging mein Leben auch wieder sukzessive nach vorne.

Mittlerweile treten Sie regelmäßig öffentlich auf. Sie geben Interviews, besuchen Veranstaltungen. Ist das auch ein Teil Ihrer Verarbeitung?
Da geht es hauptsächlich um die Stiftungsarbeit. Aber dieses Darüber-Reden ist natürlich auch ein Stück der Trauerarbeit. Und das ist der Vorteil, den ich gegenüber Anderen mit einem ähnlichen Schicksal habe: Mein Mann ist immer noch präsent - auch für unsere Tochter. Für die meisten ist es ganz schlimm, wenn der Mensch, den sie verloren haben, irgendwann nicht mehr präsent ist. Aber Robbi ist immer noch ein großer Bestandteil meines Lebens: Sie sitzen hier, andere Zeitungen schreiben darüber. Damit kann man leichter leben, weil man weiß, dass der Mensch nicht in Vergessenheit gerät.

Was hat sich seit dem Tod von Robert Enke im Umgang mit dem Thema Depressionen in der Öffentlichkeit geändert?
Es wird viel mehr darüber berichtet und es wird ganz anders wahrgenommen. Wenn ich am Flughafen oder am Bahnhof stehe und die Titel der vielen Zeitungen sehe: Da geht es viel häufiger als früher um Depressionen, seelische Erkrankungen oder um mentale Hygiene. Das ist ein großes und mittlerweile auch öffentliches Thema geworden.

Ist vielen durch den Tod Ihres Mannes zum ersten Mal klar geworden, dass Depression eine Krankheit ist und keine Schwäche?
Ich habe damals am Anfang gesagt: Robbi ist als Märtyrer gestorben. Aber das war der falsche Ausdruck. Denn das hätte ja bedeutet, er sei mit der Absicht gestorben, etwas zu bewirken. Und das ist Quatsch. Eigentlich wollte ich ausdrücken: Sein Tod hat so viel bewegt, weil Menschen dadurch wachgerüttelt wurden. Auf einmal war diese Krankheit zu fassen. Da war ein erfolgreicher Sportler, der durch den Tod seiner Tochter zwar einen schweren Schicksalsschlag erlitten hatte, der aber gerade wieder Vater geworden war, der endlich im Tor der Nationalmannschaft stand und der auch finanziell völlig unabhängig war. Das war ein Leben, das vorher niemand mit Depressionen in Verbindung gebracht hätte. So aber wusste auf einmal jeder: Es ist egal, ob du erfolgreich oder reich bist: Das ist eine Krankheit, die kann jeden treffen.

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