• Vergewaltigunsvorwürfe gegen Fußballer: Neymar wird zur Belastung für die Selecao

Vergewaltigunsvorwürfe gegen Fußballer : Neymar wird zur Belastung für die Selecao

Brasiliens Superstar Neymar spielt nicht bei der Copa America und sorgt dennoch für Schlagzeilen. Der Fußballer spaltet die öffentliche Meinung.

Neymar steht in diesen Tagen und Wochen im Fokus der Öffentlichkeit - und der Behörden.
Neymar steht in diesen Tagen und Wochen im Fokus der Öffentlichkeit - und der Behörden.Foto: imago images / PanoramiC

Neymars letztes Spiel dauerte nur 13. Minuten. Dann kam der katarische Mittelfeldmann Assim Madibo angerauscht und trennte Brasiliens Superstar per Grätsche vom Ball. Neymar sank zu Boden, wurde vom Rasen gebracht, brach in Tränen aus. Wenig später die Bestätigung: schwere Knöchelverletzung und Ausfall für die Copa Ameríca, die am Freitag begonnen hat – ausgerechnet in Brasilien. Das Turnier gewann die Seleção zuletzt 2007. Es war ihr vorerst letzter Titel, sie steht also unter Erfolgsdruck. Aber niemand weiß, wie stark die Mannschaft wirklich ist. Sie hat ihr erstes Match gegen Bolivien in São Paulo 3:0 gewonnen, aber der schwache Gegner aus den Anden kann kaum als Gradmesser gelten.

Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgt der große Abwesende, Neymar. Die große Frage lautet: Ist sein Ausfall ein Problem oder nicht vielmehr eine Erleichterung für Nationalcoach Adenor Leonardo Bachi, genannt Tite? Denn Neymar ist zu einer Belastung geworden, was vor allem mit seinem schwierigen Charakter zu tun hat, so hört man es oft von brasilianischen Sportjournalisten. Er trage Unruhe in jedes Team.

Wie zur Bestätigung wird Neymar nun beschuldigt, ein brasilianisches Model in Paris vergewaltigt zu haben. Neymar streitet das ab, spricht von einer Falle, die man ihm gestellt habe. Es habe sich sich um einen normalen Vorgang zwischen Mann und Frau gehandelt. Er sei zwar angetrunken gewesen, sagte er in einem mehrstündigen Polizeiverhör in dieser Woche, und habe die Frau auch geschlagen, aber sie habe darum gebeten. Er sei sehr traurig.

Der Fall bewegt Brasilien, brachte es zwischenzeitlich auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Abendnachrichten. Die Vorgänge erscheinen verworren, die öffentliche Diskussion schwankt mit jedem neuen Detail hin und her. Sogar Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat sich eingeschaltet. Er besuchte Neymar im Krankenhaus. „Er ist ein Junge“, sagte Bolsonaro über den teuersten Fußballer der Welt. „Es ist ein schwieriger Moment, aber ich glaube ihm.“

Juristen kritisieren das Staatsoberhaupt für die Parteinahme in einem ungeklärten Kriminalfall. Allerdings drückte Bolsonaro aus, was viele denken: Ein unbedeutendes Mädchen versucht auf Kosten eines Stars berühmt zu werden. Die Anwältin Maíra Fernandes, die Neymar in dem Fall vertritt, ist als Feministin bekannt. Sie schrieb auf Facebook: „Ich bin davon überzeugt, dass der Vorwurf des Models falsch ist.“ Sie schade damit all den wirklichen Opfern sexueller Gewalt. Im Durchschnitt werde hier alle elf Minuten eine Frau vergewaltigt.

Was man bislang weiß: Das Model Najila Trindade aus São Paulo kontaktierte Neymar über Instagram. Neymar ging darauf ein, man schrieb sich über Whatsapp, und die Avancen der 26-Jährigen wurden eindeutiger. Das ist bekannt, weil Neymar das Gespräch bei Instagram postete. Die Frau sandte ihm auch Fotos in erotischen Posen. Wegen der Veröffentlichung dieser freizügigen Bilder muss Neymar sich nun zusätzlich juristisch verantworten.

Schließlich lud Neymar die Frau nach Paris ein, sie reiste Mitte Mai, Neymar übernahm die Kosten für Flug und Hotel. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Brasilien erstattete die junge Frau dann Anzeige gegen den Fußballer wegen Vergewaltigung.

Sie sagt, dass es ihr Traum gewesen sein, mit Neymar zu schlafen

Seitdem werden immer mehr Details bekannt, inklusive Filmaufnahmen, welche das Model heimlich per Handy gemacht hat. Sie sagt, dass es ihr Traum gewesen sein, mit Neymar zu schlafen. Er sei in ihr Hotel gekommen, man habe Zärtlichkeiten ausgetauscht, aber Neymar sei aggressiv geworden. Als sie sagte, dass sie nicht ohne Kondom mit ihm Sex haben würde, habe er sie auf den Bauch gedreht, auf den Hintern geschlagen und vergewaltigt. Sie verneinte, dass sie Neymar erpressen wollte. Sie verlange Gerechtigkeit und kündigte Beweise an. Weil sie diese bislang schuldig geblieben ist, legte ihr Anwalt bereits sein Mandat nieder.

Neymar ist nach Cristiano Ronaldo der zweite Fußballsuperstar, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wird. Beide Fälle ähneln sich, weil die Spieler zugeben, Sex mit den jeweiligen Frauen gehabt zu haben, aber die Vergewaltigung verneinen. Auch im Fall Ronaldo gibt es keine Eindeutigkeit. Aussage steht gegen Aussage.

Die Fälle einen also die beiden Fußballer. Was sie trennt: der Brasilianer fällt immer weniger auf dem Spielfeld und immer öfter außerhalb auf. In seiner Heimat halten viele Neymar deswegen für schwer erziehbar, verwöhnt und arrogant. Seine Unterstützer sagen entschuldigend, dass er eben noch ein „moleque“ sei, ein Bengel.

In die Kritik geriet Neymar in den vergangenen Jahren wiederholt. Bei der WM in Russland redete man mehr über seine Frisuren und sein ständiges Simulieren als über seine Pässe. Bei seinem Klub Klub Paris Saint-Germain genießt er Privilegien, die das Mannschaftsgefüge stören: Zwei private Physiotherapeuten kümmern sich während der Spiele einzig um ihn. Weiterhin hatte er Probleme mit dem spanischen Fiskus wegen nicht gezahlter Steuern bei seinem Wechsel für 222 Millionen Euro von Barcelona zu Paris. Zuletzt fiel er auf, weil er nach einer Niederlage gegen Manchester United die Schiedsrichter beschimpfte. Es trug ihm drei Spiele Sperre ein. Dann griff er während des französischen Pokal-Finales, bei dem er auf der Tribüne saß, einen Fan tätlich an. Erneut wurde er gesperrt.

Insofern stimmt es, dass Neymar eine schwierige Zeit durchmacht. Allerdings scheint der „Bengel“, der pro Saison 37 Millionen Euro verdient, dafür größtenteils selbst verantwortlich zu sein. Brasilien fehlt zwar sein derzeit größter Fußballer. Dafür wird sich das Team bei der Copa America stärker auf den Ball als auf die Schlagzeilen rund um Neymar konzentrieren dürfen.

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