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Die Sportvereine in Deutschland kämpfen um mehr Sensibilität für das Thema „Sexuelle Gewalt“.

© imago images/Westend61

„Aus Naivität fasst man keinem elfjährigen Kind an den Penis“: Früherer Jugendtrainer des 1. FC Union zu Bewährungsstrafe verurteilt

Nils H. soll seine Funktion als Jugendtrainer bei Union Berlin schamlos ausgenutzt haben. Der 28-Jährige ist am Mittwoch zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. 

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Das Urteil nahm Nils H. regungslos hin. Der 28-Jährige ist am Mittwoch vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Berlin zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt worden. Der Beschuldigte kann Revision einlegen, das Urteil ist daher noch nicht rechtskräftig.

Nils H. war wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt worden. Bereits vor wenigen Wochen hatte er ein Teilgeständnis abgelegt und zugegeben, dass er in seiner Funktion als Jugendtrainer in mehreren Fällen pornografische Inhalte Minderjährigen zugänglich gemacht habe.

H. forderte etwa über den Messengerdienst Snapchat einen Zwölfjährigen dazu auf, ihm Bilder seines Penis zu übersenden. In einem anderen Fall verlangte er gleich von mehreren Kindern, ihre Penisse zu vermessen.

Die besonders harten Fälle der Anklageschrift aber wurden weiter verhandelt. Darin ging es um körperlichen sexuellen Missbrauch von zwei elf Jahre alten Kindern. H. soll jeweils unvermittelt in den Genitalbereich der Jungen gefasst haben, um sich sexuell zu erregen.

Er nutzte Vertrauensverhältnis schamlos aus

Richterin Iris Berger-Sieg sah die Vorwürfe am Mittwoch als erwiesen an. Sein Vorgehen habe System gehabt, sagte sie bei der Urteilsbegründung. Er habe ein freundschaftliches Verhältnis zu Eltern und Kindern aufgebaut und dieses Vertrauensverhältnis schamlos ausgenutzt. „Die Eltern haben sich als Freunde begriffen und diese Taten niemals erwartet“, sagte sie. „Die Eltern konnten ihre Kinder nicht schützen.“ Die Richterin brachte zum Ausdruck, dass beide Kinder beeinträchtigt seien. Ein Kind befinde sich nach wie vor in psychotherapeutischer Behandlung.

Kinder sind in sexueller Hinsicht ein absolutes Tabu.

Richterin Iris Berger-Sieg 

Schon vor der Urteilsverlesung führte Berger-Sieg aus, dass die Taten von H. System gehabt hätten und nicht – wie der Angeklagte durch seinen Anwalt glauben machen wollte – spontan passiert seien. Kein Mensch könne etwas für seine sexuellen Präferenzen, sagte sie, aber jeder könne etwas für den Umgang mit der Sexualität. „Und Kinder sind in sexueller Hinsicht ein absolutes Tabu“, sagte sie.

Der Angeklagte sagte am Mittwoch, dass er seit zwei Jahren in einer festen Beziehung mit einer Frau lebe. Er sei glücklich in dieser Beziehung, wolle heiraten und versicherte, dass er nicht mehr mit Kindern arbeiten werde. Was vorgefallen sei, sei aus Naivität oder Unbedachtheit heraus geschehen, sagte H. Er wolle und müsse daran arbeiten. Daraufhin erwiderte die Richterin, dass „man aus Naivität heraus einem elfjährigen Kind nicht an den Penis fasst“.

Auch ein Elternteil eines der Opfer war zugegen und vor der Verhandlung recht aufgebracht. Er befürchte, dass nicht das bei dem Urteil herauskommen werde, was man sich als Elternteil wünsche, sagte er. Vermutlich ist für ihn nun genau das eingetroffen.

Nils H. bislang keine Vorstrafen

Richterin Berger-Sieg erklärte in der Urteilsbegründung, was für den Angeklagten spreche. So sei dieser bislang unbestraft gewesen und zudem geständig gewesen. „Dadurch ersparte er den Kindern eine Vernehmung.“ Außerdem sei die Tathandlung, ohne sie bagatellisieren zu wollen, in einem unteren Rahmen des Denkbaren. Zudem habe H. eine Therapiebereitschaft bekundet. Auch habe er bei Widerstand gegen die von ihm vorgenommenen sexuellen Handlungen aufgehört.

Der Fall war durch eine Mutter eines von H. trainierten Kindes ins Rollen gebracht worden. Sie meldete sich im Frühjahr 2023 bei der Kinderschutzbeauftragten des 1. FC Union. Der Beschuldigte soll ihrem Kind angeboten haben, in seiner Privatwohnung zu übernachten. H. gab vor, Trainingstipps zu geben.

Die Ermittler nahmen die Spur auf. Es gab eine Wohnungsdurchsuchung bei H. und eine forensische Auswertung seines Smartphones. Das Bild, das sich schnell zeigte: H. köderte die Kinder mit der Aussicht auf Privattrainingseinheiten sowie Tickets für Spiele des 1. FC Union.

Nach Entlassung geht Nils H. zu einem anderen Verein

Vor Union hatte H. bei anderen Vereinen als Trainer gearbeitet, unter anderem in Mariendorf und Rostock. Insgesamt soll er mit hunderten Kindern in Kontakt gestanden haben. Als beim 1. FC Union die Vorwürfe bekannt geworden waren, reagierte der Köpenicker Klub. Im Februar 2023 wurde er dort entlassen. Doch schon kurz darauf heuerte er bei den Stuttgarter Kickers an, allerdings nicht in einem Anstellungsverhältnis, wie die Stuttgarter Kickers dem Tagesspiegel mitteilten.

Immer wieder kommen Fälle sexuellen Missbrauchs im Sport an die Oberfläche. Allerdings viel zu selten, denn die Dunkelziffer, so schätzen Experten, ist enorm groß. Viele Opfer, besonders Kinder und Jugendliche, trauen sich nicht, das Vergehen an ihnen bekannt zu machen. Gegen dieses Schweigen kommen die Vereine nur schwer an.

Doch es tut sich etwas. Der Sport will mehr Sensibilität für das Thema schaffen. Berlin ist eine Art Vorreiter im Kampf gegen sexuellen Missbrauch im Sportverein. Seit 2020 gibt es ein vom Landessportbund Berlin (LSB) implementiertes Kinderschutzsiegel, das sowohl präventiv als auch reaktiv wirken soll. „Vereine, Verbände und Bezirkssportbünde arbeiten hier eng zusammen“, sagt Nicole Greßner, die seit Beginn des Jahres die Stelle „Safe Sport“ beim LSB Berlin leitet.

Das Kinderschutzsiegel ist für die Vereine nicht verpflichtend. Immerhin: Die finanzielle Förderung der Vereine wird künftig in Berlin an das Kinderschutzsiegel gekoppelt. Das dürfte helfen. Genauso wie die penible Überprüfung der erweiterten Führungszeugnisse der Trainer.

„In Berlin muss jede Person, die im Sportverein mit Kindern arbeitet, ein solches erweitertes Führungszeugnis vorweisen“, sagt Greßner. Doch das ist nicht überall der Fall. Bundesweit unterscheidet sich das stark. Und der Fall Nils. H. zeigt: Auch ein sauberes Führungszeugnis schützt nicht immer vor Missbrauch.

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