Provokation als Methode

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Verleger : Götz Kubitschek - der Stratege der Neuen Rechten

Vor diesem Hintergrund muss man auch seine Beziehung zu den „Identitären“ verstehen, die sich als hippe, rechte Aktivisten präsentieren. Kubitschek hat sich stets gewünscht, dass seine Provokationsmethode Nachahmer finden würde. 2012 lernt er den Österreicher Martin Sellner kennen, den Anführer der deutschsprachigen Identitären. Kubitschek wird für Sellner eine Art Mentor. Die Identitären klettern in den Jahren darauf aufs Brandenburger Tor, blockieren die CDU-Zentrale in Berlin, mauern eine Moschee in Parchim zu. Kubitschek sagt, es habe ihn stolz gemacht, dass sein Bändchen „Provokation“ bei Protestaktionen in die Kamera gehalten wurde.

Auch für die AfD, glaubt Kubitschek, sei „Provokation lange der Schlüssel zum Erfolg gewesen“. Es verwundert insofern nicht, dass neben Höcke eine Reihe von AfD-Politikern regelmäßig in Schnellroda zu Gast ist – etwa der einflussreiche brandenburgische AfD-Chef Andreas Kalbitz. Auch mit Parteichef Alexander Gauland tauscht sich Kubitschek aus.

„Sie fassen mich nicht an! Sie reden auch nicht mit mir!“

Und er erweitert sein Netzwerk. 2015 initiiert er unter anderem mit Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur des neurechten „Compact“-Magazins, den fremdenfeindlichen Verein „Ein Prozent“. Dieser unterstützt rechte Initiativen – auch finanziell. Zuletzt steckte „Ein Prozent“ hinter einer Kampagne, bei der es darum ging, rechte Kandidaten in die Betriebsräte zu drücken.

Kubitschek ist an diesem Nachmittag in Schnellroda ein sehr höflicher Gesprächspartner, der alle Fragen ausführlich beantwortet. Doch es gibt auch eine andere Seite. Während der Tumulte auf der Buchmesse etwa schrie er den Messechef an, als der ihm die Hand auf die Schulter legte: „Sie fassen mich nicht an! Sie reden auch nicht mit mir!“ Auch die Autoren, deren Bücher Kubitschek verlegt, passen zum Teil nicht zum Image des kultivierten Rechtsintellektuellen. Da ist etwa Thor von Waldstein, der einst im Bundesvorstand der NPD saß und den Holocaust als „US-amerikanisches Kulturprodukt“ bezeichnete. Oder Akif Pirincci, Autor des Buchs „Umvolkung“, der Flüchtlinge als „Moslem-Müllhalde“ beschimpfte und wegen Volksverhetzung verurteilt wurde.

Wie steht Kubitschek dazu? Pirincci sei kein Vordenker der AfD, sondern ein Schriftsteller „mit einem hochprovokanten Sound“, sagt Kubitschek. „Deswegen finde ich es tolerabel, was er sagt, obwohl ich es selbst nie so sagen würde.“

Kubitschek sieht Ungarn als Vorbild für Deutschland

Es ist schon fast Abend. Kubitschek sitzt an einem hölzernen Tisch in seiner Bibliothek. Zeit für die wichtigste Frage: Was für eine Art von Staat schwebt Ihnen eigentlich vor, Herr Kubitschek? „Ungarn kann ein Vorbild für Deutschland sein“, sagt er. Das sei ein „liberaler Staat mit illiberalen Korsettstangen“. Der ungarische Staat sorge dafür, dass „Ungarn das Land der Ungarn“ bleibe. Es ist klar, worauf er anspielt: Einen 175 Kilometer langen elektrifizierten Grenzzaun hat Victor Orbán an der Grenze zu Serbien errichten lassen, das Recht auf Asyl ist quasi abgeschafft. Kubitschek zitiert den US-amerikanischen Publizisten Christopher Caldwell, der einmal gesprochen habe „von einer notwendigen ,harten Indifferenz‘ und einem Regierungshandeln, das für gutmenschliche Gemüter ,abstoßend‘, aber nichtsdestotrotz notwendig sei“. Das sei ein Minimum dessen, was ein Staat leisten müsse.

Für sein Ziel braucht Kubitschek die AfD. Wenn sie sich nur in die von ihm gewünschte Richtung entwickelt, kann sie aus Deutschland vielleicht eine Art zweites Ungarn machen. Dazu sollen die Rechtspopulisten zunächst in der Sozialpolitik nach links rücken, empfiehlt er. „Die soziale Frage ist neben der Flüchtlingspolitik und der EU eine der Säulen, auf denen die AfD stehen kann.“ Er sieht es mit Wohlwollen, dass sich sein Freund Höcke mit der Forderung durchgesetzt hat, die AfD müsse einen Sozialpolitikparteitag abhalten.

Götz Kubitschek ist nicht Mitglied der AfD, sein Aufnahmeantrag wurde 2015 abgelehnt. Damals waren dem Parteigründer Lucke Leute wie Kubitschek zu rechts. Heute hat der Verleger auch ohne Parteibuch Einfluss. Was Kubitschek denkt, macht Höcke zu seinem Programm. Im Juni schreibt Kubitschek in „Sezession“, die soziale Frage sei das „Kronjuwel“ der Linken, es könnte ihr durch „eine glaubwürdige und entschlossene AfD“ abgejagt werden. Kurz darauf hält Höcke eine Rede vor Parteifreunden vom rechtsnationalen „Flügel“. Er ruft: „Wenn wir als AfD glaubwürdig und entschlossen bleiben, dann können wir der Linken dieses Kronjuwel jetzt abjagen!“ Im Publikum: Götz Kubitschek aus Schnellroda in Sachsen-Anhalt, der Verleger, der den Sturm liebt.

Dieser Text ist am 28.8. zuerst im Tagesspiegel-Politikjournal „Agenda“ erschienen.

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