75 Jahre Kriegsende : Erinnerung im Wandel

Gegen das Vergessen: Digitale Interview-Sammlungen halten das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus aufrecht.

Jonas Huggins
Mahnmal. Vor der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche spielen Kinder im Nachkriegs-Berlin auf der zerstörten Tauentziehnstraße.
Mahnmal. Vor der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche spielen Kinder im Nachkriegs-Berlin auf der zerstörten...Foto: picture alliance / akg-images / Fritz Eschen

Was war, können wir nicht mehr ändern“, sagt Margot Friedlander. „Aber es darf nie wieder geschehen. Nie wieder.“ Es ist der 21. August 2019. Friedlander, geboren 1921 und Überlebende des Holocaust, spricht vor einem vollen Hörsaal der Freien Universität Berlin. 

Auf Einladung eines Geschichtsstudenten ist sie gekommen, um aus ihrer Autobiografie zu lesen und Fragen vor allem von Studierenden zu beantworten.

Es ist eine außergewöhnliche Begegnung – und leider eine selten gewordene: 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges können nicht mehr viele von ihm berichten. Deshalb gibt es seit vielen Jahren Bemühungen, die Zeitzeugnisse aufzuzeichnen. 

„Die Methode der Oral History wird zunehmend verwendet“, sagt Doris Tausendfreund. Seit 2006 gehört die promovierte Historikerin zum Team des Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität, das Interview-Archive betreut und so einen reichen Fundus an lebensgeschichtlichen Zeugnissen zugänglich macht. „Interviews bieten eine sehr persönliche Perspektive und berühren auf eine ganz besondere Weise“, sagt Doris Tausendfreund.

Mit dem Tonbandgerät durch Europa

Die ersten Interviews sind bald nach Kriegsende aufgenommen worden. Der amerikanische Psychologe David P. Boder reiste im Sommer 1946 mit Tonbandgeräten durch Flüchtlingslager in Europa und sprach mit mehr als 120 Überlebenden des Holocaust. Es dauerte jedoch einige Zeit, bis Zeitzeugnisse systematisch und in großer Zahl festgehalten wurden. 

Das ambitionierteste Projekt geht auf den US-amerikanischen Regisseur Steven Spielberg zurück. Nach den Dreharbeiten zu dem Film „Schindlers Liste“, der die Verbrechen des Nationalsozialismus einem Millionenpublikum nahebrachte, gründete er im Jahr 1994 die Shoah Foundation, die sich zum Ziel setzte, möglichst viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu interviewen. 

Bis heute haben rund 55 000 Menschen ihre Lebensgeschichte vor der Kamera erzählt, die meisten von ihnen sind Überlebende des Holocaust.

Für das daraus entstandene Visual History Archive und weitere Interviewsammlungen hat das Center für Digitale Systeme Lizenzen erworben, mit denen alle Universitätsangehörigen sowie Bibliotheksbesucherinnen und -besucher Zugang zu den Aufnahmen haben. 

Margot Friedlander sparch als Zeitzeugin an der Freien Universität.
Margot Friedlander sparch als Zeitzeugin an der Freien Universität.Bernd Wannenmacher

Zeitzeugnisse von Zwangsarbeitern

Später hat das CeDiS eigene Sammlungen konzipiert: Für das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939 – 1945“, entstanden in Kooperation mit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, entwarfen Doris Tausendfreund und ihr Team erstmals eine eigene digitale Infrastruktur. Dort sind nun knapp 600 Zeitzeugnisse zum Thema Zwangsarbeit dokumentiert, die unter der Koordination des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität Hagen in ganz Europa aufgenommen wurden. 

Für eine weitere Sammlung zur deutschen Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg hat das CeDiS auch selbst Interviews geführt.

„Lebensgeschichtliche Interviews sind eine schwierige Quelle“, sagt Doris Tausendfreund. Die Videos sind lang, ihre Zahl kann überwältigen. Um die Arbeit mit den Interviews zu erleichtern und eine Volltextsuche zu ermöglichen, hat das CeDiS-Team Hunderte Videos transkribiert und übersetzt; Zeitstempel verbinden Texte mit Videopassagen. 

Im Zwangsarbeit-Archiv gliedern zudem Überschriften die Erzählung. Namen von Personen, Lagern, Firmen und Orten wurden gekennzeichnet, erläutert und mit Aliassen sowie Geokoordinaten versehen mit dem Ziel, zum Verständnis der Interviews beizutragen und Orte auf Karten anzeigen zu lassen.

Interview mit Geodaten versehen

Das Interesse an den erstmals in Deutschland verfügbaren Interviews war anfangs dermaßen groß, dass das CeDiS wöchentlich Einführungsworkshops anbot, erinnert sich Verena Lucia Nägel. Sie ist beim CeDiS für die Einbindung der digitalen Sammlungen in Forschung und Lehre zuständig. 

Inzwischen hat die Universitätsbibliothek der Freien Universität (UB) Berlin einen Multimedia-Raum eingerichtet, um Nutzerinnen und Nutzern von außerhalb Zugang zum Visual History Archive und anderen zugangsbeschränkten Sammlungen zu ermöglichen. 

Die im Internet zugänglichen Interview-Sammlungen werden noch stärker genutzt; allein für das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939 – 1945“ registrieren sich jeden Monat etwa 100 neue Nutzerinnen und Nutzer. Dass die Sammlungen an der Freien Universität beim CeDiS angesiedelt sind, liegt einerseits an der anspruchsvollen Technik. Es soll aber auch gewährleisten, dass die Sammlungen multidisziplinär genutzt werden.

Sehr viele Interessenten für die Online-Archive

„Viele Dozentinnen und Dozenten und Studierende haben den Wunsch, sich mit den Interviews zu befassen“, sagt Verena Lucia Nägel. Allein das Visual History Archive ist bisher in rund 200 Seminaren und Vorlesungen zum Einsatz gekommen, und das nicht nur in den Geschichtswissenschaften.

Die Interviews dienen dazu, in der Judaistik das jüdische Leben in der Weimarer Republik zu untersuchen, in der Politikwissenschaft die deutsche Erinnerungspolitik zu behandeln und in den Literaturwissenschaften autobiografisches Erzählen zu erforschen. In den Kursen über deutsche Geschichte, die speziell für Austauschstudierende angeboten werden, werden die Archive ebenfalls regelmäßig verwendet.

Nutzerin des „Visual History Archive“ an der Freien Universität.
Nutzerin des „Visual History Archive“ an der Freien Universität.Bernd Wannenmacher

Für das Zwangsarbeit-Archiv hat das CeDiS auch Online-Lernplattformen für die Nutzung an Schulen entwickelt. Schülerinnen und Schüler sehen dort eine repräsentative Auswahl behutsam gekürzter Interviews, ergänzt durch Fotos und andere Dokumente. Lehrkräfte können aus zahlreichen Aufgabenstellungen wählen oder eigene Arbeitsvorschläge eingeben. 

Auch tschechische, polnische und russische Versionen sind in Kooperation mit Hochschulen und Vereinen aus den jeweiligen Ländern entstanden; griechische und niederländische Fassungen sind in Vorbereitung.

Besondere Motivation, wenn die eigene Familie betroffen ist

Die Sammlungen würden zudem oft für journalistische Projekte oder Recherchen der Stolperstein-Initiativen konsultiert, sagt Verena Lucia Nägel. Eine besonders große Motivation, sich mit den Zeitzeugnissen auseinanderzusetzen, entstehe aber, wenn die eigene Familie betroffen ist – ob als Täter oder Opfer. 

Doris Tausendfreund hat beobachtet, dass das Interesse ungeachtet größeren Zeitabstands unverändert groß bleibe: Dass etwa der Urgroßvater Zwangsarbeiter war oder auf seinem Bauernhof Menschen Zwangsarbeit leisten mussten, sei ein typischer Ausgangspunkt für Nachforschungen in der Familiengeschichte.

Das öffentliche Interesse zeigt, dass Geschichte mehr als ein Schulfach und eine akademische Disziplin ist. Das ist auch der Gedanke hinter dem Masterstudiengang „Public History“, den es seit zwölf Jahren an der Freien Universität in Kooperation mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) gibt. 

Als erster Studiengang in Deutschland richtet er sich an Studierende der Geschichtswissenschaft, die jenseits von Schulen und Universitäten Geschichte in die Öffentlichkeit tragen wollen: zum Beispiel in Gedenkstätten, in der Erwachsenenbildung oder in Geschichtsagenturen, die Projekte zu historischen Themen entwerfen und umsetzen.

Interviews repräsentieren die Perspektive der Opfer

Es sei wichtig, den richtigen Umgang mit den sich wandelnden Quellen zu erlernen, betont Martin Lücke, der den Studiengang mitkonzipiert hat. „Die Erinnerung an den Nationalsozialismus verschiebt sich in das mediale Gedächtnis“, sagt der Professor für Geschichtsdidaktik. Er warne seine Studierenden davor, Videointerviews wie echte Begegnungen zu behandeln. 

„Man kann verstorbene Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht zurückholen. Der besondere Wert von Videografie und Audioaufzeichnungen besteht darin, dass die Distanz größer ist als im direkten Gespräch“, sagt Martin Lücke. Die Medialisierung sei ein eigener Schritt, der bei einer kritischen Quellennutzung reflektiert werden müsse. Und doch seien die digitalen Sammlungen ein wichtiger Baustein, um die Perspektive der Opfer in der Erinnerung angemessen zu repräsentieren.

Gegenstand des Masterstudiengangs „Public History“ seien auch Debatten über die deutsche Erinnerungskultur: Dazu gehören Lücke zufolge der Historikerstreit in den 1980er Jahren um die Singularität des Holocaust sowie die Debatten über die Verstrickung der Wehrmacht in den 1990er Jahren. 

Derzeit werde über die Frage diskutiert, ob unsere heutige Migrationsgesellschaft andere Anforderungen an die Geschichtsvermittlung stellt. Dabei sei es natürlich falsch, in den zugezogenen Menschen selbst das Problem zu suchen, sagt Martin Lücke. „Es ist vielmehr wichtig, ernst zu nehmen, dass Personen mit ganz unterschiedlichen Geschichten Teil unserer Gesellschaft sind.“

Es sollen noch mehr digitale Sammlungen entstehen

In der Vielfalt der Perspektiven, die auch durch die verschiedenen Herkunftsländer geprägt sind, sieht Doris Tausendfreund eine Stärke der digitalen Sammlungen. Die Interviews im ZwangsarbeitArchiv etwa wurden in 26 Ländern und 25 Sprachen geführt, sagt die Historikerin. In Zukunft sollen noch mehr digitale Sammlungen entstehen. 

Derzeit arbeitet das inzwischen zur Universitätsbibliothek gehörende CeDiS unter anderem an einer Sammlung von Zeitzeugnissen zur „Colonia Dignidad“, einer 1961 im Süden Chiles gegründeten Siedlung einer deutschen Sekte und an einem Archiv zu tödlich geendeten Fluchtversuchen am Eisernen Vorhang. 

Es soll zudem eine offene Plattform entstehen, über die verschiedene Sammlungen untereinander vernetzt werden und die es Forscherinnen und Forschern ermöglicht, eigene Interviews einzubinden. Für dieses Projekt haben UB und CeDiS einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gestellt. 

„Interviews sind eine wichtige Quelle gegen das Vergessen“, sagt Doris Tausendfreund. Dies gilt besonders für die Erinnerung an den Holocaust, die 75 Jahre nach Kriegsende kaum noch im persönlichen Gespräch vermittelt werden kann, von ihrer Bedeutung aber nichts verloren hat.