Klimawandel : „Gegenüber 2001 haben wir die CO2-Emissionen um 40 Prozent verringert“

Die Ziele Klima- und Umweltschutz sind an der Freien Universität Berlin fest verankert. Andreas Wanke über den Weg zu einer nachhaltigeren Hochschule.

Kerrin Zielke
Es grünt und blüht an der Freien Universität - Zum Beispiel rund um die Rost- und Silberlaube.
Es grünt und blüht an der Freien Universität - Zum Beispiel rund um die Rost- und Silberlaube.Foto: Volker Moeller

Herr Wanke, die Initiative „Fridays for Future“ nahm vor gut einem Jahr mit dem Freitagsstreik der schwedischen Schülerin Greta Thunberg ihren Ausgang. Bedurfte es dieser Bewegung der Kinder und Jugendlichen, um auf die Notwendigkeit von Umwelt- und Klimaschutz hinzuweisen?


Es ist die Stärke und das große Verdienst von Fridays for Future, dass sie das Thema Klimaschutz so vehement und erfolgreich in die Mitte der Gesellschaft und in die Politik gedrängt haben. Die Botschaft der jungen Aktivistinnen und Aktivisten lautet: Das Zeitfenster für echte Korrekturen in der Klimapolitik ist sehr klein geworden, und daraus ergibt sich die Notwendigkeit, jetzt zu handeln. Diese Haltung muss unbedingt ernst genommen werden, denn sie gründet auf Erkenntnissen der Wissenschaft. Es ist unsere Aufgabe, diesen Impuls aufzunehmen.

Welchen Beitrag kann eine Universität zum Klimaschutz leisten?

Universitäten können mit ihren Forschungsprojekten Wege zur Lösung der Ursachen und der Folgen des Klimawandels aufzeigen. Zum Beispiel erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität, wie der Rückgang der Artenvielfalt gestoppt werden kann, sie entwickeln Getreide, das robuster gegen Trockenstress ist, sie erstellen Klimamodelle und arbeiten an den Berichten des Weltklimarates der Vereinten Nationen mit. Am Forschungszentrum für Umweltpolitik der Universität befassen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler etwa mit der Energiepolitik und den Potenzialen ökologischer Modernisierung. Das Zentrum war übrigens 1986 drei Tage vor dem Atomreaktorunfall in Tschernobyl gegründet worden. Mit einem Schlag ist damals deutlich geworden, dass Umweltforschung tatsächlich Fragen des Überlebens der Menschheit berührt. Und darauf verweisen ja die protestierenden jungen Menschen: dass es um ihre Zukunft geht. An der Freien Universität bilden wir diese junge Generation aus. Es ist unsere Aufgabe, nicht nur die wissenschaftlichen Fachkenntnisse zu den Ursachen zu vermitteln, sondern auch die beruflichen und sozialen Fähigkeiten zur Lösung dieser Probleme.

Steht das Thema Nachhaltigkeit denn explizit in den Lehrplänen?


Die Forscherinnen und Forscher bringen ihre auf Nachhaltigkeit bezogenen Themen natürlich in ihre Seminare und Vorlesungen ein. Unsere Bestandsaufnahme vor zwei Jahren hatte zum Ergebnis, dass rund 30 Prozent aller Forschungsprojekte und 15 Prozent der Lehrveranstaltungen Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung umfassen. Ein spezielles Lehrangebot haben wir an der Freien Universität vor einem Jahr eingeführt: Das Thema Nachhaltige Entwicklung ist fester Bestandteil des Studienbereichs zur Allgemeinen Berufsvorbereitung für Bachelorstudierende. Wir bieten acht Seminare pro Semester an, begleitet von einer Ringvorlesung. Die Seminare wurden in den ersten beiden Semestern von etwa 200 Studierenden besucht, die mit dem Thema Nachhaltigkeit eine Verbindung zur Berufswelt bekommen. Und die Universität öffnet sich selbst als Ort und kann erforscht werden. Beispielsweise haben sich Studierende mit der Frage befasst, wie das Grünflächenmanagement an der Universität unter ökologischen Gesichtspunkten verbessert werden kann. Die Universität öffnet sich auch nach außen, zum Beispiel mit der SchülerUni Nachhaltigkeit + Klimaschutz, die zweimal im Jahr stattfindet. Tausende Schulkinder lernen in den Hörsälen und Seminarräumen, im Botanischen Garten, in der Mensa und der Wetterstation, was alles hinter den Begriffen Nachhaltigkeit und Klimaschutz steckt, und die Lehrkräfte können an einer thematischen Fortbildung teilnehmen.

Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind an der Freien Universität also nicht allein Thema in Forschung und Studium?

Nein. Wir verstehen unseren Beitrag zum Klimaschutz insgesamt so, dass eine Universität vorbildlich in ihrem eigenen Handeln sein muss und zeigen sollte, was möglich ist. Dabei haben wir uns in der Vergangenheit auf die Energieeffizienz konzentriert und inzwischen vier Blockheizkraftwerke und neun Photovoltaik-Anlagen installiert. Durch einen Mix unterschiedlicher Maßnahmen ist es uns gelungen, vom Jahr 2001 an den Energieverbrauch binnen zehn Jahren um 25 Prozent zu senken. Seither ist es schwieriger geworden, aber nach weiteren sieben Jahren hatten wir nochmals drei Prozent eingespart. Damit nehmen wir eine Vorreiterrolle unter den deutschen Universitäten ein. Durch das Einsparen von Energie haben wir den Ausstoß an Kohlendioxid verringert: Im Vergleich zu 2001 haben wir die Emissionen des klimaschädlichen Gases um 40 Prozent verringert.

Das hört sich so an, als könnte Klimaschutz am erfolgreichsten von technischen Expertinnen und Experten vorangetrieben werden.

Die technische Umrüstung der Gebäude war an der Freien Universität Berlin lediglich der Ausgangspunkt für weitere Aktivitäten, und bereits hier waren viele Menschen beteiligt. Nachhaltigkeit kann ohne die Beteiligung möglichst vieler Bereiche und Universitätsangehöriger nicht erfolgreich gestaltet werden. Dass wir überhaupt ein aktives Energiemanagement begonnen und in der Folge das Thema Nachhaltigkeit entwickelt haben, wurde übrigens auch durch ein Problem ausgelöst: Es war der massive Kostendruck, unter dem die Freie Universität nach den Budgetkürzungen des Landes Berlin der 1990er Jahre noch immer stand. Alle Teile der Universität wurden auf mögliche Kosteneinsparungen untersucht. Was dabei besonders überzeugend ist: Wenn ich ein Gebäude sanieren lasse, sehe ich schon im nächsten Winter den Effekt. Der im Übrigen berechnet werden kann: Wir haben im Jahr 2018 rund 45 Millionen Kilowattstunden weniger verbraucht als 2000/2001, das entspricht nach den heutigen Energietarifen einer Ersparnis von 4,4 Millionen Euro im Jahr. Die Fachbereiche der Universität werden seit zwölf Jahren am Erfolg beteiligt, sie bekommen die Hälfte der eingesparten Energiekosten ihren Budgets zugerechnet.

Wenn die technische Umrüstung der Anfang war: Was ist innerhalb der vergangenen 18 Jahre an der Freien Universität zum Thema Nachhaltigkeit geschehen?

Es ist gelungen, das Thema Nachhaltigkeit in die Mitte der Universität zu tragen. Viele Universitätsangehörige, Beschäftigte und Studierende gleichermaßen, teilen den Gedanken, dass sie sich dort engagieren wollen und es am besten können, wo sie viel Zeit verbringen. Dadurch lernen sich auch Menschen aus unterschiedlichen Bereichen der Universität kennen, sie sehen, wie andere an der Universität arbeiten oder welche Sichtweisen sie haben. Durch die Einrichtung der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Energie im Jahr 2015, die direkt dem Präsidium zugeordnet ist, können wir das Thema Nachhaltigkeit an der Universität in einer Komplexität bearbeiten, wie es an anderen Hochschulen in Deutschland nicht möglich ist.

Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Hochschule
Photovoltaikanlagen auf den Dächern der HochschuleFoto: Bernd Wannenmacher

In welcher Form können sich Universitätsangehörige einbringen?

In allen Bereichen der Universität – in Forschung, Lehre, Wissenstransfer, Verwaltung und auf dem Campus. Die Stabsstelle ist hier Ansprechpartnerin für alle. Ein gutes Beispiel ist die Initiative SUSTAIN IT!, die 2010 von Studierenden und Beschäftigen ins Leben gerufen wurde. Jedes Jahr werden Nachhaltigkeitswochen organisiert mit zahlreichen Workshops, Kunstaktionen und Werkstätten beispielsweise für das Schneidern neuer Kleidung aus alten Stücken oder für Fahrradreparaturen. In einem Foodsharing-Point auf dem Campus können Lebensmittel abgegeben und getauscht werden. Ein weiteres Beispiel ist das „Uni Gardening“-Projekt. Im Botanischen Garten der Freien Universität bauen Studierende und Beschäftigte auf 500 Quadratmetern Gemüse und Kräuter an.

Sie sagten, dass über solche Initiativen auch Menschen zusammenkommen. Wie tauschen Sie sich als Stabsstelle mit anderen aus?

Wir sind gut vernetzt, und das ist sehr wichtig, um Ideen zu entwickeln. Ein Beispiel ist unsere 2015 gegründete „University Alliance for Sustainability“ mit unseren Partnerhochschulen in Jerusalem, Sankt Petersburg, Peking und Vancouver. Hier tauschen wir uns über BestPractice-Ansätze aus und laden dazu über unsere internationalen „Spring Campus“-Konferenzen weitere Hochschulen weltweit ein. Ein anderes Beispiel ist das Projekt „Hoch-N“, bei dem verschiedene deutsche Hochschulen in Arbeitsgruppen zu Nachhaltigkeitsthemen arbeiten. Ganz neu ist die Initiative U7+, die auf einen Vorstoß des Präsidenten Frankreichs, Emmanuel Macron, und auf Einladung französischer Universitäten zurückgeht. Hier haben sich 47 Universitäten – darunter auch die Freie Universität Berlin – verpflichtet, das Thema Klimaschutz in der Lehre und auf dem Campus zu stärken. Beides sind Felder, auf denen wir schon unterwegs sind, aber ein solcher Weg ist ja nie zu Ende.

Internationale Kooperationen sind mit Reisen verbunden, oftmals mit dem Flugzeug – das ist nicht gut für die Erdatmosphäre.

Forschung ist ohne persönlichen Austausch nicht denkbar, das gilt natürlich auch für die Nachhaltigkeitsforschung. Unsere Vernetzung etwa über die „University Alliance for Sustainability“ führt auch zu Flugreisen. Das ist ein Zielkonflikt, und das nehmen wir als Herausforderung an. Wir müssen verstärkt überlegen, ob bei Konferenzen alles an einem Ort stattfinden muss. Ist es nötig, dass eine Person für einen einzigen Impulsvortrag anreist, oder könnte dieser Beitrag über eine Videoverbindung organisiert werden? Derzeit betreiben wir an der Freien Universität zwölf Räume für virtuelle Kommunikation. Dieses Angebot müssen wir den Universitätsangehörigen noch stärker näherbringen, durch Informationen und womöglich durch noch gezielteren technischen Service. Nur so erhöhen wir die Bereitschaft, diese Räume auch zu nutzen und dafür womöglich Reisekilometer zu sparen.

Sollten Flugreisen generell vermieden werden?

Das geht sicher nicht, denn Wissenschaft ist auf internationale Zusammenarbeit angewiesen. Derzeit erheben wir und unsere Partner der „University Alliance for Sustainability“ systematisch, welche Arten von Dienstreisen getätigt werden und aus welchen Gründen die jeweiligen Verkehrsmittel gewählt werden. Mittelfristig wollen wir ein Konzept für Dienstreisen entwickeln, das dem Klimaschutz gerecht wird. Und wir wollen künftig verstärkt daran arbeiten, die Mobilität auf dem Campus klimafreundlich zu verbessern, unter anderem durch eine fußgänger- und fahrradfreundliche Infrastruktur. All das soll Teil einer umfassenden Mobilitätsstrategie sein, deren Details wir gerade für die Universität erarbeiten.

Ein Blick in die Glaskugel: Wird es „Fridays for Future“ noch in 20 Jahren geben?

Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden in 20 Jahren noch auf der politischen Agenda stehen, da bin ich mir sicher. Hoffentlich ist dann aber kein Protest der jungen Generation mehr nötig, um den Druck zu verstärken.