Abgebranntes Musikhaus Bading in Berlin : Die Flammen zerstörten auch die Illusion vom alten Neukölln

Neuköllns Jugend entdeckte hier Benny Goodman und Glenn Miller für sich. Bading ist mehr als eine Musikalienhandlung. Das Feuer in der Silvesternacht zerstörte nicht nur Noten, Schallplatten und Instrumente.

Ruß statt Glanz. Nach dem Brand ist das Geschäft Bading mit Brettern vernagelt.
Ruß statt Glanz. Nach dem Brand ist das Geschäft Bading mit Brettern vernagelt.Foto: Mike Wolff

Frank Zander muss ganz nah heranrücken und die Brille aufsetzen. Gar nicht so leicht mit den vielen bunten Zetteln, die so eng beschrieben sind. Sie kleben an der Pressspanwand, wo mal das Schaufenster war: Botschaften auf Deutsch, Englisch und Spanisch. „Wir fühlen mit euch, ganz viel Kraft!“ oder „Gewalt ist niemals eine Lösung!“ – Solidaritätsbekundungen mit vielen Ausrufezeichen. Sie zeugen von Trauer und Zorn und sollen Mut machen. Ein Brief ist auch denen gewidmet, die im Schutz der Silvesternacht die Tür aufbrachen und ihre Böller, Raketen, Leuchtgeschosse zündeten: „Ihr geist- und ehrlosen Hunde!“

Frank Zander nickt. Muss man nicht weiter kommentieren.

Früher Nachmittag in Neukölln, Karl-Marx- Ecke Thomasstraße. Hier strahlte einmal das Musikhaus Bading, ein Kleinod im Meer der Telefonläden, Wettbüros oder Ein-Euro-Shops. Ein altes Familienunternehmen mit Geigen und Gitarren im Schaufenster. Mit Schallplatten, Konzertkarten und Noten, Noten, Noten, einen ganzen Keller voll. Geführt von zwei Frauen und einem Mann, die zusammen ein Vierteljahrtausend alt sind.

Die erste Liebe war aus Ahornholz

Es gibt kein Schaufenster mehr, keine Geigen, keine Noten. Bading ist abgebrannt. Zerstört von Feuerwerkskörpern, die ein 50 Köpfe zählender Mob in der Silvesternacht hineingeworfen hat. Bis hoch in den ersten Stock sind die Flammen geschlagen und haben die Buchstaben der Neonwerbung verbogen. Saba, Telefunken, Grammophon. „Namen, die keiner mehr kennt“, sagt Frank Zander. Und dann erzählt er die Geschichte von seiner ersten Liebe, von dem Date bei Bading.

Sie hieß Jazzmaster, ein Fabrikat aus dem Hause Fender, massive Erle mit einem Hals aus Ahornholz, das Tremolo mit Schiebeknopf. Die erste Gitarre vergisst man nie. Carl Wilson von den Beach Boys hat eine Jazzmaster gespielt und der Gitarrist einer Skiffleband aus der Nachbarschaft, der Klang hat ihn sofort verzaubert. „Die musste ich einfach haben!“

Also hat er 1962 das bei ersten Konzerten verdiente Geld auf die andere Seite der Karl-Marx-Straße getragen. Dorthin, wo sich schon der kleine Frank die Nase an der Scheibe plattgedrückt und geträumt hatte, von den vielen Gitarren, die so nah waren und doch ein kleines Vermögen weit weg. „Bading war eine Institution“, sagt Zander, und natürlich hat es ihn ein bisschen stolz gemacht, dass sich dieses Paradies vor seiner Haustür befand. 50 Meter weit weg vom Karl-Marx-Platz, wo die Oma eine Milchhandlung betrieb.

"Ein Stück Berlin"

Der Musiker Frank Zander ist mit Liedern wie „Der Ururenkel von Frankenstein“ und „Hier kommt Kurt“ berühmt geworden. Das war in den 70er und 80er Jahren, heute feiern ihn die Fußballfans im Olympiastadion für seine Hertha-Hymne „Nur nach Hause geh’n wir nicht“. Er wohnt längst in Charlottenburg und ist Neukölln doch bis heute treu geblieben. Runde Geburtstage werden in der „Villa Rixdorf“ am Richardplatz gefeiert, seit 1995 richtet er im Hotel Estrel an der Sonnenallee eine Weihnachtsfeier für Obdachlose aus, mit Geschenken und Gänsebraten und prominenten Berlinern im Kellnergewand. Dafür hat er erst das Bundesverdienstkreuz bekommen und im vergangenen Dezember endlich auch die Neuköllner Ehrennadel.

Noch Wochen später bleiben Passanten stehen, schütteln die Köpfe, hinterlassen Botschaften.
Noch Wochen später bleiben Passanten stehen, schütteln die Köpfe, hinterlassen Botschaften.Foto: Mike Wolff

Zander steht vor seinem 76. Geburtstag, er erholt sich gerade von einer Krebsoperation, aber das ist weit weg in diesem Augenblick, da er vor der verrußten Fassade von Musik Bading steht und in sich hineinmurmelt, „dass hier ein Stück Berlin zerstört worden ist“.

Musik Bading war mehr als ein Geschäft, es war die Reminiszenz an eine versunkene Zeit. Die Illusion, dass es noch ein bisschen war wie früher, im alten Neukölln mit der alten Hauptpost und Familienunternehmen wie „Koffer Panneck“ und eben dem Musikhaus Bading.

Es fühlt sich in diesem Moment so an, als habe es mit dem Brand auch Zanders erste Liebe dahingerafft. Die Fender Jazzmaster mit dem Korpus aus Erle. 1200 Mark hat sie gekostet, Zander hat ein bisschen versucht zu handeln, „aber da war nichts zu machen mit der Chefin. Immerhin hat sie sich auf eine Ratenzahlung eingelassen.“ Die Chefin ist immer dieselbe geblieben. Brünhilde Schibille, die Tochter des Gründers Erich Bading. Frau Schibille ist 94 Jahre alt und führt immer noch das Geschäft, gemeinsam mit ihrer zehn Jahre jüngeren Schwägerin Liane Bading und Dieter Götz, dem einzigen Angestellten, er ist auch schon 68 und seit einem halben Jahrhundert dabei.

Mozart und Bach, wo gab es das schon in Neukölln

Erhard Winter ist einer von denen, die sich nachmittags vor dem Musikhaus versammeln. Ein pensionierter Studiendirektor, 80 Jahre alt, er ist zwei Ecken weiter aufgewachsen und hat Bading sein ganzes Leben lang begleitet. Die Eltern waren Kunden der ersten Stunde und haben ihre Noten bei Bading gekauft. „Mozart und Bach, vor allem aber Chopin“, wo gab es sowas schon im proletarisch geprägten Neukölln.

Als Erich Bading am 1. April 1919 seine Musikalienhandlung eröffnete, hieß die Karl-Marx-Straße noch Bergstraße und Neukölln war eine selbstständige Stadt. Vergilbte Fotos zeigen ein prächtiges Eckhaus mit Stuck an den Fassaden und dem riesigen Schriftzug „Bading“ am Erkertürmchen. Im ersten Stock wurden die Klaviere ausgestellt, im Keller gab es Vorführräume, in denen Bading seiner Kundschaft Schellackplatten und erste Grammophone präsentierte und nach dem Krieg die aus den USA importierten Schallplatten aus PVC. Nach Erich Badings Tod im Jahr 1952 säumten Tausende von Neuköllnern den Trauerzug in der Karl-Marx- Straße.

Erhard Winter hat immer mal wieder auf dem Schulweg vorbeigeschaut und bei Bading die Welt von Benny Goodman oder Glenn Miller entdeckt. „Sowas kannten wir ja nur vereinzelt aus dem Radio“, aber wer hatte kurz nach dem Krieg schon ein Radio?

In der Hochzeit hatten sie 20 Angestellte

Winter hat die großen Zeiten miterlebt, als das Musikhaus mehr als 20 Angestellte beschäftigte, vom Fahrer bis zur Buchhalterin. Seiner Schwester hat er eine Gitarre von Bading zur Hochzeit geschenkt und der Tochter zur Einschulung eine Mundharmonika. Aber er hat auch gesehen, wie es in den vergangenen Jahren bergab ging. Wie die Elektronik-Discounter mit ihren Kampfpreisen auf den Markt drängten. Nostalgie ist eine schöne Sache, aber sie füllt keine Kassen. Auch Erhard Winter hat das elektronische Klavier für den Enkel im Großmarkt gekauft. Und doch mag er sich ein Neukölln ohne Bading nicht vorstellen, „das gehört doch einfach dazu“.

Zuletzt hatte das Musikhaus nur noch an vier Tagen in der Woche geöffnet, und das auch weniger aus kommerziellen Interessen. Frau Schibille gehört das Haus an der Ecke, sie ist finanziell unabhängig und hat so den längst nicht mehr kostendeckenden Betrieb aufrechterhalten können.

„Bei Bading hatte man immer das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben ist“, erzählt Erhard Winter. „In der Karl-Marx-Straße hat ein Laden nach dem anderen dicht gemacht, nur Bading ist geblieben. Und es sah noch immer so aus wie vor 30 Jahren. Du bist die alten Stufen rauf, durch die schwere Tür, und vorn am Verkaufstisch saßen die beiden Damen und der Herr an der alten Registrierkasse. Es war immer ein bisschen dunkel, alles vollgestellt mit Instrumenten, Schallplatten. Und in der Luft lag der Geruch von altem Notenpapier.“

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