Aus Sri Lanka nach Franken : Vom Flüchtlingskind zum Herzchirurgen

Seiner Mutter versprach er, nie Alkohol zu trinken, nicht zu spielen. Und Arzt zu werden. Mit 12 Jahren floh Umeswaran Arunagirinathan allein aus Sri Lanka. Heute ist er Herzchirurg in Bayern.

Umeswaran Arunagirinathan.
Umeswaran Arunagirinathan.Foto: Karin Desmarowitz

Vom Tellerwäscher zum Millionär! Aber das ist doch keine Laufbahn. Das ist mitnichten eine Identität. Es kommt nicht darauf an, was dein Geld arbeitet, sondern was du arbeitest. Vom minderjährigen unbegleiteten Flüchtling zum Herzchirurgen? Schon viel besser.

Wer in dem kleinen fränkischen Ort Bad Neustadt aussteigt, sieht links vor sich einen etwas größeren Hügel, den die Bad Neustädter auch Berg nennen, und oben drauf steht etwas ziemlich Umfängliches, latent Hässliches: Das ist eine der größten Herzkliniken Deutschlands und Europas. Umeswaran Arunagirinathan hat dort am frühen Morgen schon einen Bypass operiert. Wahrscheinlich hat er den zum Bypass gehörigen Patienten genauso begrüßt, wie er das immer und zu allen Tageszeiten macht: „Moin, Moin!“ Wahlweise auch: „Moin, Moin, ihr Lieben!“

„Moin, Moin!“ ist in Bayern nicht unbedingt mehrheitsfähig, aber Arunagirinathan sieht gar nicht ein, warum er eine neue Sprache lernen soll, nur weil er von Hamburg in die bayerische Provinz gekommen ist. Und „Grüß Gott!“ passt nun wirklich schlecht. Denn gerade um zu verhindern, dass dieser Fall eintritt, lag der Mann mit der koronaren Verschlusskrankheit schließlich vor ihm auf dem OP-Tisch.

Es ist schon Jahre nicht mehr vorgekommen, dass sich Patienten über ihn beschwert haben: So wie der schwere Bypass von Zimmer 513 im Universitätsklinikum Hamburg. In der Nacht sei ein pakistanischer Flüchtling an sein Bett getreten und habe sich als Arzt ausgegeben, teilte der Patient der Visite am nächsten Morgen mit. Pakistanischer Flüchtling war ganz falsch. Wenn schon, dann tamilischer Flüchtling. Und eben dieser tamilische Flüchtling spaltete nur wenige Stunden zuvor mit seinen Kollegen zuerst das Brustbein, und zwar auf der ganzen Länge, eröffnete dann den Herzbeutel und so weiter.

Jetzt, am frühen Nachmittag, ist Arunagirinathan Libero. Das heißt, er hat wie beim Fußball keinen direkten Gegenspieler, er verharrt in einer defensiven Hab-Acht-Position und ist ständig zum Einsatz zu rufen: etwa, um in einem der vier OP-Säle einen Patienten „aufzumachen“ oder „zuzumachen“. Das ist OP-Deutsch.

Er ist nicht groß und wirkt recht schmal in seinem hellblauen Krankenhausanzug. Alles an ihm ist Offenheit, jede Geste, jeder Blick, jedes Wort. Er gehört zu den Menschen, die keine Reserve zu kennen scheinen. Aber das allein kann nicht erklären, warum dieser einstige minderjährige unbegleitete Flüchtling durch Türen ging, die sich nur wenigen öffnen, von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen gar nicht zu reden.

Das schönste menschliche Organ

Wir nehmen das Zimmer vom Chef!, erklärt Umeswaran Arunagirinathan und sagt mit einer halben Kopfdrehung nach hinten, was für ein gutes Zeichen es sei, wenn der Chefarzt der Klinik für Kardiochirurgie zu einem Assistenzarzt sage: Setzt euch am besten in mein Zimmer!

Vor den großen Fenstern stehen hohe ernste fränkische Fichten und halten ihre Zweige frierend ins Dezembergrau. Von drinnen bemitleidet sie ein kleiner Chefarztzimmerdschungel. Auf dem Schreibtisch liegen so unterhaltsame Periodika wie „Transplantation aktuell“ oder „Kardio Intermezzo“, darüber leuchtet ein blühendes Mohnfeld in Öl. Auf dem Besuchstisch steht das Modell eines menschlichen Herzens, an mehreren Stellen mit ziemlich großen, aber sehr filigranen Metallteilen versehen. Das sind Klappen, Mitralklappen, Aortenklappen. Schön, nicht wahr?, fragt Arunagirinathan und lässt offen, ob er mehr das gepiercte Herz oder das naturbelassene meint. „Für mich ist das Herz das schönste menschliche Organ überhaupt.“

Wie jedem tamilischen Jungen hatte auch Umeswaran Arunagirinathan einst sein Vater die Grundbegriffe der Welt erklärt, alles, was man unbedingt wissen musste, um durchs Leben zu kommen. Wenn dich ein Elefant jagt, hatte er seinem ältesten Sohn gesagt, darfst du niemals geradeaus laufen, sondern immer im Zickzack, das macht die Elefanten nervös. Sein Vater hatte kein gutes Verhältnis zu Elefanten.

Die Familie wohnte im Norden Sri Lankas, in Puthur. Die meisten lebten in selbst gebauten Hütten aus Lehm und Holz, mit Palmblättern gedeckt, die Arunagirinathans jedoch besaßen eine Hütte aus Beton. Und ein kleines Reisfeld gleich neben dem Dschungel. Nachts aber kamen die Elefanten, um in Vater Arunagirinathans Feld eine Reisorgie zu feiern. Darum begann das Oberhaupt der Familie bald darin zu schlafen, und wenn er die Elefanten kommen hörte, fing er an zu trommeln, und ihnen verging vor lauter Nervosität der Appetit. Wahrscheinlich lebten um Puthur die nervösesten Elefanten von Sri Lanka.

Umeswaran Arunagirinathan wusste schon immer, dass er einen ganz besonderen Vater hatte, der zu einer völlig abenteuerlichen Auffassung von Erziehung neigte. Er prügelte fast nie. Ein Nachbarsjunge hatte ein verbranntes Bein, das stammte von einem glühenden Eisen. Der Junge brauchte nur auf sein Bein zu schauen, um zu wissen, was passiert, wenn er nicht gehorcht.

Das hieß natürlich nicht, dass die Kindheit des augenblicklichen Liberos der Herzchirurgie Bad Neustadt prügelfrei war, dazu sprach er einfach zu miserabel Englisch. Chinesisch wäre leichter, dachte er unter den Stockhieben des Lehrers. Stockhiebe bekam man zwar auch für ungeschnittene Fingernägel, nur war Selbstschutz in diesem Fall viel leichter.

Singapur? Völlig falsche Richtung

1991, mit zwölf Jahren, sah Umeswaran Arunagirinathan zum ersten Mal ein Flugzeug. Es war das Flugzeug, das ihn, den erstgeborenen Sohn der Familie, in Sicherheit bringen sollte. In Sicherheit vor dem Bürgerkrieg, in Sicherheit vor den fortwährenden Angriffen der Regierungstruppen, ihren Hubschraubern, die die Dörfer beschossen, aber auch vor den „Tamil Tigers“, die er als Kind wie alle anderen „unsere großen Brüder“ nannte.

Die Rebellen kämpften für die Rechte der tamilischen Minderheit auf Sri Lanka, denn sie besaß keine mehr. Tamilen hatten nicht einmal das Recht, eine Universität zu besuchen.

Der angehende Facharzt am Rhön-Klinikum Bad Neustadt weiß genau, dass die Todfeindschaft der regierenden singhalesischen Mehrheit gegenüber den Tamilen nicht ganz ohne Anhalt war. Während der britischen Kolonialherrschaft hatten ausschließlich Tamilen Zugang zu höheren Beamtenposten. Eine privilegierte Minderheit hält eine unterprivilegierte Mehrheit in Schach, so gibt es keine Aufstände, keine Revolutionen, wir aber haben unsere Ruhe, überlegten die Briten und tranken Ceylon-Tee auf ihre koloniale Weisheit.

Die Maschine flog nach Singapur. Singapur? Völlig falsche Richtung. Das Ziel war ein Onkel in Hamburg. Und dazu seine panische Angst vorm Fliegen. Von seiner Familie hatte er sich nicht einmal mehr verabschieden können. Er war ganz allein an Bord, seine schöne, starke, lebensmutige Mutter würde den ganzen Tag nicht mehr aufhören zu weinen; das größte Problem aber war: Ringsum an Bord der Boeing hörte er fast nur die Prügelsprache. Und Umeswaran Arunagirinathan fasste den Entschluss seines Lebens: Er würde auf alle Fragen nur mit „Yes“ antworten. Mit „Yes“ kommt man garantiert einfacher durchs Leben als mit „No“. Nachfragen sind viel seltener, und mehr Optionen hatte er eigentlich auch nicht.

Natürlich gab es Situationen im späteren Leben des Umeswaran Arunagirinathan, da war er schon in Versuchung, „No“ zu sagen. Etwa bei Herrn Claussen von Zimmer 513 in der Hamburger Universitätsklinik. Das war der schwere Bypass, der ihn verdächtigt hatte, ein Flüchtling mit Profilneurose am ganz falschen Ort zu sein. Als Stationsarzt musste er ihm die Thoraxdrainage entfernen, in der sich die ablaufende Wundflüssigkeit sammelte, das tat ohnehin weh, warum nicht zur Strafe noch ein bisschen weher? Doch stattdessen war er so sanft er irgend konnte, erklärte Herrn Claussen jede seiner Handbewegungen und natürlich die Medikamente, die er nehmen musste. Keine Antwort. Kein Blick. Der schwere Bypass sah demonstrativ aus dem Fenster.

„Du nix Sauna“

Oder als er hier in Bad Neustadt ankam und zum ersten Mal im Fitnessstudio in der Sauna saß. „Du nix Sauna“, sprach einer zu ihm. Er sah das nackte, schwitzende semantische Orakel an und versuchte, den Mann trotz seines residualen Deutschs grundsätzlich zu bejahen. Man könnte auch sagen, im Fall des Umeswaran Arunagirinathan ist das positive Denken habituell geworden. Das liegt natürlich schon in seinem Berufsbild. No!, sagen die Herzen, mit denen er es zu tun bekommt. Yes, we can!, antwortet er und behält fast immer recht.

Auch bleibt einem wohl gar nichts anderes übrig, wenn man mit zwölf Jahren allein auf der Flucht ist und nur der Schlepper weiß, wo es langgeht. Aber dass der Ort, an dem er von Singapur aus landete, unmöglich Hamburg sein konnte, das sah er gleich. Die Richtung stimmte zwar, aber die Piste war kleinstmöglich und die Menschen alle schwarz. Europäer jedoch sind, das wusste selbst er, wegen des mangelnden Sonnenlichts vollkommen ausgeblichen. Was machte er in Afrika? Er konnte das nur seinen Schlepper fragen, den alle den „Boss“ nannten, aber Bosse geben keine Interviews, zumindest nicht dem Fluchtproletariat. Togo also. Monat um Monat verging, Umeswaran Arunagirinathan, der minderjährige unbegleitete Flüchtling aus Puthur, wo gleich nebenan die nervösesten Elefanten von Sri Lanka leben, wurde 13. Er lernte, afrikanisch zu tanzen, das kann er heute noch: „den Hintern wie eine Ente hochhalten, die Brust herausstrecken und die Arme wie ein Huhn schlagen“.

Und dann überquerte er allein im Schutz der Röcke dicker afrikanischer Marktfrauen die Grenze nach Ghana. Die Endstation hieß Mümmelmannsberg, Hamburg Mümmelmannsberg, eine traurige Großsiedlung aus den Siebzigern, früher auch Bunny Hill genannt. Hier lebte der Onkel.

Von den Bewohnern Bunny Hills erwartet man gewiss vieles, aber nicht, dass sie durch besonderes berufliches Fortkommen auffallen. Schon auf der Gesamtschule Mümmelmannsberg war es nicht unbedingt förderlich, durch Fleiß auf sich aufmerksam zu machen.

„Aber ich wollte lernen, ich hatte einen solchen Hunger nach Schule“, erklärt Umeswaran Arunagirinathan; leider, fügt er an, sei er kein besonders intelligenter Mensch. Er sagt das mit umwerfendem Ernst. Deutsch schien ihm auch nicht viel hoffnungsvoller als Englisch. „Ich musste immer viel lernen.“ Aber er liebte seine Lehrer, und die spürten wohl die Antwort auf ihre Zuwendung. Er hatte seiner Mutter drei Versprechen gegeben. Er würde nie Alkohol trinken, niemals spielen und Arzt werden.

Er gehörte nie dazu

Vor der sozialen Ächtung als Streber bewahrte ihn wohl nicht zuletzt der Umstand, dass Mathematik ihm zufiel und er den Andersbegabten half. Menschen, die Mathe können, können nichts dafür. Natürliche Intelligenz wird fast überall verziehen, im Unterschied zu erworbener.

Und doch: Der Fleiß des partiell begabten Schülers Umeswaran Arunagirinathan erklärt nicht, was aus ihm wurde. Junge Männer seiner Herkunft erfahren gewöhnlich in Gangs, wer sie sind; hier wird festgelegt, welche Normen und Werte gelten und vor allem: welche Hierarchien. Umeswaran Arunagirinathan? Er gehörte nie dazu.

Das wusste er spätestens, als er mit 16 Jahren auf einem Basketballplatz in Mümmelmannsberg saß, jeden Tag wieder auf derselben Bank. Es war nicht der Sport, der ihn immer wiederkommen ließ, es war ein Spieler. Er hieß Martin, hatte blaue Augen, war blond und einen Kopf größer als er. Der Verstand des Beobachters schlug öfter vor, nicht mehr zum Basketballplatz zu gehen, aber seine Stimme zählte nicht. Auch nicht, als er abriet, aufs Schärfste abriet, dem blauäugigen Basketballer einen Liebesbrief zu schreiben. Zickzack mag die richtige Fortbewegungsart sein, um Elefanten abzuschütteln, aber sonst fast nie.

Am Tag danach ging er am ganzen Körper zitternd zum Sportplatz und hörte Martins Mitspieler schon von Weitem rufen: „Da kommt die Schwuchtel!“ Unter der männlichen Jugend Mümmelmannsbergs war das fortan seine Identität, selbst Wohlmeinende wollten um keinen Preis der Welt allein mit ihm gesehen werden, denn sonst träfe sie der gleiche Verdacht. Und ein Homosexueller ist noch verächtlicher als eine Frau: ein Zwitter, ein Mischwesen.

Ein Mischwesen? Man könnte auch sagen, er repräsentiert tendenziell die menschliche Vollkommenheit. Aber das wusste nur er. Er stieg aufs Dach des Hochhauses, in dem er wohnte, und überlegte, ob er da jetzt runterfallen sollte. Der Gedanke an seine Mutter hielt ihn zurück.

Er hatte nur eine Wahl: Er würde seinen Weg allein finden müssen. Die Parallelgesellschaft, die ihn auffangen konnte, gab es nicht. Er lief Marathon. Er würde auch den des Lebens schaffen: Schon als Schüler immer wieder von Abschiebung bedroht, machte er jede Arbeit, um sein Medizinstudium in Lübeck zu finanzieren. Als er Pfleger auf der Lübecker Herzstation wurde und im Operationssaal hospitierte, wusste er bald: Das, genau das, will ich auch! Immer wieder fand er Fürsprecher, der wichtigste: Professor Dr. Dr. Hermann Reichenspurner, auch Hamburgs Herz-Ass genannt.

Sein Vater sprach ihn mit „Sie“ an

Reichenspurner holte ihn als Assistenzarzt ans Hamburger Herzklinikum, das war 2008, im gleichen Jahr wurde er eingebürgert. Reichenspurner lud ihn sogar in die Oper ein, erste Reihe, Plätze elf und zwölf, hier sah er Thomas Manns „Tod in Venedig“ als Ballett. Thomas Mann, auch er „ein falscher Junge“.

Doch selbst wenn seine Eltern neben ihm gesessen hätten, sie würden es nicht begreifen. Als er seinen Vater schließlich in London wiedersah, einen gealterten irgendwie fremden Mann, nahm dieser Vater ihn nicht in die Arme. „Er schaute mich nur lächelnd von Kopf bis Fuß an und sagte auf Tamil: Waa, Waanko!, Komm, kommen Sie!“ Hatte er richtig gehört? Sein Vater sprach ihn mit „Sie“ an? Es war Respekt, es war Hochachtung; eine Hochachtung, die den Sohn unendlich traurig machte. Und eins, er wusste es, fehlte noch immer: die Heirat. Endlich eine Frau.

Auf eine Frau kann ich mich unmöglich auch noch konzentrieren, hat er Mutter, Vater und Geschwistern immer wieder erklärt. Vielleicht glauben sie es sogar jetzt noch. Einhundert eigenverantwortliche Herzoperationen muss er machen, um als Facharzt zugelassen zu werden. Diese Möglichkeit hatte ihm Hamburgs Herz-Ass nicht gegeben, darum ist Umeswaran Arunagirinathan nach Bad Neustadt gekommen. Wie kann man bloß als Nicht-Bio-Deutscher von Hamburg in die bayerische Provinz gehen, fragte ihn sein türkischer Umzugsservice. Sein Verstand kannte die Antwort, sein Herz kannte sie nicht. Ich habe hier einen Garten mit drei Apfelbäumen, hätte er antworten können. Einen Apfel zu essen, war der Traum seiner Kindheit.

2015 hat der Neu-Bad-Neustädter Umeswaran Arunagirinathan einen jungen syrischen Flüchtling aufgenommen, denn wer, wenn nicht er, sollte den übrigen Bad-Neustädtern mit gutem Beispiel vorangehen? Achmed hieß er. Es war tendenziell schwerer als eine Herzoperation. Er hat ein Buch darüber geschrieben, auch darüber. Es heißt „Der fremde Deutsche“.

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Der schweigende schwere Bypass von Zimmer 513 im Hamburger Universitätsklinikum konnte am Ende doch sprechen. An seinem letzten Krankenhaustag klopfte er dem Arzt von hinten auf die Schulter und sagte: „Du bist ein guter Junge.“ Er nannte ihn „Dr. Umes“, wie alle. Denn Arunagirinathan kann sich ja doch keiner merken, zumindest kein Bio-Deutscher.

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