"Berlin bleibt anders" : Auf der Suche nach der DNA der Hauptstadt

Der Senat wünscht sich einen neuen Slogan für Berlin. Der Prozess zeigt: Die Seele der Stadt ist schwerer zu greifen als früher.

Alles im Fluss, hier in Berlin.
Alles im Fluss, hier in Berlin.Foto: Georgios - stock.adobe.com

Berlin war das Nimmerland unter den deutschen Städten. Wer nach dem Mauerfall hierher kam, konnte Peter Pan spielen. Sein, wie er wollte. Einfach ein paar Ideen spinnen und ausprobieren. Keine Verpflichtung. Noch gab es Brachen, Freiräume und die Loveparade. Die Stadt war angenehm unperfekt und man selbst konnte ebenso unperfekt vor sich hinleben. Arm, aber sexy. Das war Berlin.

Passend dazu entwickelten Marketingmenschen im Jahr 2008 für den Senat das Motto: Be Berlin. Sei ich, sei du, sei Berlin. Aber: Anders als im Nimmerland ist die Zeit im wahren Leben nicht stehengeblieben. Die Stadt hat sich weiterentwickelt. Sie ist größer geworden, lauter, enger. Vielleicht ist jetzt der Moment gekommen, da Berlin erwachsen werden muss. Eine barbarische Angelegenheit. Voller Unannehmlichkeiten. Das hatte schon der einhändige Captain Hook, Peter Pans erbitterter Gegner, gesagt.

Berlin braucht eine Vision. Berlin muss Verantwortung übernehmen. Auch für all das, was nicht funktioniert.

Im April des vergangenen Jahres hat die Senatskanzlei sich deshalb eine Selbstfindungsphase verordnet. Ein Jahr lang wurde recherchiert, Kiezspaziergänge unternommen, Einwohner befragt, Stadtmarketing-Experten und Akteure der Stadtgesellschaft interviewt. Entschlüsselt die Berlin-DNA! So lautete der Auftrag. Finden, was die Stadt im Innersten zusammenhält – während es scheint, als zerbrösele sie, als sei ein „Weiter so“ nicht möglich. So beschreibt es die Senatskanzlei und stellt in der Auswertung nun fest: „Es verändert sich viel, aber es findet keine Entwicklung statt.“ Und: „Berlin ist geprägt durch planloses Überdrehen.“

Kein Wunder! Die Stadt wächst und mit ihr der Wettbewerbsdruck in allen Bereichen. Die Kluft zwischen Innen- und Außenbezirken wird größer, zwischen Arm und Reich, selbst direkte Nachbarn, nur durch einen Hausflur getrennt, leben in völlig unterschiedlichen Welten.

Wie ihn also finden, diesen einen, neuen, wunderbaren, schmissigen Slogan für diese Stadt? Einen, mit dem sich alle Einwohner identifizieren, der sie alle vereint: den Dönermann in Prenzlauer Berg, den Anzug-Yuppie in Neukölln, den Hipster in Charlottenburg und und und.

Kein politisches Papier, sondern ein Marketing-Konzept

Nun gibt es ein erstes Leitbild, das als Grundlage für das neue Berlin-Image herhalten soll. Kein politisches Papier, sondern ein Marketing-Konzept. Am Montag wurde es veröffentlicht. „Berlin bleibt anders“, lautet die Überschrift. In einer 86-seitigen Powerpoint-Präsentation und einem 37-seitigen-Strategiepapier („Eine Reise ins Herz der Hauptstadt“) hält die Senatsverwaltung fest: Berlin ist mehr als Hipster, Latte-Macchiato-Eltern, Berghain-Exzesse und Hundekacke, mehr als seine Klischees. Berlin ist eine attraktive Stadt mit großer Strahlkraft. Erstrangiger Gründungsort für Start-ups. Zukunftsträchtiger Investitionsstandort für Unternehmen. Einzigartiges Reiseziel. Berlin ist die „Heimat der Vielfalt“ und der „Freiraum der Möglichkeiten“. Vor allem aber ist Berlin im Wandel – und den muss man positiv gestalten.

Sommer in Berlin.
Sommer in Berlin.Foto: Getty Images

Gewandelt hat sich die Stadt schon immer. War in einem Zeitraum von 100 Jahren Kaiserstadt, moderne Metropolis, größenwahnsinnige Reichshauptstadt, Frontstadt des Kalten Krieges, Spielwiese der Subkulturen, wiedervereinigte Hauptstadt. Berlin, das war das Ambulante, das Unfertige. Und jetzt? Wird Berlin als nächstes zum Reise-Hub? Das neue Silicon Valley? Party-Queen? Ein Ort für kreative Seelen? Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit? Noch bleibt der Wandel ohne Richtung. Peter Pan hat kein Konzept. Tausend Ideen im Kopf – mal gucken was rauskommt. Wird schon schiefgehen.

Berlin ist anders. Solange die Stadt nur in wenigem besser ist als andere, muss sie das wohl sein, um sich zu unterscheiden. Anders. Eine Aussage, ausreichend unkonkret und allgemein akzeptiert. Vielleicht aber auch tatsächlich die einzige Berlin-Konstante. Der kleinste gemeinsame Nenner. Ein Versprechen, eine Vision. Man muss doch anders bleiben!

„Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt“, hatte der Schriftsteller Jean Paul mal gesagt. Berlin ist Neukölln. Berlin ist Spandau. Berlin ist Marzahn-Hellersdorf. Berlin ist Schrebergarten und Berghain. Der Späti ums Eck und Siemens. Hertha und Union. „Multikulti“, „Vielfalt“, „Weltoffenheit“, „Vielseitigkeit“ und „bunt“ gehören für die befragten BerlinerInnen zu den Top 10 an spontanen Assoziationen. Weltoffenheit und kulturelle Vielfalt zu den Top 6, stolz auf Berlin zu sein. Alles kann, nichts muss. Weil es geht in Berlin. Weil Berlin schon immer die Stadt der Freiheit war. Oder? Heute müssen die Menschen um ihre Freiräume kämpfen.

Die "Utopie" ist noch nicht begraben

Vielleicht ist das Versuchslabor Berlin in gewisser Weise eine dieser sich selbst nährenden Großstadtmythen. Die Illusion, dass die „Utopie“ noch nicht, wie anderswo, begraben wurde. Oder wird Berlin langsam, wie Paris und London, Opfer seines eigenen Erfolgs? Experten, die an der Senatsuntersuchung beteiligt waren, warnen: „Die Lebensqualität ist akut gefährdet.“ Die letzten Jahre zeigen, dass sowohl die „Heimat der Vielfalt“ als auch der „Freiraum der Möglichkeiten“ keine Selbstverständlichkeiten mehr sind. Das große Versprechen Berlins wird hinterfragt, bedroht und begrenzt. Die unbeschwerten Kindheitstage im Nimmerland sind vorbei.

Berlin in den Achtzigern
Das helle Haus ist doch ... das Tagesspiegel-Haus! Der Askanische Platz in Kreuzberg, fotografiert im September 1989. Die damals vierspurige Bernburger Straße ist immer noch so breit, aber ruhiger. Das Foto machte Tagesspiegel-Leser Ekkehard Kolodziej.Weitere Bilder anzeigen
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27.03.2019 12:19Das helle Haus ist doch ... das Tagesspiegel-Haus! Der Askanische Platz in Kreuzberg, fotografiert im September 1989. Die damals...

Für die Hälfte der vom Senat Befragten ist Berlin eine harte Stadt, in der man sich behaupten muss. Dabei gehörte die Härte doch immer zu diesem schönen Unperfekten. Gewöhnt man sich dran. Wer Berlin schafft, schafft eh alles. Ganz die New Yorker Manier: „If I can make it here…“ Doch langsam kommt eine Härte dazu, die mehr ist als Berliner Schnauze. Die keinen Spaß macht. Die anders ist. Aber negativ.

Nichts will gelingen in dieser Stadt! Berlin ist voll – und überfordert. Geburtsurkunden werden verspätet ausgestellt. Kinder finden keinen Kitaplatz. In der Schule gibt’s zu wenig Lehrer. Dauerbaustellen und die Dinge, die nicht funktionieren, sind Gründe, nicht stolz auf Berlin zu sein. Bahnchaos. BER. Wohnungsnot! Die Zeiten, in denen man leben konnte, wo man wollte, sind vorbei. Die, in denen man auf 100 Quadratmetern von Nichts leben konnte, sowieso. Geliebte Clubs und Kiezläden müssen aufgeben werden, weil die Mieten steigen. Mietpreisbremsen funktionieren nicht. Tschüss Tacheles, Rosi’s, Markthallen-Aldi. Hallo Google und Zalando! Die Investoren kommen. Vollkommen frei ist nur, wer es sich noch leisten kann. Wie soll man diesem Wandel entgegenwirken?

Stadt am Abgrund

Der Konkurrenzdruck macht den menschlichen Umgang rauer. Berlin stehe als „city on the edge“ am Abgrund, heißt es in der Analyse der Senatsverwaltung. Die Stadt wird zur Zumutung. „Berlin ist für mich eine Vollkatastrophe, die ich aus tiefstem Herzen liebe“, hatte einer in der Befragung gesagt. Aber Liebe ist kostbar. Und nie grenzenlos.

Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Erwachsen zu werden. Je mehr Vielfalt und Menschen, desto weniger Freiräume. Je mehr jeder macht und tut, was er will, desto zerrissener wird die Gemeinschaft, heißt es in der Analyse der Senatskanzlei. Neben der (individuellen) Freiheit als Recht, brauche es deshalb auch die Offenheit (gegenüber der Freiheit anderer) als Pflicht. Es brauche ein Berlin, das Freiheit als gemeinschaftliche Entfaltung versteht. Ein Berlin, das Gemeinwohl als Priorität setzt. Das grenzenlose „Ich“, so das Fazit, soll zum grenzenlosen „Wir“ umgedeutet werden. Berlin solle sich als Hauptstadt verstehen, „die ihr Wachstum verantwortungsvoll, gerecht und gemeinsam gestaltet und für Wirtschaftskraft, Lebensqualität und Solidarität steht“.

Im Nimmerland muss man nur an etwas glauben, damit es passiert. Im Erwachsenenleben reicht das nicht. Dauerbaustellen und Planlosigkeit sind anders. Um, im positiven Sinne, anders zu bleiben, braucht es eine Vision. Eine, die das Lebensgefühl der Menschen trifft.

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