Ort mit Vergangenheit: Wie Tröglitz entstand

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Die KZ-Vergangenheit von Tröglitz : Das verdrängte Lager
Tobias Bütow
Heimarbeit. Der ehemalige Lehrer Lothar Czoßek, 86, hat die Geschichte des KZ-Außenlagers Tröglitz/Rehmsdorf dokumentiert.
Heimarbeit. Der ehemalige Lehrer Lothar Czoßek, 86, hat die Geschichte des KZ-Außenlagers Tröglitz/Rehmsdorf dokumentiert.Foto: Andreas Staedtler

Das KZ Tröglitz/Rehmsdorf gehörte zu den brutalsten Tatorten des Holocaust in Sachsen-Anhalt. Die Häftlingszahlen, die Historiker aus SS-Dokumenten bislang zusammenstellten, variieren zwischen 6641 und 8572 Menschen. Mehr als 5000 jüdische KZ-Häftlinge starben in Tröglitz/Rehmsdorf oder wurden als „arbeitsunfähig“ in die Gaskammern von Auschwitz geschickt. Bis heute fehlt eine umfassende wissenschaftliche Erforschung, die das Leben und Sterben der Häftlinge, die Gewaltexzesse der Wehrmachtssoldaten sowie das Verhalten der Dorfbevölkerung in den Blick nimmt. Czoßek spricht von einem „erschreckenden Unwissen“, über das, was im Lager passiert ist. „Und das Fatale daran ist, dass die Rechtsextremen diesem Unwissen ihren Erfolg verdanken“.

Das Land lässt die Kommune und den Landkreis mit dem schweren Erbe weitgehend allein. Noch kein sachsen-anhaltinischer Ministerpräsident ist zu einer der jährlichen Gedenkveranstaltungen im Dorf erschienen. Aus Tröglitz kommen meist nicht mehr als ein Dutzend Besucher. Czoßek erhielt Drohbriefe, in einem stand: „Fünf Millionen Deutsche sind durch den jüdisch-bolschewistischen Terror umgekommen, kümmer dich mal lieber um die als um die Juden.“ Als es mit den Protesten gegen das Flüchtlingsheim losging, ahnte Czoßek Schlimmes. „Wir sind Freiwild für die.“

Die Dorfgemeinschaft ist gespalten: Einige fordern einen Schlussstrich, andere eine KZ-Gedenkstätte. Manfred Kriegel hatte dafür im Lagerviertel eine Unterschriftensammlung initiiert. Er ist überzeugt, dass Tröglitz aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung für Flüchtlinge trägt. „Wir sollten einfach mal in uns gehen.“

Tröglitz wurde am Reißbrett entworfen

Tröglitz war eine Schöpfung der Nationalsozialisten. 1937 wurde es am Reißbrett entworfen, um den Krieg vorzubereiten. Das Dorf entstand als Arbeitersiedlung für den NS-Musterbetrieb Braunkohle-Benzin AG (kurz: Brabag). Hier wurde in einem von der IG-Farben entwickelten Syntheseverfahren Braunkohle in Treibstoff umgewandelt, welcher der Kriegswirtschaft, Kriegsplanung und Kriegsführung zugute kam. Den Erfindern wird auf den Tröglitzer Straßen bis heute öffentliche Anerkennung gezollt: Dr.-Bergius-Straße, Dr.-Fischer-Straße, Dr.-Pier-Straße. Für Werksarbeiter wurde Ende der 30er Jahre auch jenes Wohnhaus gebaut, dessen Dachstuhl am Osterwochenende abbrannte.

„Im Mai 1944 wurde das Hydrierwerk in Tröglitz und auch seine Umgebung von den Alliierten bombardiert“, erzählt Czoßek. Der Unternehmensvorstand forderte schon seit Monaten KZ-Gefangene, die ihm die SS nun für den „Wiederaufbau“ genehmigte. Das KZ wuchs zu einem krakenartigen Lagerkomplex, der sich auf drei Gemeinden erstreckte. In Tröglitz zwängte die SS von Juni bis Ende 1944 tausende KZ-Häftlinge in ein als Zeltlager improvisiertes KZ, bevor in der Silvesternacht 1944/45 die Überlebenden in das Barackenlager aus Stein nach Rehmsdorf gebracht wurden. Die Bevölkerung nannte es das „Judenlager“. Einer der Häftlinge war ein 15-jähriger ungarisch-jüdischer Junge, der die Selektion in Auschwitz überlebte und nach dem Holocaust zu einem der anerkanntesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts avancierte: Imre Kertesz.

Tröglitz hätte Kertesz beinahe umgebracht. Doch er kehrte nach Ungarn zurück. Als Czoßek in Rehmsdorf in der Baracke des Lagerkommandanten lebte, begann Kertesz, ein damals noch unbekannter Schriftsteller, in einer Einzimmerwohnung in Budapest an seinem „Roman eines Schicksalslosen“ zu arbeiten. Seitenlang schrieb er über den Holocaust in Sachsen-Anhalt. So ging Tröglitz in die Weltliteratur ein. 2002 erhielt er den Literaturnobelpreis. Kertesz und Czoßek sind nahezu gleich alt, Ende der 90er Jahre trafen sie sich einmal in Rehmsdorf. Von der Begegnung ließ Czoßek ein Foto in seiner Broschüre „Vernichtung – Auftrag – Vollendung“ abdrucken: Zwei ältere Männer trinken Bier.

Kertesz kam ins „Zeltlager“ nach Tröglitz, weil sein Nachname mit dem Buchstaben K begann. In Buchenwald selektierte die SS nach der „Laune der Namen“. Bis zum Buchstaben L wurden die Namensträger nach Tröglitz deportiert, ab dem Buchstaben M kamen sie in ein anderes „Außenlager“, wie die SS-Verwaltung diese kleineren Konzentrationslager intern nannte. Der Begriff wird bis heute missgedeutet. Denn die Gewaltexzesse, die sich in solchen vor allem von Wehrmachtssoldaten bewachten KZ-„Baukommandos“ abspielten, standen der Brutalität der bekannteren Hauptlager in nichts nach. Bis in die Gegenwart ist die falsche Wahrnehmung verbreitet, dass sich die Stätten des Grauens ausschließlich in abgelegenen Lagern im Reichsgebiet oder in Osteuropa befanden – weit entfernt von den Augen, Ohren und Handlungsmöglichkeiten der Bevölkerung.

Die Gewalt gehörte zum Alltag

Die Gewalt auf den Straßen, im Treibstoffwerk und den Baustellen in den umliegenden Dörfern gehörten zum Alltag der Bevölkerung. In Tröglitz entschieden auch Bürger der Gemeinde – Ingenieure, Werksärzte oder Kantinenmitarbeiter der Brabag – über Leben und Tod der Häftlinge. Die schwere bis tödliche Räum- und Bauarbeit, Mangelernährung, fehlende medizinische Versorgung und schlechte Bekleidung verwandelte die KZ-Haft in Tröglitz in eine schleichende Hinrichtung. Die Todesrate war so hoch, dass der SS-Lagerarzt in Buchenwald das Unternehmen zu besseren Arbeitsbedingungen aufforderte. Die Häftlinge sollten länger ausgebeutet werden können. Wenn Gefangene auf dem Brabag-Betriebsgelände qualvoll starben, wurden sie häufig auch im Tode noch auf menschenverachtende Weise zusammen mit dem Bauschutt weggeschafft. Hunderte ließ die SS in den Krematorien der Umgebung, in Gera, Altenburg und Weißenfels, einäschern. In Tröglitz/Rehmsdorf fanden mehrere Todesselektionen statt. Allein in den letzten Kriegsmonaten wurden hier mehr als tausend Häftlinge ausgesondert, um in Buchenwald umgebracht zu werden oder in Bergen-Belsen zu verhungern. „Es sind untermenschliche Geschichten“, formuliert Kertesz.

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