Präsidentschaftsbewerber der US-Demokraten : Der erstaunliche Aufstieg des Pete Buttigieg

Pete Buttigieg ist politisch wenig erfahren. Im Kandidatenrennen der US-Demokraten hat der junge Schwule aber plötzlich im signalgebenden Iowa die Nase vorn.

Gut im Rennen: Pete Buttigieg
Gut im Rennen: Pete ButtigiegFoto: Reuters/Elijah Nouvelage

Der Ort, an dem Pete Paul Montgomery Buttigieg dem Zweifel ins Gesicht blicken möchte, ist ein symbolträchtiger. Am Montagabend um halb sieben betritt er entschlossenen Schrittes die Bühne des Auditoriums im Ray Charles Performing Arts Center in Atlanta, dunkler, perfekt sitzender Anzug, weißes Hemd, Krawatte. Vor ihm warten gut 200 vorwiegend schwarze Studenten und ein paar andere Zuhörer darauf, den Mann sprechen zu hören, von dem auf einmal so viele reden.

Der stellt sich unter Applaus an das hölzerne Podest ganz rechts, die zwei Stühle und den kleinen Tisch mit zwei Wassergläsern darauf ignoriert er erst einmal und beginnt mit seiner Rede, die vor allem ein Ziel hat: den Zuhörern zu beweisen, warum er es in ihren Augen verdient hat, Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei zu werden.

„Ich möchte, dass ihr euch den ersten Tag vorstellt, wenn die Sonne in den Vereinigten Staaten aufgeht und Donald Trump nicht mehr länger Präsident ist.“ Jubel bricht aus bei diesem Gedanken. Buttigieg spricht von der Erleichterung, die es bedeuten werde, etwas von dem Chaos zu beseitigen, das der „Divider in Chief“, der oberste Spalter der Nation, geschaffen habe. „Wenn wir nur die Tweets für einen Tag beiseite schieben können, wird das ein guter Tag“, es werde aber kein leichter Moment werden, „das Land wird noch mehr gespalten sein als bisher.“ Gleichzeitig warteten riesige Aufgaben darauf, angegangen zu werden. Dazu werde es jemanden brauchen, der die Gesellschaft wieder zusammenführe, sie heile. „Der Schutz unseres Landes beginnt zu Hause.“

Eine kleine Sensation

Dass dieser 37-Jährige, der schwule Bürgermeister von South Bend, einer 100.000-Einwohner-Stadt im konservativen Indiana, solch ein Heiler sein könnte, davon gehen einer neuen Umfrage zufolge offenbar erstaunlich viele aus. Genauer gesagt: Davon gehen viele Wähler der Demokraten in Iowa aus, jenem Bundestaat, in dem am 3. Februar 2020 traditionell die parteiinternen Vorwahlen beginnen. Erstmals liegt er dort vor allen anderen Kandidaten – und das mit weitem Abstand.

Und sollte Buttigieg tatsächlich dort gewinnen, könnte das der Anfang einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden, das Ergebnis von Iowa ausstrahlen auf die nachfolgenden Wahlen in anderen Bundesstaaten. In der Umfrage des Senders CNN und der Zeitung „Des Moines Register“ favorisieren ihn 25 Prozent der Befragten, nur 16 Prozent sprachen sich für die Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts sowie jeweils 15 Prozent für den Senator Bernie Sanders und den Ex-Vizepräsidenten Joe Biden aus.

Die Umfrage ist eine kleine Sensation, Buttigieg nennt sie „ermutigend“, immerhin kannte den 37-Jährigen vor einem Jahr noch kaum jemand in Amerika.

Andererseits, und das ist der Grund für Zweifel, gibt es auch Umfragen wie die der Quinnipiac University vom Montag. Die bescheinigt ihm, dass er in South Carolina, dem im Süden gelegenen Bundesstaat, in dem deutlich mehr Afroamerikaner als in Iowa leben, „null Prozent“ Zustimmung unter schwarzen Wählern findet. Null.

Ein öffentlichkeitswirksames Gespräch

Diese null Prozent Zustimmung sind eigentlich ein Ausschlusskriterium, bedenkt man, dass die meisten demokratischen Wähler vor allem eines wollen: einen Kandidaten, der siegen kann – im November 2020 gegen Trump. Wer Afroamerikaner so gar nicht anspricht, die landesweit für ein Fünftel der demokratischen Wähler stehen, hat ein Problem.

Buttigieg weiß das. Und der ehemalige McKinsey-Berater und Afghanistan-Veteran, der angeblich acht Sprachen spricht, versucht, das Problem entschieden anzugehen. Darum hat er im Mai die Bürgerrechtler-Ikone Al Sharpton öffentlichkeitswirksam zum „Vier Augen“-Gespräch in New York getroffen. Darum hat er seinen Wahlkampf unterbrochen, als in seiner Heimatstadt ein Schwarzer von einem weißen Polizisten erschossen wurde und Demonstranten ihm vorwarfen, in seiner bereits achtjährigen Amtszeit viel zu wenig gegen Rassismus und Armut in South Bend getan zu haben. Und darum ist er nun nach Atlanta gekommen, eine Stadt, die eine wichtige Rolle in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung spielte.

Das Gebäude, in dem Buttigieg spricht, gehört zum Morehouse College, einer privaten Männerhochschule, das zu Zeiten der Rassentrennung nur von Afroamerikanern besucht werden durfte. Hier studierte vor 74 Jahren auch ein junger Mann mit dem Namen Martin Luther King.

130.000 Dollar Schulden

15 Minuten lang formuliert Buttigieg wie immer eloquent seine politischen Botschaften. Er will das Waffen- und das Wahlrecht reformieren, das mancherorts dazu missbraucht werde, Afroamerikaner vom Wählen abzuhalten, gegen weiße Rassisten und den Klimawandel vorgehen und das Krankenversicherungssystem zukunftsfähig machen. Er erläutert seinen am selben Tag verkündeten Plan, 50 Millionen Dollar unter anderem dafür aufzuwenden, jene Amerikaner von den erdrückenden Schulden aus ihrer Studienzeit zu entlasten, die es nötig hätten. Viele im Raum nicken, sie wissen, wovon er spricht. Bei diesen Themen hat er ihre Aufmerksamkeit. Und Glaubwürdigkeit, er und sein Ehemann haben zusammen 130.000 Dollar Schulden aus ihrer Studienzeit, wie aus offiziellen Dokumenten hervorgeht.

Beim anschließenden Gespräch an dem kleinen Tisch auf der Bühne kommt die Moderatorin des Abends, die Professorin Adrianne Jones, aber gleich zum Kern seines Problems: Das mit Iowa sei ja gut und schön, sagt sie, aber wie er denn speziell die Stimmen der Schwarzen gewinnen wolle? Zur Antwort verweist Buttigieg auf seinen „Douglass Plan“, mit dem er das Problem der historisch bedingten Benachteiligung der Afroamerikaner angehen will. Sein Maßnahmenpaket, das unter anderem eine bessere Gesundheitsversorgung, sozialen Wohnungsbau und mehr Geld für Schulen verspricht, sei so ehrgeizig wie der Marshallplan für Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, verkündet er.

Ihm helfen hohe Spendeneinnahmen

Doch reichen solche Ankündigungen, um schwarze Wähler zu erreichen? Layla Little ist skeptisch, nachdem sie seinen Auftritt verfolgt hat. Sie steht draußen vor dem Saal und wartet auf ihre Cousine, die als Freiwillige in Buttigiegs Wahlkampfteam arbeitet. „Er ist sehr intelligent und kann toll reden. Aber emotional spricht er mich nicht an. Er ist eben ein weißer Mann aus der Mittelklasse“, sagt die 23-Jährige, die sich als „hundertprozentig schwarz“ bezeichnet. „He is trying too hard“, sagt sie, er versuche es einfach zu sehr mit den Afroamerikanern. Dabei finde sie viele seiner Ideen gut.

Bei anderen kann Buttigieg an diesem Abend besser punkten. Zum Beispiel bei Shenequa Mitchell, sie ist wie der Kandidat eine Navy-Veteranin. Nach seinem Auftritt stellt sich die 42-Jährige geduldig in die Schlange – für ein Selfie mit ihm, und um ihm für seinen Einsatz zu danken. „Er macht mir Hoffnung“, sagt sie, und dass sie vor allem schätze, wie positiv er spreche. Ob sie ihn wählen würde? „Das kann ich mir vorstellen.“ Ähnlich sieht das Julissa Alvarez, die an der benachbarten Clark Atlanta University Medienwissenschaften studiert. „Die Menschen werden ihm zuhören, weil er etwas zu sagen hat“, sagt die 18-Jährige.

Die Rechnung des Buttigieg-Teams geht so: Schafft er es tatsächlich, in den vorwiegend „weißen“ Bundesstaaten Iowa und/oder New Hampshire zu gewinnen, wird der mediale Rückenwind ihm auch bei den weiteren Vorwahlen helfen. Dann sei alles möglich. Auch bei Obama gingen am Anfang seiner Kampagne nur wenige davon aus, dass er sich parteiintern durchsetzen würde.

Was Buttigieg enorm hilft, sind seine hohen Spendeneinnahmen. Sie erlauben ihm, in den frühen Vorwahlstaaten kräftig Werbung zu machen. Seine Kampagne erhält viel mediale Aufmerksamkeit, auch weil er sich stets gut gelaunt und äußerst zugänglich gibt. Bereits zwei Mal fuhr er mit einem Bus voller Journalisten tagelang durch Iowa.

Schwul und gläubig

Buttigieg spricht nicht nur offen über seine Homosexualität – seit 2018 ist er mit dem Lehrer Chasten Buttigieg verheiratet – sondern auch über seinen Glauben. Er ist Mitglied der Episkopalen, ein liberaler Ableger der anglikanischen Kirche, der sich irgendwo zwischen Protestanten und Katholiken einordnen lässt. Buttigieg will, das betont er immer wieder, nicht zulassen, dass die konservativen Republikaner das Christentum für sich vereinnahmen. An Mike Pence gerichtet, den evangelikalen Vizepräsidenten, der die Homoehe ablehnt, sagte Buttigieg einmal: „Wenn Sie ein Problem damit haben, wer ich bin, dann müssen Sie sich an Gott, unseren Schöpfer, wenden.“

Pence ist wohl auch der Grund, warum sich Buttigieg öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Der damalige Gouverneur von Indiana unterschrieb im Jahr 2015 den „Religious Freedom Restoration Act“. Dieses Gesetz zur „Wiederherstellung der religiösen Freiheit“ gab lokalen Gewerbetreibenden die „religiöse Freiheit“, Schwule und Lesben aus Glaubensgründen nicht bedienen zu müssen. Etwas später schrieb Buttigieg, mitten in der Kampagne für seine Wiederwahl als Bürgermeister von South Bend, einen Meinungsbeitrag für die „South Bend Tribune“, in dem er sich outete. Die Wähler belohnten seine Offenheit und gewährten ihm mit 80 Prozent eine zweite Amtszeit.

Dass dies möglich war, hat den 37-Jährigen in seiner Haltung bestärkt, dass das Land nicht unwiederbringlich gespalten ist. Er betont immer wieder, dass er Gräben überbrücken könne. Darum lehnt er radikale Reformen ab und vertritt eine gemäßigte Politik. Er will – anders als die Parteilinken Elisabeth Warren und Bernie Sanders – kein Revolutionär sein.

Betreffzeile: „Schreckliche Neuigkeiten“

Einen ähnlichen Politikansatz vertritt auch der mehr als doppelt so alte Biden. Buttigiegs derzeitiger Erfolg geht daher vor allem zu Lasten des bisherigen Favoriten, der an diesem Mittwoch 77 Jahre alt wird. Oder er ist eine Folge von dessen Schwäche, die dem Lager der moderaten Demokraten große Sorgen bereitet. So große, dass sich gerade erst zwei weitere Kandidaten in Stellung gebracht haben: den Milliardär und Ex-Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, und Deval Patrick, der ehemalige Gouverneur von Massachusetts.

Noch liegt Biden in bundesweiten Umfragen vorne, aber die Spender zögern angesichts der Entwicklung in den Staaten mit den frühen Vorwahlterminen, wo derzeit der Schwerpunkt des Wahlkampfs stattfindet. Am Montag klingt Bidens Spendenwerbe-Mail an seine Unterstützer fast schon panisch. „Terrible news“, steht in der Betreffzeile, schreckliche Neuigkeiten. Die Biden-Kampagne habe in den Umfragen fünf Prozentpunkte verloren, und es gebe Mitbewerber, die viel mehr Geld zur Verfügung für Wahlwerbung in Iowa hätten.

Im Wahlkampf dort lässt sich beobachten, wie viel höher die Motivation bei Buttigiegs Anhängern ist und wie gut organisiert seine Kampagne, wenn es darauf ankommt. Beim „Steak Fry“ in Des Moines/Iowa, einer traditionellen Barbecue-Veranstaltung der regionalen Demokraten im September, wo sich bis auf wenige Ausnahmen alle Präsidentschaftskandidaten vorstellen, fielen die Anhänger von „Mayor Pete“ am meisten auf: durch ihre Begeisterung, ihre Tanzeinlagen und ihre Lautstärke.

In Atlanta geht es ernster zu. Am Ende seines Auftritts bekommt der Gast anerkennenden Applaus. Die Zuhörer würdigen, dass er sich die Mühe macht, um ihre Stimmen zu werben. Ganz überzeugt sind sie noch nicht.