
© Bar Moshe
Jüdisches Leben im Irak: Dialekte für die Nachwelt bewahren
An der Freien Universität befasst sich der israelische Linguist Assaf Bar-Moshe mit judäo-arabischen Dialekten. Sind diese ein Schlüssel zur Kulturgeschichte der Region?
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Bis in die 1950er-Jahre hinein wurde das gesellschaftliche Leben in Bagdad maßgeblich auch von Jüdinnen und Juden geprägt. Über Jahrhunderte war dort eine blühende jüdische Gemeinde zuhause, die sich als selbstverständlicher Teil des Iraks verstand und Arabisch sprach. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wächst in der Region der Antisemitismus.
Schließlich kommt es im Juni 1941 zum sogenannten Farhud, einem Pogrom gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Innerhalb von zwei Tagen werden rund 9000 jüdische Haushalte verwüstet und mehr als 180 Jüdinnen und Juden getötet. „Nach dem Farhud fühlten sich Jüdinnen und Juden im Irak nie wieder sicher“, sagt Assaf Bar-Moshe. „Nach der Gründung des Staates Israel flohen sie zu Hunderttausenden dorthin.“
Der israelische Linguist, dessen Eltern selbst aus Bagdad stammen, dokumentiert und erforscht am Institut für Semitistik der Freien Universität die Sprachen der einstigen jüdischen Gemeinden Mesopotamiens und der Levante. „Jahrhundertelang pflegten die Menschen dort viele verschiedene judäo-arabische Dialekte“, sagt er. „Doch in Israel gingen sie im Assimilationsprozess meist innerhalb einer einzigen Generation verloren. Viele der Sprecherinnen und Sprecher sind heute über 80 oder sogar 90 Jahre alt.“
Die Sprache der Kindheit
Assaf Bar-Moshe versucht, möglichst viele dieser Menschen zu treffen. Er nimmt Gespräche auf, analysiert Wortschatz und Grammatik und stellt vergleichende Studien an. Nachdem er im Jahr 2019 nach jahrelanger Forschungsarbeit zunächst einen Band über die Grammatik des Bagdader Dialekts herausgegeben hat, widmet er seine Arbeit nun der Vielzahl an kleineren Dialekten.
„In zahlreichen Kleinstädten Mesopotamiens und der Türkei gab es Gemeinschaften mit oft nur wenigen Hundert Sprechern“, sagt er. „Heute findet man in Israel, wenn man Glück hat, noch zwei, drei Menschen, die einen der Dialekte sprechen. Ich versuche, mich mit ihnen gemeinsam an die Sprache ihrer Kindheit zu erinnern und nehme sie auf.“
Wir versuchen, die Geschichte anhand von linguistischen Verschiebungen nachzuzeichnen. Wir arbeiten in gewisser Weise wie Archäologen.
Assaf Bar-Moshe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Semitistik der Freien Universität
Mit seiner Arbeit möchte der Linguist einen Beitrag dazu leisten, die Dialekte für die Nachwelt zu bewahren. Darüber hin-aus können die Dialekte aber auch entscheidende Hinweise über die sprachliche Entwicklung des Arabischen liefern. „Die jüdischen Dialekte sind in der Regel sehr konservativ“, sagt Bar-Moshe. „In ihnen haben sich zum Teil grammatische Formen erhalten, die im Arabisch der mesopotamischen Mehrheitsgesellschaft verloren gegangen sind. Über die jüdischen Dialekte erhalten wir ein besseres Verständnis der Frühformen des Arabischen.“
In einem weiteren Schritt könnte die Analyse der Dialekte auch der Schlüssel zu bisher ungeklärten Fragen über die Kulturgeschichte der Region sein. „Wir wissen relativ wenig über die Frühgeschichte der jüdischen Gemeinschaften“, sagt Assaf Bar-Moshe. „Daher versuchen wir, die Geschichte anhand von linguistischen Verschiebungen nachzuzeichnen. Wir arbeiten in gewisser Weise wie Archäologen. Nur dass wir mit linguistischen Relikten arbeiten statt mit materieller Kultur.“
Judäo-arabische Dialekte
Erste Erkenntnisse habe etwa ein Vergleich der judäo-arabischen Dialekte von Bagdad und Aleppo ergeben, den Bar-Moshe gemeinsam mit dem Semitisten Werner Arnold von der Universität Heidelberg angestellt hat. „Der Dialekt von Aleppo ist ein levantinischer, er entstammt also einer anderen Dialektfamilie als der mesopotamische Dialekt von Bagdad“, sagt Bar-Moshe. „Interessanterweise finden sich im Dialekt von Aleppo jedoch eine Reihe von Formen, die dem Bagdader erstaunlich ähnlich sind.“
Bar-Moshe zufolge lässt sich diese Ähnlichkeit nur auf einen Austausch zwischen den Sprachgemeinschaften zurückführen. „Unsere Annahme ist, dass dies mit der Einnahme Bagdads durch die Mongolen im Jahr 1258 zu tun haben könnte“, sagt Bar-Moshe. „Möglicherweise sind damals größere Gruppen von Bagdader Juden nach Aleppo geflohen.“
Zu seiner Arbeit steht Assaf Bar-Moshe in sehr persönlicher Beziehung. Seine Eltern gehörten zu den letzten Juden, die den Irak verließen. „Die allermeisten irakischen Juden, rund 120.000 an der Zahl, wanderten 1951 im Rahmen einer koordinierten Aktion des israelischen Staates aus“, erzählt er. „Rund 7000, darunter meine Eltern, blieben allerdings im Land. Sie gingen erst in den 1970er-Jahren nach Israel, als im Irak Saddam Hussein an die Macht kam.“
Zu Hause wächst Assaf Bar-Moshe mit dem judäo-arabischen Dialekt der Bagdader Juden auf. „Da meine Eltern so spät nach Israel kamen, sprachen sie die Sprache im Gegensatz zu den meisten Bagdader Juden noch ganz selbstverständlich“, sagt er. „So machten sie mich zu einem der vermutlich jüngsten noch lebenden Sprecher dieser seltenen Sprache.“
Sprachliche Vielfalt erhalten
Auf die Idee, sich wissenschaftlich mit der Sprache seiner Eltern auseinanderzusetzen, kommt er lange Zeit nicht. „Das war eine Frage, die ich mir nie gestellt habe“, sagt er. „Auch dann nicht, als ich schon Linguistik studierte.“ In seinem Studium widmet er sich zunächst dem Mandarin.
Als Masterarbeit an der Jerusalemer Hebrew University reicht er im Jahr 2011 eine Untersuchung der chinesischen Syntax ein. „Einer der Professoren fragte mich dann ziemlich direkt, wie lange ich eigentlich noch weiter meine Zeit verschwenden wolle“, erzählt Assaf Bar-Moshe. „Er machte deutlich, dass es Milliarden von Mandarinsprechern gebe – und nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen, die das Judäo-Arabische beherrschten wie ich.“
Fortan hat das Thema den Linguisten nicht wieder losgelassen. „Es ist eine solch wichtige Aufgabe, dazu beizutragen, dass diese sprachliche Vielfalt nicht verlorengeht“, sagt er. „Und es laufen die letzten Jahre, in denen es uns noch möglich ist, lebenden Sprecherinnen und Sprechern zu begegnen.“
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