Deutschsprachige jüdische Einwanderer : Was bleibt von den Jeckes in Israel?

Die deutschsprachigen jüdischen Einwanderer der 30er Jahre waren in Israel schlecht angesehen. Heute ist das anders - was wird von ihnen bleiben? Ein Besuch.

Ilana Marcus und das Buch mit Kinderliedern.
Ilana Marcus und das Buch mit Kinderliedern.Foto: Imre Balzer

Ilana Marcus singt leise auf Deutsch vor sich hin. „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad“, stimmt sie an. Die 66-jährige Frau sitzt am Kopfende des langen Tisches in ihrem Esszimmer. Durch die offene Terrassentür hinter ihr dringen die warme Luft und das Grillenzirpen eines israelischen Oktoberabends. Marcus blättert weiter zu „Hänschen Klein“.

„Als meine Mutter schon über 80 war, habe ich sie gebeten, alle Lieder aufzuschreiben, an die sie sich noch erinnert“, sagt Marcus. Aus der Sammlung hat sie ein Buch zusammengestellt: die Lieder ihrer Kindheit – in der Sprache ihrer Kindheit: deutsch.

Ilana Marcus wohnt in Aschkelon, einer 130.000-Einwohnerstadt in Israel, nördlich vom Gazastreifen gelegen. Der Strand ist hier von großen Hotels gesäumt, am Stadtrand stehen neu errichtete Hochhäuser. Marcus wohnt mit ihrem Mann Alan am Ende einer ruhigen Straße nicht weit vom Meer entfernt. An der Tür grüßen die beiden Hunde Leyla und Tutti.

„Hoppe Hoppe Reiter“ - auf hebräisch

Die Haare der 66-Jährigen sind schwarze, am linken Arm trägt sie eine Applewatch, am rechten einen Armreif. Marcus arbeitet als Rechtsanwältin, sie hat immer viel zu tun. Und: Sie ist ein Jecke. So werden die deutschsprachigen Einwanderer und ihre Nachkommen genannt, die vor allem in den 1930ern nach Palästina kamen. „Ich wuchs mit der deutschen Kultur auf und Deutsch war meine erste Sprache“, sagt sie.

Marcus hat das kleine schwarze Buch, in dem sie die Kinderlieder gesammelt hat, vor sich auf den Tisch gelegt. Direkt neben den Kuchen, den sie extra besorgt hat. Die Sammlung hat sie für ihre Enkelkinder zusammengestellt. Weil die aber kein deutsch mehr sprechen, hat sie die Lieder übersetzt: links steht der Text im Original, rechts auf Hebräisch.

„Ich habe meinen Enkeln die Lieder beigebracht“, sagt Marcus und schlägt „Hoppe Hoppe Reiter“ auf. „Sie singen sie gerne – aber auf Hebräisch.“ Als Jeckes sehen sie sich nicht. Und auch die zweite Generation der deutschen Einwanderer wird älter. Was will Marcus an ihre Kinder weitergeben? Was wird von den Jeckes bleiben?

Ganz hinten in dem Buch findet sich das Bild eines jungen Mädchens mit Schultüte: Charlotte Gelz, geborene Nudelberg, die Mutter von Ilana Marcus. 1935 floh sie mit ihrer Familie aus Berlin-Pankow vor den Nazis nach Palästina. Marcus Vater wuchs in Wien auf und emigrierte schon früher. Wie sie kamen rund 60.000 deutschsprachige Juden in den 1930ern. Noch immer leben einige Jeckes der ersten Generation in Israel. Mit der „Vereinigung der Israelis zentraleuropäischer Herkunft“, gibt es eine eigene Organisation, die sich um ihre Belange kümmert. Genaue Zahlen über die Jeckes hat sie nicht.

Kartoffelsalat - nach deutschem Originalrezept

Für Marcus selbst spielte das Geburtsland ihrer Vorfahren lange keine Rolle. Deutsch war die Sprache, die sie mit ihrer Großmutter sprach – mehr nicht. Das änderte sich, als sie vor 15 Jahren das erste mal mit ihrer Mutter nach Berlin reiste. Sie zeigt ihrer Tochter, wo sie vor dem Krieg gelebt hatte. „Als ich das erste Mal nach Berlin kam, fühlte ich mich zuhause. Jeder sprach die Sprache, die ich zuhause gelernt hatte“, sagt Marcus. Als Marcus' Mutter 2012 starb, wurde das Interesse an ihren Wurzeln stärker. Sie reiste weitere Male nach Deutschland, schloss Freundschaften, begann wieder mehr deutsch zu sprechen.

Und gründet ein Treffen für Jeckes in Aschkelon. Bis zu 20 Personen kommen zu Marcus' Jecke-Treffen, die eine lange Tradition in Israel haben. Denn die deutschstämmigen Juden waren lange nicht gut angesehen. Sie galten als steif, humorlos – und schwer von Begriff. Ab den 1940ern war Deutsch dann wegen Hitler und der Schoah nicht mehr gerne gehört. Die Jeckes blieben unter sich.

Am nächsten Tag füllt sich das Esszimmer von Marcus mit einem Stimmengewirr aus hebräisch, deutsch und englisch. Vier ältere Männer und eine Frau haben an dem langen Esszimmertisch Platz genommen. Neben der Orchidee in der Tischmitte hat Marcus heute Obst und selbst gebackenen Möhrenkuchen bereitgestellt, ihr Mann bedient die Kaffeemaschine in der Küche. Später soll es noch Kartoffelsalat geben – nach deutschem Originalrezept.

Alle der Jeckes haben Vorfahren aus Deutschland, außer Marcus haben sie alle die 70 überschritten „Weißt du, was das heißt, Jecke?“, fragt Gad Sobol, ein Historiker, der viel Zeit mit der Erforschung der Geschichte Aschkelons verbringt. Seine weißen Haare sind kurz, in der Brusttasche seines Poloshirts klemmt ein Kugelschreiber.

Der Kartoffelsalat - nach original deutschem Rezept.
Der Kartoffelsalat - nach original deutschem Rezept.Foto: Imre Balzer

Drei Versionen gibt es zur Herkunft des Begriffs – alle erzählen sie viel über die Sicht auf die Einwanderer aus Deutschland. Die erste besagt, dass die Jeckes deswegen so genannt wurden, weil ihnen auch bei heißem Wetter ihre Jacken nicht ablegten. Die Zweite: Der Jecke aus dem rheinischen Karneval – als begriffsstutziger Clown. Schließlich könnte es auch ein Akronym für „jehudi kashe hawana“ sein. Das steht auf Hebräisch für „begriffsstutziger Jude“.

Was werden die Jeckes an die nächste Generation weitergeben?

„Früher war Jecke eine Beleidigung“, sagt Marcus. Aber das sei die Generation ihrer Eltern gewesen, die Bedeutung habe sich verändert. „Wenn heute jemand sagen will, dass er pünktlich, ehrlich und gewissenhaft ist, sagte er: Ich bin ein Jecke“. Die „preußischen Eigenschaften“ der Einwanderer werden heute geschätzt.

Doch auch heute sind nicht alle Vorbehalte restlos verschwunden. „Warum willst du die deutsche Kultur fördern, schau, was die uns gebracht hat“, habe ihr jemand gesagt, als sie von dem Liederbuch erzählt habe, sagt Marcus. „Manche Menschen, die die Sprache gesprochen haben waren böse – aber das ist nicht die Schuld der Sprache!“

Jedoch ist nicht nur das Verhältnis der Israelis zu den Jeckes wechselhaft. Auch das Verhältnis der Jeckes zum Deutschen ist kompliziert. Einerseits ist Deutschland das Land, das für die Schoah verantwortlich ist. Andererseits ist es die Heimat ihrer Vorfahren – und damit ein wichtiger Teil ihrer Identität.

Marcus gibt das schwarze Buch mit ihrer Kinderlieder-Sammlung am Tische herum. Die Lieder sind den meisten vertraut, ein paar der Jeckes beginnen zu singen: „Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht“, dann „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum“ – erst auf Deutsch, dann auf Hebräisch. Dann gibt es den angekündigten Kartoffelsalat, die Runde wechselt wieder ins hebräische. „Das ist Kultur!“, sagt Sobol noch auf deutsch und deutet auf seinen Teller.

Werden die Jeckes etwas von ihrer Identität weitergeben? „Die Jeckes sterben aus“, sagt Marcus. Trotz deutscher Kinderlieder auf hebräisch. Doch ihr geht es sowieso nicht um die Sprache oder die Kultur. Was Marcus weitergeben will, sind die Werte der Jeckes.

„Ich denke, es ist wichtig, daran zu denken, wie das eigene Handeln andere Menschen beeinflusst“, sagt Marcus. „Dass man nicht einfach seinen Müll fallen lässt, zum Beispiel. Das hat etwas mit Respekt für Umwelt und Mitmenschen zu tun.“ Rücksicht, Höflichkeit, Achtung vor anderen Menschen – das macht für Marcus das wirkliche Erbe der Jecke aus. Und das hat sie ihren Kindern sehr wohl weitergegeben.

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Die Recherchen wurden durch das Twincities-Reisestipendium der israelischen Botschaft ermöglicht.

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