Kritik am Kölner Karneval : Witze, die man nur mit Bier erträgt

Kölns Bürgermeisterin Reker sieht den Karneval zu einem "allgemeinen Besäufnis" verkommen. Ein tristes Fazit - aber kaum zu ändern, solange die Witze bleiben, wie sie sind. Ein Kommentar.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hat am Karneval ihrer Stadt keinen Spaß mehr.
Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hat am Karneval ihrer Stadt keinen Spaß mehr.Foto: dpa

Mit „Sexuelle Übergriffe, geklautes Kölsch, Bierkrug in Menschenmenge geworfen“ war ein Pressebericht vom Auftakt des Kölner Karnevals im November 2017 überschrieben. Die fünfte Jahreszeit als kontrollierter bürgerlicher Exzess im gegenseitigen Einvernehmen aller Rheinländer scheint Geschichte zu sein. Die Brutalisierung der Feierkultur schreitet voran, das ist wohl dort nicht anders als beim Berliner Silvester, der sich von der lustig lauten Geistervertreibung längst zu einem zeitlich begrenzten Bürgerkrieg entwickelt hat.

Dennoch ist es eine Überraschung, dass dieser Standpunkt nun in Köln sogar offiziösen Rang erreicht. Henriette Reker, die parteilose Kölner Rathauschefin, hat despektierliche Worte über den Karneval der Stadt gefunden, die vermutlich manchem Jecken die Kappe in die Höhe treiben: „Der Karneval ist in den letzten Jahren – oder eher Jahrzehnten – zu etwas geworden“, richtete sie ihren Bürgern aus, „das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht, als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht“.

Karneval ohne Alkohol? Undenkbar

In der Tat ist alkoholfreier Karneval so wenig denkbar wie ein veganes Steakhaus, das ist nun einmal so. Denn ohne ein paar Liter Kölsch oder Stärkeres im Kopf wäre tatsächlich nicht zu ertragen, was in den Prunksitzungen aus der Bütt, tärää, Jahr für Jahr ins feiernde Volk entlassen wird. Niemand muss zum Feminismus konvertieren oder ganz zum durchgegenderten Schneeflöckchen werden, um einen Großteil der komplett humorbefreiten Reime und Witze als platt, sexistisch und dumm zu erkennen. Wer sich aktuell in den sozialen Netzwerken auf die Suche macht, der entdeckt rasch an allerhand Beispielen, dass sich daran bisher nichts geändert hat. Der Karneval rheinischer Prägung ist zwar immer noch das Überdruckventil der Bürger gegen die Macht der Bonzen und Pfaffen, aber leider auf einem fast durchweg unterirdischen intellektuellen Niveau.

Es ist kein Wunder, dass Henriette Reker, die auch gern im vollen Ornat mitfeiert, nicht allzu weit geht in ihrer Kritik. Aber dass sie überhaupt Kritik äußert, mag als Zeichen gelten. Es gibt in der Karnevalskultur jenseits von holpernden Reimen und narkotisierenden Getränken allerhand, was sich zu bewahren lohnen würde, und was wertvoller ist als die vermeintliche Lizenz zum Grabschen und Saufen.

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