Meine Möbel sind individuell, also bin ich es auch

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Einrichtungstrend : Die unglaubliche Karriere der Europalette
Karls Erbeerhof hat ein Hotel in Rövershagen bei Rostock mit Europaletten eingerichtet.
Karls Erbeerhof hat ein Hotel in Rövershagen bei Rostock mit Europaletten eingerichtet.Foto: promo

Die Friedrichshainer Möbelbauer von „Upcycling Berlin“ fertigen zum Beispiel Tische, Bänke, Kommoden oder Sideboards daraus. Michael Dobler, 28, gelernter Zimmermann und einer der Gründer des Unternehmens, erklärt, dass die Verarbeitung dieser Paletten ziemlich aufwendig ist. Sie haben Risse, ihre Klötze sind kaputt. „Das braucht viel Handarbeit, da kann man mit Maschinen kaum was machen“, sagt er.

Dass die Möbel aus Abfallholz entstanden sind, bedeutet aber nicht, dass sie im Showroom an der Revaler Straße günstig zu haben sind. Für Robert, einen Palettentisch, muss man beispielsweise 1800 Euro hinblättern. Michael Dobler sagt, viele seiner Kunden zählten zum LOHAS-Milieu (Lifestyle of Health and Sustainability), hingen also einem Lebensstil an, für den Nachhaltigkeit und Gesundheit entscheidend sind. Die Kunden honorieren die Geschichte, die hinter den Möbeln steckt. Gefertigt aus einem natürlichen Material, nachhaltig produziert, jedes Modell ein Unikat mit individuellen Gebrauchsspuren. Wer ein solches Objekt besitzt, hebt sich von der Masse ab.

Nur: Wenn etwas in den Großstädten angesagt ist, bleibt das nicht lange unbemerkt. Was die Trendbewussten einst von der Masse abgehoben hat, wird schnell vom Mainstream gekapert. So auch die Palette. Seit Kurzem haben sogar Obi, Bauhaus und Hornbach spezielle „Möbelpaletten“ im Sortiment. Die sind schon geschliffen und lackiert und werden samt Sitzauflage und Bauanleitung angeboten. Obi weiß: „Europaletten erfreuen sich im Do-it-yourself-Bereich immer größerer Beliebtheit. Ob eine Lounge-Ecke mit Tisch und Barhocker, Blumenkasten oder Bücherregal – 08/15 können andere.“ 08/15, das will nun wirklich keiner, auch der Obi-Kunde nicht.

Individuell? Die Baumärkte liefern die Anleitung gleich mit

Der Soziologe Andreas Reckwitz erklärt in seinem neuen Buch, dass wir in einer „Gesellschaft der Singularitäten“ leben, in der allein dem Außergewöhnlichen ein Wert zugeschrieben wird. Nur wer individuell ist, kann auf den „Attraktivitätsmärkten“ unserer Zeit noch bestehen. Und so suggeriert sogar die Möbelpalette aus dem Baumarkt dem Käufer Einzigartigkeit, dient sie als Vehikel seiner Selbstinszenierung: Seht her, meine Möbel sind individuell, also bin ich es auch.

Die ursprüngliche Idee ist bei dieser Übernahme verloren gegangen. Sperrig sein? Bei Obi setzt man auf adrette Lackierung und komfortable Rückenkissen. Upcycling? Steht zwar als vermutlich verkaufsfördernder Begriff im Baumarkt-Prospekt, hat seine Bedeutung aber eingebüßt. Die verwendeten Paletten sind frisch produziert. Individuell? Die Baumärkte liefern die Anleitung für die DIY-Möbelparade gleich mit.

Ist ein Produkt erst zur Massenware verkommen, sind die einstigen Trendsetter längst weitergezogen. Michael Kloos, der Architekt vom Himmelbeet, erzählt von dem Moment, als ihn aus einem Lidl-Prospekt ein Hipster mit Bart und Rennrad anstrahlte, der vor Paletten drapiert für einen Joghurt warb. Kloos: „Da war klar, dass das im Design-Bereich durch ist.“

So empfindlich ist man nicht überall. In Rövershagen bei Rostock wollen sie noch richtig durchstarten mit der Palette. Ende des Monats eröffnet das Erdbeer-Imperium Karls dort das Hotel „Alles paletti“. Darin haben sie das Material beherzt verbaut, in Betten, Wandverkleidungen und Fassaden. Und Erdbeerbaron Robert Dahl ist begeistert: „Das ist so ziemlich das Coolste, was wir bei Karls bisher gemacht haben.“

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