„Ich wollte einen Weg finden, zu vergeben“

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Idyllisch. Der Blick auf das Cache Valley in Idaho.
Idyllisch. Der Blick auf das Cache Valley in Idaho.Foto: imago/Danita Delimont

Hat es Vorteile, in Eigeninitiative zu lernen statt in einer Institution?

Ich glaube, es hat etwas Gutes, sich selber verantwortlich zu fühlen für seine Bildung. Wir wurden nie gezwungen, zu büffeln, und kamen nie auf die Idee, dass wir je etwas lernen würden, wenn wir es uns nicht selber beibringen. Meine Eltern haben es nur zu weit getrieben. Wir hatten keine Lehrbücher im Haus, niemand hätte uns Algebra beibringen können, wenn wir es gewollt hätten. Ich glaube, dass Kinder Lehrer brauchen und eine Struktur. Allerdings hat das staatliche Bildungssystem dabei möglicherweise übertrieben. Bildung wurde zu etwas Passivem, Institutionalisiertem. Fast, als ob man da auf ein Fließband steigt und auf der anderen Seite gebildet wieder rauskommt.

Sie sind total isoliert aufgewachsen. Dann haben Sie in Cambridge studiert, hatten ein Gates-Stipendium für „Future leaders of the world“. Was hat es für Sie bedeutet, ins Ausland zu gehen?

Großbritannien war eine ganz andere Welt, hat auch eine völlig andere akademische Tradition. Man hat dort ein Supervisionssystem mit einem Professor, im Dialog. Es hat mir die Augen dafür geöffnet, dass es unterschiedliche Arten gibt, zu leben. Dass die Welt groß ist.

Jeder erbt Züge seiner Eltern, ob es einem gefällt oder nicht. Wie viel von Ihrem Vater, wie viel von Ihrer Mutter steckt in Ihnen?

Ich habe wahrscheinlich viel mehr Ähnlichkeiten mit meinem Dad. Auch wenn er immer am selben Ort gelebt hat – die Überzeugung, in einen unbekannten Raum treten zu können, etwas zu machen, was einem nicht vertraut ist, habe ich wahrscheinlich von ihm. Er ist ein mutiger Mensch. Meine Mutter ist freundlich, empathisch, hört Leuten zu. Ich hoffe, dass ich das von ihr geerbt habe.

Hat es Ihnen geholfen, Tagebuch zu führen?

Meine Großmutter hatte mir eins geschenkt, als ich zehn war: rosa, mit Teddybär vorne drauf. Darin habe ich angefangen zu schreiben. Als das voll war, habe ich ein neues gekriegt, und dann noch eins und noch eins – ich habe einfach weitergemacht. Für mich war es ein wichtiger, sinnstiftender Teil meines Lebens.

Sie misstrauen aber dem, was Sie damals notiert haben, weil Sie zum Teil das Erlebte aus Sicht Ihres Bruders geschrieben haben, nicht Ihrer eigenen.

Das war meine Perspektive damals. Ich war sehr empfänglich für die Interpretation meiner Erlebnisse durch andere. Es war ein Leichtes für ihn, mir zu erzählen, dass er mich aus Spaß auf dem Parkplatz verprügelt hat. Er erzählte mir, dass ich das Ganze missverstanden habe. Und ich habe das geglaubt. Es hat gedauert, bis ich allmählich meiner eigenen Sicht vertrauen konnte.

Bei Ihnen zu Hause gab’s keine Romane, die Sie hätten lesen können. Stießen Sie als Studentin darauf?

An der Uni habe ich nur Lehrbücher, keine Literatur gelesen. Bis ich dann an meinen Erinnerungen saß: Ich wollte lernen, wie man schreibt. Die meisten Autoren, die ich jetzt mag – Alice Munro, Margaret Atwood, Laurie Moore, David Sedaris –, arbeiten für den „New Yorker“. Weil ich das Schreiben vor allem durch den „New Yorker“-Fiction Podcast gelernt habe. Da spricht eine Redakteurin jeweils mit einem Autor über eine Kurzgeschichte. Das war extrem wichtig für mich. Alles, was sie erklärt haben, zum Beispiel über die Erzählperspektive, alles war eine Offenbarung.

Im Buch versuchen Sie zu verstehen. Ging es auch darum, zu vergeben?

Ich wollte einen Weg finden, zu vergeben, ohne zurückzukehren zu giftigen Beziehungen. Es ist vielleicht nicht das Gleiche wie Versöhnung.

Fahren Sie noch nach Idaho?

Ja, jedes Jahr. Um meine Cousins und einige meine Brüder zu besuchen.

Haben Sie zu Ihren Eltern Kontakt?

Meiner Mutter schreibe ich alle paar Monate. Gesehen habe ich meine Eltern das letzte Mal bei der Beerdigung meiner Großmutter, vor vier Jahren.

Und wie war das?

Schwierig. Ich vermisse sie, aber, ja, es ist kompliziert. Dir fehlt jemand – und gleichzeitig bist du froh, dass sie nicht mehr zu deinem Leben gehören.

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