Was den pedestrian glücklich macht

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Vernachlässigte Verkehrsteilnehmer : Fußgänger verdienen den ganz großen Auftritt
Fußgängerfreundlich. Kopenhagen gilt als Musterbeispiel einer lebendigen Stadt.
Fußgängerfreundlich. Kopenhagen gilt als Musterbeispiel einer lebendigen Stadt.Foto: imago/imagebroker

So wie im Berliner Gleisdreieckpark. Dessen Entwicklung wurde in einem jahrelangen, mühevollen Prozess in Diskussionen mit den Anwohnern entwickelt. Dort kann man die friedliche Koexistenz der unterschiedlichsten Gruppen beobachten: Radfahrer, Fußgänger und Skater, Alte und Junge, Trampolinspringer und Tischtennisspieler, Ureinwohner und Migranten. Es ist ein Ort, wo man dem Anderen begegnet. Demokratischer geht’s nicht.

Wenn man den Park aber verlässt und die parallel verlaufende Flottwellstraße entlangläuft, hat man das Gefühl, aus einer Oase in die Wüste zu kommen. Ein sonniger Morgen – und alles tot. Die meisten schicken Neubauten zeigen dem Passanten die kalte Schulter. Vorhänge zugezogen, Rollläden runtergelassen, Jalousien auf Halbmast und die übrigen Fenster mit blickdichtem Material verschlossen. Dazwischen Garageneinfahrten, die bekanntlich auch keine Augenweide sind, oder gleich eine massive Wand. So gut wie keine Läden und Cafés, die dem Passanten zwar Gehweg wegnehmen, aber für Leben sorgen.

Je lebendiger und sicherer ein Ort ist, desto mehr Menschen lockt er an. Und je mehr Leute sich an einem Ort aufhalten oder bewegen, desto lebendiger und sicherer wird er. Trist dagegen bleibt trist. Kein Zufall, dass Erdgeschosszonen ein wichtiger Aspekt des eben beendeten Berliner Festivals „Make City“ waren. Die Schnittstelle zwischen öffentlichem und privatem Raum droht zunehmend zu verkümmern.

Im Berliner Gleisdreieckpark können Fußgänger, Radfahrer und Skater friedlich koexistieren.
Im Berliner Gleisdreieckpark können Fußgänger, Radfahrer und Skater friedlich koexistieren.Foto: imago/Priller&Maug

Der Fußgänger will auch stehen und sitzen

Der Fußgänger, der der Stadt auf Augenhöhe begegnet, wird damit abgestoßen. Genau wie von schnurgeraden Straßen und eintönigen Fronten. An denen geht man so schnell wie möglich vorbei oder meidet sie von vornherein.

Aber der Fußgänger will ja nicht nur gehen, sondern auch stehen und sitzen. Ob und wo, das kann er jederzeit spontan entscheiden, kann er doch abrupt anhalten, ohne den Hintermann zu gefährden und ohne erst einen Parkplatz zu suchen. Es geht um mehr als rasch von A nach B zu kommen: zu reden, zu gucken, sich niederzulassen, zu flanieren. Dazu muss man die Menschen allerdings ermuntern, das hat schon Franz Hessel festgestellt. „Hierzulande geht man nicht wo, sondern wohin.“ Wenn er im gemächlichen Tempo einherschlendere, halte man ihn oft für einen Taschendieb. Dabei schreit das Trottoir danach, zu trotten.

Jan Gehl empfiehlt, für die Zweibeiner Einladungen zu schaffen. Schöne, bequeme Bänke mit Aussicht, und zwar auf andere Menschen, auch informelle Stützen – Poller, an die man sich anlehnen, Stufen, auf die man sich hocken kann. Es geht darum, den Boden für soziale Kontakte zu schaffen, für Zufallsbegegnungen, um, so Gehl, „die soziale Funktion des öffentlichen Raums zu fördern“. Die immer wichtiger wird im Zeitalter der Digitalisierung, des demographischen Wandels, der häuslichen Vereinzelung – in 49 Prozent der Berliner Haushalte lebt ein Mensch allein.

Wandeln ist eine Lust

Was den pedestrian glücklich macht? Bestimmt nicht die Fußgängerzone, ein Lieblingskind der Nachkriegszeit. Allein der Name! Als wolle man den Fußgänger wegsperren. Auf dass er möglichst viel konsumiert. Nichts anderes sind die Zonen ja, Bereiche zur Belebung des Kommerzes, nicht der Stadt. Studenten der Beuth-Hochschule haben daher auch ein Gegenmodell zur angedachten Fußgängerzone Unter den Linden entworfen, das das zivilisierte Miteinander fördert, deren Herzstück eine Promenade ist.

Denn das Wandeln ist eine Lust. Das haben selbst die New Yorker vor einigen Jahren entdeckt. Es gibt wohl kaum eine westliche Metropole, in der die Leute so viel laufen. Auf diese Weise kommt man in Manhattan oft schneller als mit dem Taxi voran. Spaß macht das allerdings nicht. Man rennt im Pulk, von Block zu Block, schiebt sich an Touristen vorbei, über die rote Ampel, hat nur Augen für die Bedrohung des Autoverkehrs.

Und dann wurde die Highline eröffnet, der erste Abschnitt 2009, eine Promenade auf stillgelegten Hochbahngleisen. Plötzlich erlebten die New Yorker, wie es ist, mitten in der Stadt mal nicht zu hetzen, und an jeder Kreuzung abzubremsen, sondern zu schlendern, am Stück, im Grünen, mit Blick auf die Stadt, sich zwischendurch hinzusetzen, ohne was konsumieren zu müssen. Das schlug ein. Bei fünf Millionen Besuchern im Jahr. Was bedeutet, dass man sich dort jetzt eher wie auf der Fifth Avenue zur Rushhour vorkommt als auf einem Spazierweg. Wieder vorbei mit dem Lustwandeln.

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