Bahnfahren mit Behinderung : Jeder sechste Bahnsteig nicht barrierefrei

Fehlende Aufzüge, Rampen oder Fahrtreppen machen den Zugang zum Zug für Menschen mit Behinderung oft unmöglich. Bund und Länder investieren, aber vollständige Barrierefreiheit ist nicht in Sicht.

Endstation. Treppenstufen am Bahnhof - häufig im ländlichen Raum - sind für Rollstuhlfahrer oft ein unüberwindbares Hindernis.
Endstation. Treppenstufen am Bahnhof - häufig im ländlichen Raum - sind für Rollstuhlfahrer oft ein unüberwindbares Hindernis.Foto: dpa/Daniel Maurer

Die Züge der Deutschen Bahn fahren halbleer im Coronamodus und für die verbliebenen Fahrgäste bedeutet das weniger Stress. Für alle Fahrgäste? Wenig geändert hat sich für Menschen mit Behinderung. Rollstuhlfahrer etwa bekommen momentan vielleicht leichter einen der wenigen ausgewiesenen Plätze. Aber die Infrastruktur an den Bahnhöfen ist, wie sie ist. Barrierefreiheit, die Behinderten das Reisen erleichtern würde, ist häufig nicht gegeben.

Das zeigen auch Antworten des Bundesverkehrsministeriums (BMVI) auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel, Corinna Rüffer, Sven-Christian Kindler und anderer. Danach stehen Behinderte an gut jedem sechsten von insgesamt mehr als 9200 Bahnsteigen an deutschen Bahnhöfen vor unüberwindlichen Hindernissen, weil es keine Aufzüge, Rampen oder Fahrtreppen gibt.

Und daran wird sich bei zwei Dritteln der gut 1500 nicht-barrierefreien Bahnsteige auf absehbare Zeit auch nichts ändern: „An gut 1000 Bahnsteigen gibt es noch keinerlei Aktivität zur stufenfreien Erreichbarkeit, weder in der Umsetzung noch in der Planung“, sagte Matthias Gastel Tagesspiegel Background. Die Grünen erwarteten, „dass das Bundesverkehrsministerium und die Deutsche Bahn ein Konzept vorlegen, wie und wann der letzte Bahnsteig in Deutschland auch für mobilitätseingeschränkte Personen selbstbestimmt erreichbar sein wird“.

500 Bahnsteige werden saniert

„Schritt für Schritt“ will die Deutsche Bahn nach eigener Auskunft diesem Ziel in den nächsten Jahren näherkommen. Enak Ferlemann, Staatssekretär und Bahnbeauftragter der Bundesregierung, verweist darauf, dass für rund 100 Bahnsteige derzeit Stufenfreiheit realisiert werde und sich cirka 420 Bahnsteige in der Planung befänden. Doch eine belastbare Aussage, wann alle Verkehrsstationen barrierefrei gestaltet sein werden, ist laut BMVI nicht möglich. Für den restlichen ÖPNV, so Gastel, gebe es ein Ziel: Er soll bis 2022 ,vollständig barrierefrei’ sein. Für die Deutsche Bahn gebe es nicht mal eine Prognose.

„Es ist ein Armutszeugnis, dass es jetzt im Jahr 2020 noch immer kein zeitliches Ziel für vollständige Barrierefreiheit bei der Bahn gibt“, kritisiert der bahnpolitische Sprecher. Die Bundesregierung habe den Ländern und Kommunen schon vor Jahren vorgeschrieben, bis wann sie Bus- und Straßenbahnhaltestellen barrierefrei umgebaut haben müssen. „Doch dort, wo sie selber Verantwortung trägt, setzt sie sich noch nicht einmal ein Ziel.“

Naheliegend, dass die Betroffenen seit Jahren Kritik üben - vor allem an der Politik und den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Der Behindertenverband ISL etwa hat die Website barrierefreiebahn.de eingerichtet, die Erfahrungsberichte aus dem Bahn-Alltag sammelt. Hier geht es nicht nur um fehlende Infrastruktur, sondern auch um Personalmangel bei Einstiegshilfen oder das eingeschränkte Platzangebot in den Zügen. 

Keine Aufzüge auf wenig frequentierten Bahnsteige 

„Gerade für Menschen, die auf dem Land leben, sind die herrschenden Verhältnisse ein Skandal“, sagt Raul Krauthausen im Gespräch mit Tagesspiegel Background. Der Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit verweist auf eine acht Jahre alte EU-Richtline (TSI PRM), die inzwischen in nationales Recht übersetzt wurde und die unter anderem regelt, an welchen Bahnsteigen, die saniert werden, Aufzüge installiert sein müssen. Sind auf einem Bahnsteig im Schnitt weniger als 1000 Reisende pro Tag unterwegs - was vor allem in ländlichen Regionen häufiger vorkommt -, ist ein Aufzug nicht vorgeschrieben.

„Das ist ja nicht nur für uns ein Problem“, sagt Krauthausen, „sondern auch für alle Reisenden mit viel Gepäck, mit Kinderwagen oder Fahrrädern“. Da im Regionalverkehr die Länder und Aufgabenträger die Verantwortung tragen, fehle es häufig an der nötigen Investitionsbereitschaft und den finanziellen Mitteln. Immerhin habe die Deutsche Bahn tausende Aufzüge digitalisiert und die Daten so zur Verfügung gestellt, dass Reisende einsehen können, wenn ein Aufzug defekt ist. „Das ist ein Anfang“, sagt Krauthausen.

Der Antwort Ferlemanns auf die Grünen-Anfrage ist zu entnehmen, dass rund 5280 Bahnsteige von weniger als 1000 Reisenden am Tag genutzt werden und davon 4300 stufenfrei erreichbar sind.

Vermeidbare Verschleiß- und Materialschäden

Sofern der örtliche Aufzug funktioniert. Die Schadensbilanz der Deutschen Bahn fällt hier positiv aus: Die Verfügbarkeit von Aufzügen liegt den Angaben zufolge bei 97,5 Prozent, die der Rolltreppen im Schnitt bei 97 Prozent. Das heißt aber auch: knapp 60 Aufzüge und 30 Fahrtreppen stehen im Durchschnitt. Als häufigste Gründe werden unsachgemäße Bedienung, Vandalismus, Verschleiß und Materialfehler genannt.

Vor allem die beiden letzteren sind nach Meinung von Matthias Gastel unnötig. „Dass viele Aufzüge wegen Materialermüdung und Materialfehlern nicht zuverlässig funktionieren, müsste man eigentlich mit präventiver Instandhaltung, für die die DB sich seit einigen Jahren rühmt, vermeiden können“, sagt der Grünen-Politiker. Denn wenn ein Aufzug ausfällt, kann es für Menschen mit Behinderung dauern, bis sie wieder ihren Zug erreichen: Im Jahr 2018 dauerte es in 170 Fällen länger als 14 Tage, bis die Technik wieder funktionierte.

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