„Brenner-Gipfel“ in Berlin : Was nützt der längste Zugtunnel, wenn seine Gleise enden?

Verkehrsminister Scheuer ist sich mit Österreich einig, dass am Brenner mehr Verkehr auf die Schiene soll. Doch Deutschland verbummelt Zeit. Ein Kommentar.

Andreas Reichhardt (Mitte, FPÖ), österreichischer Verkehrsminister, und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ( CSU)
Andreas Reichhardt (Mitte, FPÖ), österreichischer Verkehrsminister, und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ( CSU)Foto: dpa/Soeren Stache

Schön wäre es ja, wenn sich in die Tat umsetzen ließe, was Verkehrsminister Andreas Scheuer, sein österreichischer Kollege Andreas Reichhardt und der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter beim „Brenner-Gipfel“ in Berlin beschlossen haben: Sie wollen mehr Verkehr von der Autobahn auf die Schiene verlagern.

Tatsächlich bewegen sich 70 Prozent des Brenner-Güterverkehrs über die Autobahn, mehr als 2,4 Millionen Lastwagen fuhren im vergangenen Jahr diese Strecke. Und so lautet unabhängig vom privaten Ferien-Reiseverkehr die wirklich entscheidende Frage: Wie lassen sich die enormen Gütermengen, die wir alle täglich verbrauchen, über die Alpen transportieren, ohne dass den Menschen an diesen Verkehrsachsen die Lebensqualität genommen wird?

Dafür soll der Brenner-Basistunnel zwischen dem Südtiroler Ort Franzensfeste und Innsbruck Ende 2027 fertig sein, 2028 könnten dann die ersten Züge rollen. In Österreich liegen die Arbeiten im Plan.

Doch lang ist es her, dass Deutschland für eine derartige Präzision bekannt war. Hierzulande wird immer noch über den richtigen Trassenverlauf der Anschlussstrecke gestritten, 16 Bürgerinitiativen kämpfen gegen das Projekt. Jede Initiative will ihre eigene Nachbarschaft unberührt lassen. Dabei gehen die meisten Experten davon aus, dass eine neue, leistungsfähigere Verbindung dringend notwendig ist, um den weiter wachsenden Güterverkehr über die Alpen zu bewältigen.

Schon jetzt ist absehbar, dass die für den europäischen Transport so wichtige Magistrale auf deutscher Seite erst 2038 bis 2040 fertig werden wird. Wer sich das Projekt Stuttgart 21 anschaut, muss selbst das für optimistisch halten. Deutschland wird wohl mit einer gewöhnlichen Zugstrecke mindestens zehn Jahre später an den Start gehen als seine Nachbarn mit einem Tunnelbauwerk von Weltrang. Was aber nützt der längste Eisenbahntunnel der Welt, wenn seine Gleise enden, sobald sie ans Tageslicht kommen?

Deutschland beschließt Megaprojekte wie die Verkehrswende und die Energiewende, um sie dann auf allen politischen und juristischen Ebenen zu verzögern. In Italien dagegen, gewiss kein Beispiel für ein gut regiertes Land, kommt zumindest der Bau der Anschlusstrassen zum Brenner-Tunnel besser voran. Dort freuen sich die meisten Menschen über eine modernere Infrastruktur.

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