• Chef des Plastikherstellers Covestro: „Die Welt hat kein Kunststoff-Problem. Sie hat ein Abfall-Problem“

Chef des Plastikherstellers Covestro : „Die Welt hat kein Kunststoff-Problem. Sie hat ein Abfall-Problem“

Der Chef des Dax-Konzerns Covestro sagt, Umweltschutz ohne Kunststoff sei undenkbar. Im Interview warnt er vor hohen Strompreisen und fordert mehr Windkraft.

Jakob Schlandt
Markus Steilemann ist seit Juni 2018 Vorstandsvorsitzender des Kunststoffherstellers Covestro.
Markus Steilemann ist seit Juni 2018 Vorstandsvorsitzender des Kunststoffherstellers Covestro.Foto: www.imago-images.de

Markus Steilemann, Jahrgang 1970, ist seit einem Jahr Vorstandsvorsitzender des Dax-Konzerns Covestro. Das Unternehmen mit Sitz in Leverkusen erwirtschaftete zuletzt knapp 15 Milliarden Euro Jahresumsatz. 2015 wurde Covestro als ehemalige Kunststoffsparte der Bayer AG an die Börse gebracht.

Herr Steilemann, Sie haben kürzlich hier in Berlin an einer Konferenz mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier teilgenommen. Und dabei als Chemie- und Kunststoff-Konzern die energieintensive Industrie vertreten. Was haben Sie ihm erzählt?

Unser grundsätzliches Anliegen ist: Wir brauchen als chemische Industrie unbedingt eine bezahlbare und sichere Energieversorgung in Deutschland. Allein die Chlorproduktion hierzulande benötigt etwa drei Prozent des deutschen Strombedarfs. Und allein Covestro gibt mehrere Hundert Millionen Euro für Elektrizität aus – jedes Jahr. Was uns vor diesem Hintergrund enorme Sorgen bereitet: Wir steigen aus der Kernkraft aus. Wir haben den Kohleausstieg beschlossen. Und gleichzeitig haben wir kein wirklich klares Konzept in Deutschland, wie das durch erneuerbare Energien und andere Technologien aufgefangen werden soll. Der Neubau von Windkraftanlagen ist praktisch komplett eingebrochen, und ich sehe keine Aussicht auf Besserung. Wir bekommen auch bei der Speicherung und Regelung von erneuerbarer Energie und dem Leitungsausbau die Beine nicht auf den Boden. Das muss sich ändern!

Jetzt sind wir baff: Die etablierte Großindustrie wird zum Verfechter der Energiewende und wirft sich für Windkraft in die Bresche?

Generell muss die Industrie und besonders die Chemiebranche ihre Produktion noch nachhaltiger gestalten, und da sollte neben innovativen Technologien natürlich auch grüne Energie eine Rolle spielen. Hier sehen wir aber von dieser Bundesregierung bislang nur wenig Fortschritte, vor allem mit Blick auf die Versorgungssicherheit, die beim Ausbau der Erneuerbaren mitgedacht werden muss. Teils werden Chemiefirmen auch durch unsinnige Regelungen behindert. Nehmen wir das Eigenstromprivileg: Ein Unternehmen, das außerhalb sauberen Strom für seine Produktion erzeugt und den über das öffentliche Netz ins Werk führt, wird bestraft – weil auf solchen eigenerzeugten Strom hohe Ökostrom-Abgaben fällig sind. 

Nochmal: Sie fürchten sich davor, was passiert, wenn die Energiewende ins Stocken gerät?

Ja. Schon seit vielen Jahren schwebt doch ein Damoklesschwert über uns. Nur weil wir weitgehend von der so genannten EEG-Umlage ausgenommen sind, durch die der Ausbau der erneuerbaren Energien finanziert wird, können wir noch wettbewerbsfähig arbeiten. Nun droht auch noch Gefahr am Strommarkt: Wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien stockt, gleichzeitig die konventionelle Erzeugung zurückgefahren wird und dadurch die Versorgungssicherheit ins Wanken gerät, dann werden wir wohl massive Strompreissteigerungen in den kommenden Jahren sehen. Und das ist aus unserer Sicht komplett indiskutabel.

Warum sind die Erneuerbaren so wichtig beim Strompreis?

Wenn wir aus der Kernkraft und nun auch noch der Kohle aussteigen, dann müssen die erneuerbaren Energien als integraler Bestandteil eines Konzeptes zur Versorgungssicherheit die Lücke füllen – sonst entsteht eine drastische Knappheit am Markt, die auch durch Importe nicht gedeckt werden kann. Dann dürften die Preise schon in wenigen Jahren durch die Decke gehen. Übrigens: Ausgerechnet die neuen Verfahren, mit denen wir als Industrie CO2-ärmer werden wollen, sind besonders stromintensiv, zum Beispiel, wenn wir Erdgas durch mit grüner Elektrizität erzeugten Wasserstoff ersetzen wollen. Ich sehe jetzt schon die Notwendigkeit, dass die von der Kohlekommission vorgeschlagenen Strompreisunterstützungen in Höhe von zwei Milliarden Euro pro Jahr kommen – von der im Übrigen auch die privaten Verbraucher profitieren würden.

Sympathisieren Sie sogar mit Fridays for Future? Das wäre ja eine ganz neue Allianz.

Vor Mut habe ich immer Respekt. Ich teile aber nicht alle Forderungen und nicht die Vehemenz. Auf der einen Seite steht eine Klimaschutzbewegung, die den Kohleausstieg forciert hat. Auf der anderen Seite aber gibt es harte Abwehrbewegungen gegen jedes neue Windrad und überhaupt jede Art größerer Infrastrukturinvestitionen. Die alte Energiewelt soll verschwinden, gegen die neue wird aber ständig opponiert – so kann es nicht weitergehen. Wir müssen nach vorn blicken, konkrete Ziele formulieren – und nicht nur sagen, was wir alles nicht wollen. Deshalb: Fridays for Future ist mir zu apokalyptisch und nicht lösungsorientiert genug, gerade, wenn man Klimaschutz wirklich ernst nimmt. Was ich mir wünsche: Nicht nur aus etwas aussteigen, sondern in etwas einsteigen.

Was bedeutet es für Covestro konkret, wenn die Strompreise in Deutschland deutlich ansteigen?

Wir beliefern mit unseren Produkten – zum Beispiel MDI, eine zentrale Hartschaum-Komponente für die Isolation von Kühlschränken – in aller Regel sehr große Märkte. Wir könnten die gestiegenen Kosten ja weitergeben, wenn unsere Konkurrenten alle unter den gleichen Bedingungen produzieren würden. Aber das tun sie nicht. Deshalb verlieren wir in einem solchen Szenario massiv an Wettbewerbsfähigkeit. Das wäre dann der gefürchtete Klassiker der Umweltökonomie: Carbon Leakage, also die Abwanderung von CO2-intensiven Prozessen in andere Länder mit niedrigeren Umweltstandards. Dann sind die Arbeitsplätze weg, und womöglich steigen die Emissionen sogar weiter. Das kann keiner wollen.

Haben Sie konkrete Pläne zur Produktionsverlagerung oder sind das Szenarien?

Neuinvestitionen sind in Deutschland aus meiner Sicht generell stark gefährdet, weil eine verlässliche Perspektive fehlt. Nichtsdestotrotz bleiben wir optimistisch und investieren derzeit zum Beispiel in eine neue MDI-Großanlage in Brunsbüttel. Dort wollen wir unsere Produktionskapazität für diese Dämmschaum-Komponente auf 400.000 Tonnen pro Jahr verdoppeln.

Was tun Sie eigentlich, um Ihren Energiebedarf zu senken?

Wir setzen stark auf Innovationen und treiben die Forschung voran. Schon in der Praxis eingesetzt werden energieärmere Verfahren zur Chlorherstellung. Stromeinsparung: 25 Prozent. Aber wir können uns vorstellen, in der Elektrochemie noch weiter zu gehen. Laufende Projekte zielen darauf ab, Wind- und Sonnenergie einzusetzen, um damit Wasserstoff oder Kohlenmonoxid zu produzieren. Diese würden wir dann weiter als Bausteine in der Kunststoffherstellung nutzen. Damit es klappt, müssen natürlich die Rahmenbedingungen passen, unter anderem die Preise für erneuerbare Energie.

Laut ihres Geschäftsberichts stagniert die Energieeffizienz von Covestro seit 2012. Was ist da los?

Von 2005 bis 2012 ist unser Energieeinsatz drastisch gesunken, um 40 Prozent. Wir haben in dieser Zeit viel in neue Anlagen investiert. Die sind hocheffizient, aber an die sind wir erstmal gebunden. Das ist doch der Punkt: Wir stehen vor einem neuen Investitionszyklus und wollen klimaschutztauglich werden. Dazu brauchen wir den richtigen Rahmen.

Auch auf den Fridays-For-Future-Demonstrationen (wie hier in Barcelona) ist das Müll-Problem Thema. Plastik gilt hier häufig als Synonym dafür.
Auch auf den Fridays-For-Future-Demonstrationen (wie hier in Barcelona) ist das Müll-Problem Thema. Plastik gilt hier häufig als...Foto: dpa

Die Politik und Industrie diskutieren derzeit, ob das Klimaziel für 2050 nun 80 oder 95 Prozent Emissionsminderung im Vergleich zu 1990 lauten soll. Welcher Schule gehören Sie an?

Keiner von beiden. Wir müssen uns jetzt erst einmal auf die richtigen Schritte konzentrieren, um überhaupt weiter voranzukommen. Die Energiewende hat doch gerade erst begonnen. Übrigens: Die Kunststoffe, die wir herstellen, spielen dabei eine wichtige Rolle, zum Beispiel als Materialien zur Gebäudedämmung. 

Danke für die elegante Überleitung – denn Sie sind auch an dieser Front unter Beschuss. Plastik hat einen schlechten Ruf, spätestens durch die Berichte über Müllstrudel in den Weltmeeren.

Aus meiner Sicht geht effizienter Umweltschutz nur mit Kunststoffen. Ein Nullenergiehaus ist kostengünstig ohne Kunststoffe nicht vorstellbar. Fahrzeuge und Flugzeuge in Leichtbau, die hoch energieeffizient sind, kommen ebenfalls ohne moderne Kunststoffe nicht aus. Wir sind da optimal positioniert. Wenn Umweltschutz ernst gemeint wird, sehen wir uns als Gewinner. Zweitens: Die Welt hat kein Kunststoffproblem. Sie hat ein Problem mit dem Abfallmanagement, das bei Kunststoffen am deutlichsten zutage tritt. Dringend nötig ist, eine wirklich effektive globale Zirkulärwirtschaft zu etablieren. Wir müssen den Kohlenstoff wieder in den Kreislauf bringen: Sei es durch direkte Wiederverwertung, durch mechanische und chemische Aufspaltung oder durch Verbrennung und damit die Nutzung der Kohlenstoffe.

Sie sind trotzdem als großer Plastikkonzern eine Zielscheibe, oder?

Eigentlich nicht. Wobei wir natürlich schon etwas von dem Gegenwind spüren, der unserer Branche insgesamt entgegenweht. Aber wir tun viel dafür, das Abfallmanagement zu verbessern. Wir sind zum Beispiel der weltweiten Allianz zur Beendigung des Kunststoffmülls beigetreten, der noch viele andere Firmen aus verschiedenen Sektoren und Umweltorganisationen angehören. Die Initiative will in den kommenden fünf Jahren über eine Milliarde Dollar zur Verfügung stellen, um bei dem Thema wirklich anzugreifen. Vor allem gilt es zu verhindern, dass Plastik überhaupt in Gewässer und Meere gerät. Deshalb ist es auch am wichtigsten, dort aktiv zu werden, wo am meisten Kunststoff in die Umwelt gelangt, nämlich in Schwellenländern wie China. Wir haben ein großes Interesse daran, das Problem in den Griff zu bekommen, und sind froh, dass jetzt die Dinge ins Rollen kommen.

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