Corona im Gastgewerbe und in der Ernährungsindustrie : "Alle haben große Angst"

Gewerkschafter Zeitler im Interview: Vom Kurzarbeitergeld kann keiner lange leben.

Guido Zeitler ist Vorsitzender der Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten). Allein im Gastgewerbe arbeiten hierzulande gut eine Million sozialversicherungspflichtig Beschäftigter.
Guido Zeitler ist Vorsitzender der Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten). Allein im Gastgewerbe arbeiten hierzulande gut...Foto: picture alliance/dpa

 

Herr Zeitler, wie schlimm ist die Lage im Gastgewerbe?

Es ist brutal. Seit der Absage der ITB geht es in einem Tempo abwärts, das wir so nicht kannten. Auch nicht in den Wochen auf dem Höhepunkt der Finanzkrise und nach 9/11.

 

Wie erklären Sie das?

Alles passiert gleichzeitig: Das Veranstaltungsgeschäft ist tot. Geschäftsreisen gibt es nicht mehr und privat ist auch kaum noch jemand unterwegs. Hotels haben häufig nur noch eine Auslastung von zehn oder 20 Prozent. Das hält niemand lange durch.

 

Helfen die Maßnahmen der Bundesregierung?

Die Kurzarbeit ist ganz wichtig. Doch wie das bislang vorgesehen ist, wird das nicht reichen. Eine Fachkraft im Hotel verdient rund 2000 Euro brutto. Mit einem Kurzarbeitergeld von 60 Prozent des Nettoeinkommens kann die oder der nicht lange leben. Wir brauchen hier eine Aufstockung zumindest für die unteren Einkommen.

Zimmer frei: In Berlin sind Hotels derzeit nur zu zehn bis 20 Prozent belegt.
Zimmer frei: In Berlin sind Hotels derzeit nur zu zehn bis 20 Prozent belegt.Foto: Fabian - stock.adobe.com

Wer soll das bezahlen?

Die Bundesagentur soll für die Arbeitgeber im Falle der Kurzarbeit die Sozialversicherungsbeiträge übernehmen. Wir erwarten von den Arbeitgebern, dass sie einen Teil des Geldes für die Aufstockung der Einkommen ihrer Beschäftigten einsetzen. Wir sind mit den Arbeitgebern im Gespräch um eine solche Regelung für die Branche verbindlich zu machen.

 

Warum sollten die sich darauf einlassen?

In Teilen der Industrie gibt es das bereits. Und gerade auch im Gastgewerbe mit gut einer Million sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter haben die Unternehmen großes Interesse, ihre Arbeitnehmer in der Krise nicht zu verlieren, sondern für die Zeit danach an Bord zu halten. Mit einem höheren Kurzarbeitergeld ist das möglich. Noch ist das Zeitfenster offen, um das zu erreichen.

 

Wie ist die Situation in der Ernährungsindustrie?

Die Sorgen werden immer größer: Der grenzüberschreitende Lieferverkehr ist eingeschränkt, sodass zum Beispiel Molkereien im Süden Deutschlands Probleme kriegen. Und zunehmend fehlen Arbeitskräfte in grenznahen Betrieben, weil die zum Beispiel aus Tschechien nicht mehr rauskommen. Schließlich: Was passiert, wenn ein Gesundheitsamt eine große Getreidemühle oder eine Brotfabrik schließt? Alle haben derzeit große Angst in der Branche, weil keiner weiß, was noch kommt.

 

Wer braucht am schnellsten Hilfe?

Dazu gehören sicherlich Caterer, die für Messen, Stadien oder Schulen die Speisen liefern. Die werden jetzt alle für Wochen auf null gestellt und können das ohne staatliche Hilfe nicht überleben.

 

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