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Wer der Sonne zu nahe kommt, der verbrennt. Das erfuhr nun auch die Berliner Vorzeigefirma Solon. Wie die Solarbranche, der eben noch die Zukunft zu gehören schien, ins Trudeln geriet.

Zweifler gab es immer. Und besonders viele sitzen an jenem Sommerabend vor dreieinhalb Jahren im Salon einer Villa im tiefsten Berliner Westen. Vielleicht 50 Mittelständler, Kaufleute, Rechtsanwälte. Und Thomas Krupke, wie immer ohne Schlips, wie oft im kurzen Karohemd. Und mit Joker-Lächeln.

Über Energie wolle man reden, ohne Vorurteile, sagt der Gastgeber zur Begrüßung. Und Krupke, der damalige Chef des Berliner Solarmodulherstellers Solon, braucht nicht mehr als einen Flipchart und einen blauen Filzstift. Er zeichnet ein Diagramm, drei Kurven, die alle nach oben zeigen. „Die Sonne stellt keine Rechnung“, doziert er und erntet am Ende Applaus. Hier hat man verstanden: Sommer, Sonne, Solon. Damit lässt sich Geld verdienen. Viel Geld.

Das 1996 in Berlin gegründete Solarunternehmen zählte in jenen Tagen zu den ganz Großen der Branche. Solon stand kurz davor, eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr zu erwirtschaften, und damit vor dem Aufstieg in die Bundesliga deutscher Konzerne. Wer im Sommer 2008 eine Aktie des Unternehmens kaufte, musste bis zu 55 Euro zahlen. Vor zwei Monaten reichte Krupkes Nachfolger auf dem Chefssessel den Insolvenzantrag ein. Am Freitag bekam man für so ein Solon-Papier keine 24 Cent mehr.

Tausende Aktionäre haben auf diese Weise Geld verbrannt. Kommende Woche wird Insolvenzverwalter Rüdiger Wienberg wahrscheinlich Teile von Solon an die von Indern geführte Firma Microsol mit Sitz in einer arabischen Freihandelszone verramschen, Tochtergesellschaften abstoßen und Solon von der Börse nehmen. Der künftige Investor sagt, er wolle einen Großteil der gut 400 Jobs in Berlin erhalten. Wie lange, sagt er nicht.

So oder so, Solons Absturz war nur der Anfang: Kurz vor Weihnachten folgte Solar Millennium aus Erlangen in die Insolvenz, eine Firma, die im großen Stil Wüstensonne mit Parabolspiegelrinnen auffangen wollte, sich aber im Zwist ihrer Manager aufrieb. Es folgte Q-Cells aus Bitterfeld-Wolfen, der einst weltgrößte Solarzellenhersteller. Der konnte die Zahlungsunfähigkeit nur abwenden, indem die Chefs das Unternehmen an seine Gläubiger verkauften. Auch in Frankfurt (Oder), einem Zentrum der Branche, ist die Stimmung schlecht: Entlassungen im Werk von Conergy, Kurzarbeit bei First Solar. Vor drei Wochen rührten sich auch die Riesenkonzerne: Bosch verschob den Bau einer Solarmodulfabrik in Malaysia auf unbestimmte Zeit, Siemens verkündete einen Millionenverlust in seiner Solarsparte.

Das ist Deutschland in der Post-Fukushima-Ära: Ein Industriezweig, mit dem das Land auch ohne Atomstrom wirtschaftlich stark bleiben soll, bricht weg, bevor er stark genug geworden ist, sich selbst zu tragen. Wie kann das sein? Warum hilft denn keiner?

Es knackt und klirrt, als Klaus Wowereit hilft. Im Juli 2011: Berlins Regierender lässt sich durch Solons Zentrale am Wissenschaftspark Berlin-Adlershof führen, ein Gebäude, dessen Bau der Senat mit fast neun Millionen Euro bezuschusst hat. Der SPD-Wahlkämpfer trägt einen Schlips in Hellblau, der Solon-Farbe, er soll gemeinsam mit einem Mitarbeiter einen Halter mit Saugnäpfen bedienen, mit denen man eine Reihe dünner, blauschimmernder Zellen auf eine Trägerplatte hebt. Dann rutscht etwas ab, ein paar Zellen brechen, Fotografen lachen, Wowereit verzieht den Mund.

Minuten später lässt er sich unter vier Augen fragen, warum sein Senat sich mit einer Kreditbürgschaft über 146 Millionen Euro für Solon engagiert hat, als die meisten Anleger den Glauben an die Firma längst verloren hatten. Er warnt vor einer Prophezeiung, die sich selbst erfüllen könnte. „Wer die Situation schlechtredet, verschärft sie nur.“ Er wendet sich ab, schüttelt weitere Hände. Der Belegschaft ruft er zu: „Wir tun alles, was wir können.“

Seither habe man weder Wowereit noch die Wirtschaftssenatorin oder überhaupt irgendeinen Berliner Landespolitiker wiedergesehen, sagt die Betriebsratschefin jetzt. Offenbar will niemand dabei sein beim Fall des Ikarus, der sich an der Sonne die Flügel verbrannte, abstürzte und im Meer ertrank.

"Die Sonne stellt keine Rechnung". Trotzdem wird durch diese Leitung wird wohl in Zukunft weniger Solarstrom fließen.
"Die Sonne stellt keine Rechnung". Trotzdem wird durch diese Leitung wird wohl in Zukunft weniger Solarstrom fließen.

© DPA

Dabei war Solarstrom lange ein politisches Gewinnerthema. Die Grundidee wirkt ja bestechend einfach – auch auf nicht ökologisch bewegte Menschen: Sonnenenergie ist im Prinzip grenzenlos und gratis verfügbar, anders als Kohle, Öl und Uran. Man muss die Strahlen nur ernten und in elektrischen Strom wandeln. Den kann man teuer verkaufen. Das meiste Geld machen die Menschen, Regionen oder Staaten, die Erntemaschinen dafür herstellen oder verkaufen.

Das klingt nach einer guten Geschäftsidee. Die wurde mitentwickelt vom „Ingenieurkollektiv Wuseltronik“, einem Club ehemaliger Studenten der TU Berlin. Auf 30 Jahre alten Fotos sieht man zottelbärtige Schrauber und Denker, die offenkundig die Welt verändern wollten. Und das haben sie dann auch.

1996 gründeten einige von ihnen in Kreuzberg die Firma Solon und brachten sie zwei Jahre später an die Börse – als erstes Solarunternehmen hierzulande. Solon stieg schnell auf, weil die Firma in den ersten Jahren nach dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin viele Aufträge erhielt, Ministerien und Behörden so eine Anlage aufs Dach zu schrauben.

Gleichwohl wäre Solon wohl ebenso schnell wieder verschwunden, wenn die rot-grüne Bundesregierung damals nicht einen Einfall gehabt hätte, mit dem der Kauf einer Solaranlage für tausende Bundesbürger schlagartig interessant wurde: das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG), das im März 2000 verabschiedet wurde. Es legt fest, dass jeder, der hierzulande Strom mit einer Solaranlage in die Netze einspeist, dafür Geld nach einem festgelegten Vergütungssatz erhält. Dieser Satz bleibt 20 Jahre lang, ab dem Zeitpunkt des Anschlusses, garantiert unverändert. Zwar bekommt jemand, der sich heute eine Anlage kauft, nur noch halb so viel Geld je produzierte Kilowattstunde wie jemand, der die Anlage vor fünf Jahren anschloss. Trotzdem lohnt es sich weiter.

Kurzum: Das Gesetz hat Privatleute und große Investoren ermuntert, sich massenhaft Solaranlagen zu kaufen, es machte Deutschland zum Solarland Nummer eins in der Welt und verhalf den sogenannten „Sonnenkönigen“ zum Aufstieg: Alexander Voigt und später Thomas Krupke von Solon, Anton Milner von Q-Cells, Hans-Martin Rüter von Conergy in Hamburg und Frank Asbeck von Solarworld in Bonn. Nur er ist noch im Amt. Sie alle beherrschen die Kunst, jedem das zu sagen, was er am liebsten hört: Aktionären versprachen sie Wachstum und Gewinne wegen anhaltender Subventionen, Politikern versprachen sie zugleich, dass sie immer weniger Subventionen brauchen, dafür mehr Steuern einnehmen würden und qualifizierte Jobs entstünden. Verbrauchern versprachen sie sauberen Strom, Energiewende, Klimarettung.

"Die wollen uns doch eh nur loswerden" - Solons Niedergang.

„Don’t Leave the Planet to the Stupid“, lautet Solons Werbespruch, „überlasst den Planeten nicht den Dummköpfen!“ Diese dosierte Arroganz passt 2008 zu einem Konzern, der gerade seine neue Zentrale in einem Gebäude mit geschwungenem Rasen-Flachdach beziehen will, auf dem Mitarbeiter im Sommer barfuß sitzen, um mit Notebooks drahtlos Präsentationen auszutauschen. Das passt zu einem Konzern mit Ablegern in Italien, Frankreich, Österreich und einem Werk in Tucson, Arizona.

Heute versuchen Solon-Mitarbeiter alles, um am Ende nicht selbst zu den Dummen zu gehören, die ohne Job dastehen. Es geht ein Riss durch die Belegschaft, wie sich dieser Tage bei einem Spaziergang entlang der Fensterfront der Zentrale zeigt. Kein Dutzend Mitarbeiter sieht man in der Produktion. Die meterlangen Roboterarme, die zu Wowereits Sommerbesuch Module durch die Luft schwangen, stehen still.

Ein Arbeiter tritt nach Schichtende hinaus in den kalten Wind: "„Die wollen uns doch eh loswerden. Für die sind wir der Klotz am Bein.“ Die, das sind „die Studierten“, die Planer und Entwickler aus dem anderen Gebäudeflügel, wo die mit Fördergeld gekauften Designerstühle, Kuschelsofas und Edelstahlküchen stehen, schimpft er. „Die müssen ihre Familien nicht für im Schnitt 1750 Euro brutto im Monat durchbringen wie wir. Und die finden eh schnell neue Jobs.“

Branchenkenner behaupten, dass Solons Manager nicht mehr falsch gemacht haben als die Chefs anderer deutscher Solarfirmen. Alle hätten sich aber zu lange auf dem Gesetz ausgeruht, das ihnen immer neue Kunden hierzulande garantierte, anstatt neue Märkte im Ausland zu suchen. Und Deutschland ist keine Insel, das EEG zwingt niemanden, deutsche Anlagen zu kaufen. Die der Chinesen von LDK Solar, Suntech oder Yingli sind heute konkurrenzfähig und oft billiger. Die Folge: Von den 2011 in Deutschland neu installierten Modulen war nur noch eines von fünf Made in Germany.

Jetzt scheint es zu spät. Nach elf Jahren EEG, in denen mittlerweile so viele Solarmodule installiert worden sind, um bei bestem Sonnenschein theoretisch bis zu 25 Großkraftwerke zu ersetzen, wird so immer mehr Bürgern bewusst, wer diese bezahlt: sie selbst, direkt über ihre Stromrechnung. Ein Durchschnittshaushalt zahlte allein im vergangenen Jahr rund 50 bis 60 Euro allein für Solar-Subventionen. Nach einer Berechnung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung muss jeder Deutsche, vom Baby bis zum Greis, für die bisher aufgestellten Anlagen über die Jahre rund 1000 Euro aufwenden.

Es reicht, sagten Ende vergangenen Jahres Verbraucherschützer, sagten die Fraktionschefs von Union und FDP, sagte bisher auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Das Kernargument: Solarenergie erhält von allen Technologien der erneuerbaren Energien mehr als die Hälfte aus dem Fördertopf, erzeugt aber nur rund drei Prozent der benötigten Strommenge. Also ließ das Ministerium des FDP-Chefs einen Plan ausarbeiten, wie man die Menge neuer Solaranlagen auf eine Gesamtleistung von 1000 Megawatt im Jahr radikal begrenzen kann. Im Jahr 2011 war fast achtmal so viel Sonnenstromleistung installiert worden.

Vor zwei Tagen erhält Rösler die Antwort der Solarlobby: Der Verband BSW Solar bringt nach eigenen Angaben tausende Mitarbeiter von über 50 Solarunternehmen in mehreren Städten auf die Straße. Rund 60 stehen mit Trillerpfeifen vor dem Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Sie halten Schilder hoch mit Sätzen wie: „Rösler satt, wir wollen Watt“, „Einspeisen, statt Abspeisen“.

Rösler sitzt in diesem Moment wenige Meter weiter im Gebäude kerzengerade neben Umweltminister Norbert Röttgen von der CDU. Rösler, der Subventionskiller – und das ist kein Schimpfwort in seiner Partei –, also neben Röttgen, der immer gegen starke Kürzungen war. Röttgen kündigt schnelle Kürzungen der Solarfördersätze von 20 bis über 30 Prozent an, sagt, nun werde man gemeinsam die „verfehlte Subventionspolitik“ seines Vorgängers im Amt korrigieren.

Von Kürzungen von 80 bis 90 Prozent, wie von Rösler zuvor gefordert, ist indes keine Rede mehr. Und in dem Gesetzentwurf finden sich Hinweise darauf, dass viele Solarfreunde in zwei Jahren sogar mehr Geld bekommen dürften als nach der noch geltenden Rechtslage.

So zeigt man sich im Team des Solon-Insolvenzverwalters auch Stunden nach der Ministershow gelassen. Kein Hinweis darauf, dass der Käufer der Berliner Firma abspringen wird. Er wird ahnen: Sonnenstrom kostet einige Menschen Geld und bringt anderen wohl doch irgendwann – viel Geld.

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