Dieselaffäre : Börse erleichtert über Daimler

Der Aktienkurs steigt, weil der Konzern keine Strafe zahlen muss, und die Opposition kritisiert die Regierung. Beginn des Rückrufs ist noch unklar.

In den Fokus der Dieselkritiker ist nun auch der Stern geraten. Daimler will sich vor Gericht gegen die Rückrufe wehren.
In den Fokus der Dieselkritiker ist nun auch der Stern geraten. Daimler will sich vor Gericht gegen die Rückrufe wehren.Foto: AFP

Nach Einschätzung der Anleger ist Daimler glimpflich davon gekommen. Die Aktie des Stuttgarter Konzerns gehörte am Dienstag zu den gefragtesten Werten im Dax. Offenkundig war die Erleichterung groß, dass Daimler keine Strafe zahlen muss, sondern nur ein paar hunderttausend Autos nachzubessern sind. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte am Montag nach einem Gespräch mit Daimler-Chef Dieter Zetsche den Rückruf von 238 000 Diesel-Fahrzeugen hierzulande angeordnet, europaweit sind es 774 000 Autos. Betroffen sind neben dem Kleintransporter Vito, von dem das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) bereits Ende Mai den Rückruf von gut 1400 Fahrzeugen hatte, die SUV–Modelle GLC 220d und Autos der C-Klasse 220d. Wann der Rückruf beginnt, war am Dienstag noch offen.

Dieselgate ist fast drei Jahre alt

Die Dieselaffäre, die im Herbst 2015 mit dem Abgasbetrug bei VW begann, beschäftigt erneut Wirtschaft und Politik. Während Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Dienstag die Bedeutung der Autoindustrie als „Kern der industriellen Wertschöpfung“ hierzulande betonte und die Konzerne zu vertrauensbildenden Maßnahmen aufforderte, kritisierten Oppositionspolitiker das Verhalten der Regierung. „Der Verkehrsminister greift wieder nicht durch und verhängt keine Bußgelder“, sagte Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen. „Wo bleiben die strafrechtlichen Konsequenzen aus dem Diesel-Skandal?“, fragte Ingrid Remmers, die verkehrspolitische Sprecherin der Linken.

Daimler spricht von einer "Vereinbarung"

Daimler erläuterte am Dienstag die Folgen der mit dem Bundesverkehrsminister „getroffenen Vereinbarung“. Der Rückruf erstrecke sich zum größten Teil auf die Modelle Vito 1,6 Liter Diesel (OM 622) und 2,2l-Diesel (OM 651) sowie die C-Klasse und den GLC mit Vierzylinder-Diesel. Aufgrund des Bescheids des KBA müsse der Rückruf unabhängig vom Widerspruch zunächst umgesetzt werden. „Wir werden auf den Bescheid des KBA innerhalb der Frist Widerspruch einlegen, über diesen wird das KBA entscheiden“, teilte Daimler weiter mit. „Verbleiben danach strittige Sachverhalte, so werden wir diese vor Gericht klären lassen.“

Der Konzern will nach der Freigabe des KBA die Software der Motorsteuerung ändern. Dazu werden die Kunden schriftlich über den Rückruf benachrichtigt und aufgefordert, einen Werkstatttermin zu vereinbaren. Ein Großteil des jetzt verordneten Rückrufs überschneide sich mit den bereits angelaufenen freiwilligen Maßnahmen, für die der Konzern 220 Millionen Euro ausgebe. Das Software-Update beim Händler werde etwa ein Stunde dauern und „ bei Leistung, zertifiziertem Verbrauch, Geräuschverhalten und Zuverlässigkeit keine relevanten Veränderungen“ verursachen.

Wieder Forderung nach Hardware-Nachrüstung

Zum wiederholten Mal forderten Umweltschützer und Politiker die Autohersteller auf, mit Hardware-Nachrüstungen die Diesel-Fahrzeuge sauberer zu machen. Die Industrie lehnt das als zu komplex, teuer und langwierig ab. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verkehrsminister Scheuer vertreten ebenfalls diese Auffassung und werden dabei auch von Sachverständigen unterstützt. Daimler, und VW, BMW und Audi wollen es mit Software-Updates der Motorsteuerung bewenden lassen, wodurch bis Ende des Jahres 5,3 Millionen Autos hierzulande sauberer werden sollen. „Die von den Autoherstellern propagierte Softwarelösung ist reine Augenwischerei“, sagt dazu Stefan Randak von der Beratungsfirma Atreus. Randak, der auch schon für Daimler-Managementfunktionen wahrgenommen hat, plädiert für eine Hardware-Nachrüstung für alle Diesel Fahrzeuge ab Euro V auf Kosten der Hersteller.

Von Bußgeldern könnten Städte profitieren

Ebenso wie die Politiker von Grünen und Linken empfiehlt auch der ehemalige Automanager Bußgelder für jeden Rückruf. „Die Autoindustrie zahlt Lehrgeld, und mit dem Einnahmen könnten Mobilitätskonzepte in Großstädten finanziert werden“, sagte Randak dem Tagesspiegel. Da die gesamte Industrie unter Druck stehe, könne das ein Ausweg aus der Vertrauenskrise sein. „Wir müssen den Diesel retten“, meinte Randak und führte die Potenziale neuer technischer Lösungen unter anderem von Bosch an.

Bosch hat einen sauberen Diesel entwickelt

Bosch hatte Ende April einen Dieselmotor präsentiert, dessen Stickoxidemissionen im realen Verkehr nur 13 Milligramm/Kilometer betragen. Das liegt erheblich unter dem Grenzwert von 168 Milligramm, die von kommendem September an für alle Neuwagen gelten. Aufgrund der Stickoxidbelastung drohen in einigen deutschen Städten Fahrverbote für ältere Diesel-Autos. In Hamburg sind seit Ende Mai deshalb zwei Straßen für diese Modelle gesperrt. Politik und Industrie wollen weitere Verbote unbedingt vermeiden.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

5 Kommentare

Neuester Kommentar