Erklärvideos zur Digitalisierung : Wie das "Netflix der CDU" alle Deutschen weiterbilden soll

Zunächst will die CDU nur ihren Mitglieder mit einer Videoplattform die Digitalisierung näher bringen. Doch die Pläne gehen weit darüber hinaus.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer beim Dreh mit Masterplan.com im Konrad-Adenauer-Haus.
CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer beim Dreh mit Masterplan.com im Konrad-Adenauer-Haus.Foto: obs

Die wichtigste Botschaft gibt CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Zuschauern schon vorab: "Sie werden nicht als Digitalexperte aus diesem Kurs gehen", erklärt sie in einem zweieinhalb minütigen Video. Das ist auch gar nicht der Anspruch. Das folgende Programm nennt sich schließlich nur "Grundlagen der Digitalisierung". In den weiteren Clips erklärt etwa Gesundheitsminister Jens Spahn, wie Daten beim Heilen von Krankheiten helfen können. Wirtschaftsminister Peter Altmaier zählt die Chancen von Künstlicher Intelligenz auf. Und Bildungsministerin Anja Karliczek beschreibt, wie digitale Weiterbildung funktionieren soll.

Die CDU will ihre Partei fit machen für die Digitalisierung - und hat dafür eine Videoplattform entwickelt. Eine Art Netflix für Parteimitglieder. Insgesamt acht Stunden an Lernvideos sind dort abrufbar. Zum Bundesparteitag am Ende des Monats soll die Videoplattform zunächst ausgewählten Mandatsträgern zur Verfügung stehen, später dann allen CDU-Anhängern. Neben dem Wert von Daten und Künstlicher Intelligenz sprechen prominente Politiker und Experten etwa über Start-up-Förderung, das neue 5G-Netz oder Fallen beim Social-Media-Marketing - allesamt Reizthemen für die Partei.

Denn dass sich die CDU mit dem Internet schwertut, zeigte sich in diesem Jahr gleich mehrfach. So bekam die Parteiführung etwa viel Kritik für ihren Umgang mit dem Youtuber Rezo, der in seinem millionenfach aufgerufenen "Zerstörungsvideo" die Politik der Konservativen kritisiert hatte. Zuvor sorgte schon die EU-Urheberrechtsreform für Protest im Netz. Unter Beschuss stand der EU-Berichterstatter der Reform, der CDU-Europaabgeordnete Axel Voss. Seine Kritiker sprachen ihm sämtliche Digitalkompetenzen ab, in den sozialen Netzwerken riefen Nutzer unter dem Hashtag "NieMehrCDU" dazu auf, die Partei nicht mehr zu wählen. Sogar der US-Whistleblower Edward Snowden teilte die Botschaft.

Experten wie Frank Thelen erklären Blockchain

Entwickelt hat das Lernprogramm der CDU das Start-up "Masterplan" aus Bochum. Dafür zahlte die Partei eine niedrige fünfstellige Summe, wie es heißt. Das Jungunternehmen hat bereits im vergangenen September eine E-Learning-Plattform zur Weiterbildung mit Schwerpunkt Digitalisierung gestartet. Das Angebot soll vor allem Unternehmen helfen, ihre Mitarbeiter für die digitale Transformation weiterzubilden. Zu den weiteren Nutzern gehören bereits Konzerne wie Otto und Siemens.

Masterplan setzt dabei vor allem auf kurze Videos, in denen Digitalexperten wie Trivago-Gründer Rolf Schrömgens, Investor Frank Thelen oder Flixbus-Gründer Daniel Krauss verschiedene Begriffe und Themen wie Blockchain, Datenökonomie oder Plattformen und Netzwerkeffekte erklären. Die bislang produzierten Lektionen haben einen Gesamtumfang von fast 90 Stunden. "Die heute zehn meist gesuchten Kompetenzen bei Jobportalen waren vor zehn Jahren noch gar nicht existent", sagt Masterplan-Gründer Daniel Schütt.

Die meisten Menschen seien zwar offen für Weiterbildungsangebote. "Umfragen zeigen aber, dass sich viele Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber noch nicht abgeholt fühlen", sagt Schütt. Unterschiede zwischen Arbeitnehmern und Politikern will der Gründer nicht machen. "Für alle ist wichtig, neue Entwicklungen zu begreifen und sich kontinuierlich weiterzubilden", sagt Schütt. Aber: "Es gibt Gruppen, die die Lebensrealitäten der Menschen besser verstehen müssen als andere, wenn sie diese darauf vorbereiten wollen."

Weiterbildung für alle

Dass die CDU nun besonders großen Bedarf an digitaler Weiterbildung hat, findet auch der Initiator, Internetunternehmer und ehemalige Berliner Justizsenator Thomas Heilmann nicht. "Heutzutage müssen sich alle weiterbilden", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete. "Das macht auch vor Unions-Politikern nicht Halt und gilt besonders für digitale Themen." Geht es nach seiner Partei, wird es deshalb nicht beim internen Lernportal bleiben. Es soll stattdessen Vorbild für ein bundesweites Bildungs-Netflix werden.

Darüber sollen dann alle Deutschen kostenlose Weiterbildungsprogramme nutzen können, etwa Freiberufler oder Beschäftigte, deren Arbeitgeber selbst keine anbieten. Dies betreffe Schätzungen zufolge etwa die Hälfte der Unternehmen. Das Konzept namens Milla (Modulares Interaktives Lebensbegleitendes Lernen für Alle) hat die CDU bereits vor einem Jahr vorgestellt und auf dem Parteitag im Dezember beschlossen.

Berlins ehemaliger Justizsenator Thomas Heilmann will nun die CDU digitalisieren.
Berlins ehemaliger Justizsenator Thomas Heilmann will nun die CDU digitalisieren.Foto: picture alliance / Kay Nietfeld/

Zwischen einer und drei Milliarden Euro jährlich könnte die Plattform kosten. Denn für erfolgreiche Teilnehmer sind im ursprünglichen Konzept Prämien als Belohnung vorgesehen. Wer sein Englisch aufgebessert hat, bekommt dann etwa eine Sprachreise oder einen englischsprachigen Kinobesuch geschenkt. Wer sich als Jugendtrainer über das Eckentraining weiterbildet, könnte Tickets für ein Bundesligaspiel erhalten, schlägt Heilmann vor. Ob solche Prämien kommen, ist aber fraglich. "Da wird man erst einmal Tests abwarten", sagt Heilmann. "Solange reden wir über Bruchteile der Summe."

Lohnen könnte es sich aktuellen Berechnungen zufolge dennoch. So könnten die Kosten, die bei Arbeitslosigkeit durch fehlende Qualifikationen und einen zunehmenden Fachkräftemangel anfallen, deutlich höher ausfallen. Schon 100.000 Arbeitslose oder unbesetzte Stellen würden den Staat jährlich sechs Milliarden Euro kosten, rechnet der Arbeitsstab "Zukunft der Arbeit" vor, dessen Vorsitzender Heilmann ist.

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Mit oder ohne Prämien: Ob das Portal der CDU für alle kommt, wird sich allerdings erst zeigen. Zunächst muss sich das Konzept nämlich in einem Wettbewerb der besten Ideen für Lernplattformen beweisen, so steht es in der nationalen Weiterbildungsstrategie der Bundesregierung. Das Bundesbildungsministerium will dafür demnächst die Kriterien veröffentlichen, der Wettbewerb soll dann im kommenden Jahr starten. Bis dahin können sich aber nun schon mal Unionspolitiker mit Milla digital weiterbilden.

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