• Finanzchef verlässt den Konzern: Der Fall Doll zeigt auf drastische Weise, wie es bei der Bahn zugeht

Finanzchef verlässt den Konzern : Der Fall Doll zeigt auf drastische Weise, wie es bei der Bahn zugeht

Eigentlich galt Alexander Doll als Hoffnungsträger. Nun muss er gehen. Auch auf Drängen der Politik. Der Vorgang verdeutlicht die Probleme des Konzerns.

Alexander Doll, Finanzchef der Bahn, räumt seinen Posten.
Alexander Doll, Finanzchef der Bahn, räumt seinen Posten.Foto: dpa

Der Höhepunkt im Machtkampf bei der Deutschen Bahn AG fällt aus. Finanzchef Alexander Doll hat auf wiederholtes Drängen von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Aufsichtsratschef Michael Odenwald einen Aufhebungsvertrag unterschrieben und wird ausbezahlt. Das wurde unserer Redaktion aus mehreren Quellen bestätigt. Der DB-Aufsichtsrat wird in einer außerordentlichen Sitzung am Montag die Personalie beschließen. Dort sollten die Vorwürfe gegen Doll besprochen und erst dann entschieden werden. Das hatte die einflussreiche Bahngewerkschaft EVG, die neun der 20 Sitze kontrolliert, noch am Donnerstag angekündigt, allerdings ohne dem Manager ausdrücklich den Rücken zu stärken. 

Doll hatte noch in der vorigen Woche verweigert, einen Auflösungsvertrag zu unterschreiben. Sowohl Scheuer als auch Odenwald hatten den Manager dazu vorgeladen. Zudem verweigerte die Arbeitnehmerseite im DB-Aufsichtsrat einen sofortigen Beschluss, den der Verkehrsminister über die Bundesvertreter im Kontrollgremium durchsetzen wollte.

Deshalb wurde die Einberufung der weiteren Sondersitzung am kommenden Montag nötig. Dort hätte auch Doll die Chance bekommen können, seine Sicht der Dinge zu schildern und auf Weiterbeschäftigung zu bestehen. Diesen spannenden Showdown hat Aufsichtsratschef Odenwald, früher selbst Staatssekretär im Verkehrsministerium, nun im Interesse der Regierung vermieden. Dolls vorzeitiges Ausscheiden wird für den Staatskonzern nicht billig, der Vertrag lief noch bis Frühjahr 2021. Das Grundgehalt liegt bei 400.000 Euro plus Erfolgsbeteiligung. Damit wird Doll eine siebenstellige Auszahlung erhalten.  

"Bösartige Intrige" gegen Doll

In Branchenkreisen ist von einer „bösartigen Intrige“ gegen Doll die Rede. Demnach habe sich der 49-jährige Manager bei DB-Chef Richard Lutz, dessen Vize Ronald Pofalla und Minister Scheuer mit seinen Reformvorschlägen und der internen Kritik am Finanzgebaren des mit 25 Milliarden Euro hoch verschuldeten Staatskonzerns unbeliebt gemacht.

Zum Zerwürfnis soll es im Streit um die künftige Vorstandsfrau Sigrid Nikutta gekommen sein, deren Wechsel zu DB AG von der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat durchgesetzt wurde. Die bisherige Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) war bereits lange Zeit bei der Güterbahn DB Cargo. Sowohl Lutz und Pofalla als auch Unionsvertreter in der Regierungskoalition sollen versucht haben, die Karrierefrau zu verhindern. Dazu sollte Doll die Logistik- und Gütersparte behalten und das Finanzressort abgeben, was er ablehnte. Damit wurde der Weg für Nikutta frei.  

Die Vorgänge zeigen für Beobachter in drastischer Weise, wie es in dem Staatskonzern zugeht und wie die Politik hineinregiert. Die problematischen Strukturen gelten als ein Hauptgrund, dass die vielen Reformversuche bisher wenig Erfolg brachten und  der Transportriese trotz immer höherer Zuschüsse vom Steuerzahler für den Schienenverkehr immer in die Krise fährt und die Infrastruktur teils verkommen ist.

Er galt als Manager mit Potential für die Spitze

Mit Doll wirft ein erfahrener Finanzexperte und Hoffnungsträger nach nur anderthalb Jahren das Handtuch bei der Sanierung des größten deutschen Staatskonzerns. Der Banker wechselte aus der Investmentbranche zum Staatskonzern, er galt Manager, der etwas bewegen wollte und Potenzial hatte, bis an die Spitze zu kommen.

Doll übernahm zunächst im April 2018 die problematische Fracht- und Logistiksparte mit mehr 100 000 Beschäftigten. Zu Jahresbeginn bekam er dann zusätzlich das Finanzressort von DB-Chef Richard Lutz, der seit 2010 für die Bilanzen des inzwischen mit rund 25 Milliarden Euro verschuldeten Krisenkonzerns zuständig war.

Von Anfang an mitten drin im Führungsstreit: Die baldige DB-Vorständin Sigrid Nikutta.
Von Anfang an mitten drin im Führungsstreit: Die baldige DB-Vorständin Sigrid Nikutta.Foto: dpa

Damit wurde Doll neben Lutz, dem früheren Kanzleramtschef Pofalla (Infrastruktur) und Verkehrsvorstand Berthold Lutz (Personenverkehr) einer der wichtigsten Männer im Konzernvorstand. Unklar ist, inwieweit er zur Aufdeckung der Berateraffäre beigetragen hat. Dabei kam heraus, dass über viele Jahre hinweg zahlreiche frühere Vorstände von DB-Unternehmen teils hochdotierte Beraterverträge bekommen haben, ohne dass der Aufsichtsrat die gesetzlich vorgeschriebene Zustimmung erteilte.

Die Berater-Affäre schadet auch Lutz

Auch Politiker erhielten hoch dotierte Verträge, darunter der ehemalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU), was die politischen Verwicklungen zeigt, die beim Staatskonzern immer eine große Rolle spielen. Die Berateraffäre jedenfalls geht auch an DB-Chef Lutz nicht spurlos vorbei, der während dieser Zeit Finanzvorstand war. Sein Vorstandskollege Huber hat sogar mindestens einen dieser Verträge selbst unterzeichnet. Auch in Bahnkreisen herrscht daher Unverständnis, dass nun mit Doll ein unbelasteter Manager den Hut nehmen muss, Huber aber bisher weiter im Amt ist.

Die DB AG bleibt jedenfalls auch künftig der mit Abstand größte Subventionsempfänger in Deutschland. Der Haushaltsausschuss hat die neue Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung (LuFV) gebilligt, mit der bis 2029 insgesamt 51,4 Milliarden Euro an die DB Netz AG fließen sollen, die das bundeseigene Schienennetz verwaltet.

Nach der scharfen Kritik und mehreren Prüfberichten des Bundesrechnungshofs haben die Finanzexperten im Parlament jedoch den ursprünglichen Vertragsentwurf aus dem Hause Scheuer deutlich korrigiert. Demnach werden die Mittel teils qualifiziert gesperrt, der Konzern erhält also keinen Blankoscheck. Zudem werden die Zahlungen strenger kontrolliert als bisher. Konkret muss das Verkehrsministerium ab Ende 2021 alle zwei Jahre einen Bericht vorlegen, vor allem zum Abbau des Sanierungsstaus bei der Infrastruktur, der von Experten auf mehr als 60 Milliarden Euro taxiert wird. Bis Mitte 2024 werden die Ergebnisse des LuFV 3 überprüft. Zudem wird der Bundesrechnungshof eng einbezogen. Falls die Qualitätsvorgaben nicht erreicht werden, können die weiteren Mittel gesperrt werden.                  

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