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Albrechts Teerofen 44-45. „Die Wohnnutzung ist für den Erhalt und die Sicherung des Gebäudes dienlich“, sagt das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf zu den jüngsten Entwicklungen auf der denkmalgeschützten Anlage.
© Reinhart Bünger

Mauerbau am 13. August 1961: Checkpoint Bravo mit neuer Besatzung

Die ehemalige Grenzkontrollstelle verfiel jahrzehntelang – nun wird die Raststätte zum Doppelhaus

Von Reinhart Bünger

Es braucht schon viel Fantasie, will man die Atmosphäre des ersten Checkpoints Bravo an Ort und Stelle nachempfinden. Vom Kontrollpunkt der Alliierten ist wenig geblieben. Allenfalls eine Ahnung. Von einem Dornröschenschlaf zu sprechen, wäre in der Lage Albrechts Teerofen völlig deplatziert: Auf der östlichen Seite – in Drewitz – nämlich wurden Menschen drangsaliert und schikaniert. Hier wurden der alte Autobahnanschluss und Kontrollgebäude schließlich demontiert. Nach 1969 – nach Inbetriebnahme des neuen Übergangs Dreilinden – konnten sich hier bis zur Maueröffnung 1989 lediglich die Angehörigen der DDR-Grenztruppen auf den stillgelegten Streckenabschnitten bewegen.

Mit der Versteigerung durch die Bundesrepublik kam der Verfall

Was nach dem Verkauf des historischen Ortes durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben über eine Versteigerung (45 000 Euro) an einen privaten Investor im Jahr 2010 kam, war absehbar. Weil hier keine Wohnungen errichtet werden können, kam der Verfall. Eine Immobilienaufgabe der besonderen Art? Nicht ganz.

Wie der Tagesspiegel in dieser Woche erkunden konnte, zeigen sich neben viel Unrat, alten Autoreifen und aus den Asphaltbahnen wachsenden Bäumen, Bauzäunen und zugewucherten Wegen auch wieder Spuren menschlichen Lebens. Ein Gastank, ein Grill, ein Edelstahlrohr im Schornstein und Topfblumen signalisieren: Hier ist jemand, hier bleibt jemand. Wo vor und nach dem Mauerbau Kontrollpunktbeschäftigte und Lkw-Fahrer in der Raststätte zusammensaßen, macht es sich jemand gemütlich. In einem von Vandalismus schwer gezeichneten Gebäude wohnen jetzt nach jahrzehntelangem Leerstand Menschen, hilfsweise hinter preisgünstigen Holzfaserplatten, die Reste eingeschlagener Fensterscheiben verdecken.

Seit 2004 stand die Raststätte Dreilinden leer

Das Gebäude ist ein Holzfachwerkbau auf massivem Sockelgeschoss mit Satteldach. „Es wurde vom Architekten Fritz von der Baugruppe des Landesfinanzamtes entworfen“, heißt es bei Wikipedia. „Die letzte Ausbaustufe stammt vom Architekten Wolfgang Bürgel. Nach Schließung des Kontrollpunktes wurde es als Gaststätte des Campingplatzes genutzt.“ Seit 2004 steht es leer.

Die ehemalige Raststätte – im Bereich der früheren Kontrollanlagen auf der Westseite der Autobahn – gehört zur vermutlich einzigen Einrichtung aus der Frühzeit der deutschen Teilung, die – wenn auch stark reduziert – erhalten geblieben ist und an ein Grenzregime aus der Zeit vor und in den ersten Jahren nach dem Mauerbau erinnert. Um die 2000 Pkw passierten täglich den Kontrollpunkt zu Ferienbeginn.

Neben Steinstücken schob sich auch der Weiler Albrechts Teerofen wie ein eingeschnürter West-Berliner Zipfel als Enklave aufs DDR-Gebiet. Nur über die Kohlhasenbrücker Straße und das Kremnitzufer war der Ort erreichbar. Bis heute ist Albrechts Teerofen ein stiller, abgeschiedener Winkel der Stadt.
Neben Steinstücken schob sich auch der Weiler Albrechts Teerofen wie ein eingeschnürter West-Berliner Zipfel als Enklave aufs DDR-Gebiet. Nur über die Kohlhasenbrücker Straße und das Kremnitzufer war der Ort erreichbar. Bis heute ist Albrechts Teerofen ein stiller, abgeschiedener Winkel der Stadt.
© Nils Klöpfe/Tagesspiegel

Die Denkmalliste Berlin verzeichnet die Anlage unter der Registrierungsnummer 09065327 (Albrechts Teerofen 44-45). Diese Rudimente wurden unter Schutz gestellt:  Autobahnbrücke (1939-40, Wiederaufbau, 1950-54); Gaststättengebäude (1951- 1952), das Plateau des Kontrollpunktes und der Kfz-Sperrgraben. Die drei Fahnenstangen der Alliierten, die hier noch stehen, sind nicht extra erwähnt. Sie wären kürzlich fast von einer benachbarten Kiefer zu Fall gebracht worden, die – nun zur Hälfte abgesägt und auf dem meterhohen Stumpf liegengelassen – das Wüste dieser Stätte noch akzentuiert.

Besucher fühlen sich hier mit der deutsch-deutschen Geschichte alleingelassen

Eine Erklärung, was es mit diesen drei Masten auf sich hat, sucht der Pedalist, der sich auf dem Mauerweg abstrampelt, vergeblich. Die aufgestellten Stelen machen vor allem die Mauer zum Thema, über Aufbau und Funktionsweise der Kontrollstelle, zum damaligen Zeitgeschehen, ist wenig zu erfahren. Man fühlt sich mit der deutsch-deutschen Geschichte etwas allein gelassen. Gab es hier gescheiterte und gelungene Fluchten und riskante „Grenzüberschreitungen“? Wer darüber etwas erfahren will, sollte sich die NDR-Dokumentation „Transit DDR – Als die Grenze durchlässiger wurde“ ansehen, eine filmische Reise in die Zeit des Kalten Krieges. Denn darin erzählt Hartmut Richter, was er zuvor schon dem Tagesspiegel erzählt hatte, wie und warum er 1966 nach einem Sprung in den Teltow-Kanal über Albrechts Teerofen nach West-Berlin flüchtete. Lange musste er dabei im Wasser ausharren. Die Fluchterfahrung prägt ihn bis heute.

"Gemeinsam mit der Unteren Denkmalschutzbehörde werden wir erneut Kontakt zum Eigentümer aufnehmen und prüfen, welche Schritte zur Sicherung des Denkmals eingeleitet werden müssen", schreibt das Landesdenkmalamt auf Anfrage.
"Gemeinsam mit der Unteren Denkmalschutzbehörde werden wir erneut Kontakt zum Eigentümer aufnehmen und prüfen, welche Schritte zur Sicherung des Denkmals eingeleitet werden müssen", schreibt das Landesdenkmalamt auf Anfrage.
© Reinhart Bünger

Warum sieht’s hier also immer noch so uninspiriert aus? Zuletzt hatte diese Zeitung am 9. November 2019 auf die beklagenswerten Zustände in Albrechts Teerofen hingewiesen, wohl nicht ganz ohne Folgen. „Im Februar 2020 wurde der Eigentümer angeschrieben und ersucht, das Gebäude und Grundstück zu sichern. Im Herbst 2020 war das Gelände aufgeräumt und gesichert“, ist aktuell auf Anfrage aus dem Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf zu erfahren: „Der Eigentümer wurde gebeten, ein geeignetes Nutzungskonzept zu entwickeln, was bis dato nicht erfolgt ist. Auf die Bedeutung dieses historischen Ortes weist eine Informationstafel am Brückenkopf der ehemaligen Autobahn hin.“ Ende der amtlichen Durchsage. Ist zwischenzeitlich das Landesdenkmalamt aktiv geworden?

"Im Februar 2020 wurde der Eigentümer angeschrieben und ersucht, das Gebäude und Grundstück zu sichern. Im Herbst 2020 war das Gelände aufgeräumt und gesichert", schreibt das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf auf Anfrage: "Der Eigentümer wurde gebeten, ein geeignetes Nutzungskonzept zu entwickeln, was bis dato nicht erfolgt ist."
"Im Februar 2020 wurde der Eigentümer angeschrieben und ersucht, das Gebäude und Grundstück zu sichern. Im Herbst 2020 war das Gelände aufgeräumt und gesichert", schreibt das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf auf Anfrage: "Der Eigentümer wurde gebeten, ein geeignetes Nutzungskonzept zu entwickeln, was bis dato nicht erfolgt ist."
© Reinhart Bünger

Die Sprecherin von Berlins Landeskonservator Christoph Rauhut gibt sich zerknirscht: „Gemeinsam mit der Unteren Denkmalschutzbehörde werden wir erneut Kontakt zum Eigentümer aufnehmen und prüfen, welche Schritte zur Sicherung des Denkmals eingeleitet werden müssen.“ Natürlich gelte es, diesen historisch so bedeutsamen Ort der deutsch-deutschen Teilung in seiner Substanz zu bewahren.

Heute gehört der Checkpoint Bravo einer niederländischen Immobilienfirma

Eigentümer des Checkpoints Bravo ist der Immobilienprojektentwickler Peja (Arnheim/Niederlande), der auf seinem Geschäftsfeld Deutschland – über Auktionen – ein kurios anmutendes Portfolio zusammengekauft hat. Neben dem Checkpoint Bravo gehört dazu die Elbbrücke Dömitz, eine 986 Meter lange Eisenbahnbrücke über die Elbe, die zu den längsten Strombrücken Deutschlands gehörte und das Kraftwerk Vogelsang, ein gegen Ende des Zweiten Weltkriegs errichtetes Kraftwerk zur Kohleverstromung am linken Oderufer, etwa drei Kilometer nördlich des Ortskernes Fürstenberg. Das letzte noch erhaltene Einheitskraftwerk aus der Nazi-Zeit ging nie in Betrieb. Zukunft als Industriedenkmal ungewiss?

Der Checkpoint Bravo - oder das, was von ihm in Albrechts Teerofen übrig blieb - ist eines der ältesten Zeugnisse der deutschen Teilung.
Der Checkpoint Bravo - oder das, was von ihm in Albrechts Teerofen übrig blieb - ist eines der ältesten Zeugnisse der deutschen Teilung.
© Reinhart Bünger

Eigentlich nicht. Denn nach der Unternehmensphilosophie des Projektentwicklers Peja (Präsident und Geschäftsführer: Toni Bienemann) bemüht sich das Unternehmen „um die Einbeziehung aller Beteiligten, um in jeder Phase des Lebenszyklus einen Mehrwert zu schaffen. Nachhaltigkeit ist keine dogmatische Einzelkomponente. Es liegt in der DNA unseres Teams und in unserer Herangehensweise an die Immobilienentwicklung. Finanzielle Nachhaltigkeit ist immer ein integraler Aspekt unserer Projekte. Peja investiert und bewahrt Denkmäler für die Nachwelt und macht sie nach Möglichkeit passierbar/zugänglich.“

Beim Kraftwerk Vogelsang ragen indes 100-Meter-Schlote in den Himmel wie am Checkpoint Bravo die verwaisten Fahnenmasten: Denkmale, die auf höhere Mächte zu verweisen scheinen. Ausrufezeichen der Geschichte.

Ein Betonmischmaschine steht für den Umbau bereit

Der von Toni Bienemann erbetene Rückruf lässt nicht lange auf sich warten. Ja, es stimmt, er habe die ehemalige Raststätte Dreilinden mit der Nummer Albrechts Teerofen 45 an eine Mietpartei verpachtet. Der Mann habe vorher schon in Albrechts Teerofen gewohnt. Der Investor kann sich allerdings nicht erklären, woher ein weiterer Mieter kommt, der hier mit eigenem Briefkasten und Namensschild sein Anwesen an der Nummer 44 von Albrechts Teerofen markiert. Der Ü-Sechziger mit grauem Pferdeschwanz wíll dem Tagesspiegel partout nicht sagen, wie es mit dem Denkmal weitergeht. Schlechte Erfahrungen mit den Medien. „Ich sag’s Ihnen nicht, auch nicht für Geld.“ Mit der Peja-Gruppe habe er nichts zu tun, er wohne dort aber und gestalte die Raststätte innen um. Eine Betonmischmaschine steht bereit. Bald käme die Gebäudehülle dran. Eigentümer sei er aber nicht. Ein Bewegungsmelder und eine Überwachungskamera sollen Eindringlinge abschrecken.

Bienemann sagt, dass man vielleicht Fahnen an den Masten des Checkpoints Bravo aufhängen könnte. Und er will „ein bisschen, na ja, sauber machen“. Vielleicht findet sich auch noch etwas Farbe für die Fahrbahnmarkierung. Vielleicht.

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