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Sanierung ohne Feingefühl. Der jetzige Inhaber des Hochhauses an der Rudi-Dutschke-Straße plant massive Eingriffe in die Gestaltung der Fassade. Dabei ist sie nicht nur preisgekrönt, sondern auch klimafreundlich.
© Bernhard Schulz

Vom GSW-Hochhaus zum Rocket Tower: Kritiker fürchten „grobe Entstellung“ von Kreuzberger Design-Ikone

Die Fassade des mehrfach prämierten, ehemaligen GSW-Hochhauses soll die Farbe wechseln. Gegen die Umgestaltung regt sich prominenter Protest aus der Fachwelt.

Renovierungen bringen meist Veränderungen mit sich. So auch beim GSW-Hochhaus, genauer beim Neubau, der quer zur Kreuzberger Rudi-Dutschke-Straße stehenden Hochhausscheibe mit ihrem markanten Farbmuster auf der westlichen, Richtung Friedrichstraße weisenden Fassade. Und eben dieses Farbmuster soll im Zuge der Fassadensanierung ersetzt werden, wie überhaupt die Fassade einen anderen Aufbau bekommen soll.

Anstelle der metallenen, vertikal klappbaren und in verschiedenen Farbtönen von Rosa über Ocker bis Rotbraun gefärbten Paneele sollen Stoffrollos treten, die naturgemäß horizontal abrollen und daher eine ganz andere Fassadenstruktur ergeben. Sie sollen gleichfalls in verschiedenen, jedoch deutlich kräftigeren Farben nach einem anderen als dem ursprünglichen Schema ersetzt werden. Dagegen erhebt sich nun Protest aus der Fachwelt.

Dass es zu einem solchen Bruch in der Designauffassung kommen konnte, hat mit der Geschichte des Gebäudes zu tun. Denn längst beherbergt das 1999 errichtete Hochhaus nicht mehr die Verwaltung der GSW, und noch länger befindet es sich nicht mehr in deren Eigentum. Wie ja auch die GSW nicht mehr die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft von einst ist, sondern seit dem vom rot-roten Senat Klaus Wowereits betriebenen Verkauf an Investoren im Jahr 2004 erst eine GmbH, dann eine AG und seit 2013 Teil der Deutsche Wohnen-Gruppe.

Die GSW verkaufte das Gebäude bereits 2005 weiter und blieb lediglich als Mieter im angestammten Haus, befristet auf zehn Jahre. Nach dem Auszug der GSW vor sieben Jahren ist das Unternehmen Rocket Internet SE Hauptmieter, und inzwischen hat auch Amazon Teile des Gebäudes bezogen.

Durchdacht und innovativ: Fassadengestaltung 2001 ausgezeichnet

Im Laufe der Wechsel von Eigentümern und Rechtsform dürfte jegliches Bewusstsein für die Identität des von den Berliner Architekten Sauerbruch Hutton entworfenen und mit mehreren Preisen ausgezeichneten Bauwerks verloren gegangen sein. Denn es geht nicht nur um die äußere Erscheinung der Paneele.

Dahinter verbirgt sich eine Konvektionsfassade, die warme Luft durch thermischen Auftrieb nach oben abführt, während auf der gegenüberliegenden Gebäudeseite Frischluft zugeführt wird. Das Konzept war 1999 höchst innovativ, und so erhielt das Gebäude unter anderem den „Deutschen Fassadenpreis für vorgehängte hinterlüftete Fassaden“ im Jahr 2001.

Ein Zeichen für die Aufbruchphase der 90er: das einstige GSW-Hochhaus.
Ein Zeichen für die Aufbruchphase der 90er: das einstige GSW-Hochhaus.
© IMAGO

In einem Schreiben an die Hamburger Sienna Real Estate Property Management GmbH, die das Gebäude verwaltet und die Umbaumaßnahmen durchführen lässt, beklagt das Architekturbüro Sauerbruch Hutton „das Problem des Verschwindens der Farbe, wenn der Stoff (gemeint: der Rollos) hochgefahren ist. Die vertikalen Metalllamellen bleiben in Erscheinung bzw. vermitteln die variierende farbige Erscheinung, auch wenn sie in der Parkposition sind (…), dies geht beim Stoff beim Hochfahren der Anlage komplett verloren.“

Die Hamburger Gesellschaft sieht hingegen keinen wahrnehmbaren Unterschied: „Bei eingefahrenen Rollos oder bei Verschieben der Lamellen in der Parkposition entsteht insgesamt ein unruhiges Bild, welches sich aber nur fachkundigen Betrachtern als Veränderung darstellt.“ Abschließend urteilt die Sienna GmbH: „Eine farbliche Umgestaltung kann auch einen positiven Effekt erreichen. Der Rocket Tower erhält ein neues Gesicht.“

Protest in einem offenen Brief und mit einer Petition

Ein Offener Brief, bislang unterzeichnet unter anderem von der früheren Senatsbaudirektorin Regula Lüscher wie auch den Architekten Daniel Libeskind und HG Merz, fordert die Sienna GmbH auf, von ihren Umbauplänen abzulassen: „Die Änderung der Fassade stellt eine grobe Entstellung des Gebäudes dar. Wir fordern Sie auf, diese Pläne aufzugeben, die Fassade anstatt dessen zu reparieren und die Farbgebung zu erhalten und ggf. durch eine Farbbeschichtung der Bestandspaneele aufzufrischen.“

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Zur näheren Begründung wird in dem Schreiben ausgeführt: „Der von Ihnen geplante Austausch des für das Gebäude entworfenen Verschattungssystems mit einem banalen Universalprodukt entstellt das Gebäude auf eine brutale Art. Er verunglimpft die Logik einer Architektur, die ganz in der Reaktion auf das Klima (Wind, Konvektion, Querlüftung, Sonnenstand) hin entworfen ist und die natürlichem Umgebungskomfort am Arbeitsplatz und maximale Flexibilität in der individuellen Licht- und Blicksteuerung ohne verschwenderischen Energieaufwand erzielt.“

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Und weiter: „Sowohl die Farbigkeit als auch die Funktionsweise dieser Sonnenschutzpaneele sind integraler Bestandteil der Architektur des Hauses. Die von Ihnen angedachte Veränderung stellt daher einen grundlegenden Eingriff dar (...) ganz abgesehen von den hohen Kosten, die mit einem Austausch der Bestandsanlage verbunden wären, und der vergleichsweise hohen Menge CO2, die durch eine solche Maßnahme emittiert würde. Leisten Sie dem Klimawandel keinen Vorschub sondern senden Sie stattdessen mit der Reparatur der Fassade ein zeitgemäßes Signal der Abfallvermeidung und der Ressourcenschonung!“ In der Petition „Rettet die GSW-Fassade“ werden Unterschriften gegen die Sanierung gesammelt.

Auftraggeber: Der „Entwurf war frech - aber der beste“

Matthias Sauerbruch, dessen Büro mit dem GSW-Hochhaus in den späten neunziger Jahren seine internationale Reputation begründete, zeigt sich von den Umbauplänen bestürzt und fügt die historische Dimension des Gebäudes hinzu: „Das GSW-Hochhaus ist ein Zeuge der Aufbruchszeit nach der Wende; ein Pionier des nachhaltigen Bauens und ein Plädoyer für ein Swinging Berlin“, erklärte er dem Tagesspiegel: „Diese spezielle Architektur einfach den pragmatischen Überlegungen einer Hausverwaltung zu opfern, wäre ein wirkliches Verbrechen.“

Für eine Unterschutzstellung als Baudenkmal ist das Gebäude allerdings zu jung. Die kann frühestens nach drei Jahrzehnten ausgesprochen werden, während das GSW-Hochhaus erst 22 Jahre vorzuweisen hat.

Seine Entstehung verdankt sich einem Überraschungscoup. Bei der Ausschreibung des Architektenwettbewerbs im Jahr 1990 suchte die GSW-Geschäftsführung eine den Straßenrand begleitende Bebauung, wie der damalige Geschäftsführer Hans Jörg Duvigneau erklärte: „Das Büro Sauerbruch hat sich über alles hinweggesetzt. Sein Entwurf war frech – aber der beste.“ Nun ist er den jetzigen Eigentümern nicht mehr gut genug.

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