Rügen : „Wohnen in Prora“ meldet Insolvenz an

In dem riesigen Gebäudekomplex bei Binz auf Rügen sollten Luxusapartments entstehen. Nun ist der Inhaber von Block 1 pleite. Wie es mit dem Projekt weitergehen soll, ist zunächst unklar.

Block I ist am nächsten an Binz mit seiner inzwischen verlängerten Strandpromenade gelegen.
Block I ist am nächsten an Binz mit seiner inzwischen verlängerten Strandpromenade gelegen.Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Block I sollte zur „Wohlfühl-Oase“ werden, so wurde es auf Plakatwänden versprochen. Doch nun hat der Inhaber des riesigen Gebäudekomplexes bei Binz auf der Insel Rügen Insolvenz angemeldet. Nichts geht mehr. Dabei stand man hier nach jahrelangem Verfall und Tristesse schon vor dem Abschluss. Neunzig Prozent der Wohnungen sollen bereits fertiggestellt und verkauft worden sein. Dennoch gab das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg Anfang August den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens der Wohnen in Prora Vermögensverwaltungs GmbH & Co. KG (WiP) bekannt (AZ.: 36wIN3700/18).

Das Ostseebad Binz in Rügen zählt zu den Top-Reisezielen der Deutschen. Das unabhängige Preisvergleichsportal Trivago kürte Binz 2015 nach einer Auswertung von Suchanfragen zur beliebtesten Destination.

Am gestrigen Freitag nun wurde das Ostseebad durch Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) obendrein zum Erholungsort ernannt. Wie kann ausgerechnet hier bei einem Vorhaben in der ersten Baureihe an der Ostsee etwas schiefgehen?

Offiziell heißt es, das Bankdarlehen für die Firma sei nicht verlängert worden. Ein Insider berichtet, dass die schwierige Sanierung eines Abschnitts der kilometerlangen Investitionsruine der WiP, einer Projektgesellschaft der Berliner Irisgerd-Firmengruppe das Genick gebrochen hat. „Es ist immer wieder alles teurer geworden“, sagt der Makler der einige der 280 Wohn- und Gewerbeeinheiten in Block I verkaufte: „Womit niemand gerechnet hat: Es gibt mitten im Block I sogenannte Liegehäuser. Die mussten abgerissen werden, das kostete zirka sieben Millionen Euro pro Aufgang zusätzlich und hat den Bau um einige Jahre verzögert. Denn das Denkmalamt musste ja wieder zustimmen, dass auch die Rekonstruktionen gefördert werden. Es ging einfach nicht weiter. Der Beton der offenen Liegehäuser war vollkommen zerrüttet – da ist die Salzluft jahrzehntelang durchgezogen.“ Die „Liegehäuser“ wurden rund zwei Jahrzehnte später an der Fassade geschlossen, als dies bei den übrigen Blöcken der Fall war. Architekten hätten zudem berichtet, so der Informant, dass im Block I alle Aufgänge gleichzeitig in Angriff genommen wurden. Besser wäre es gewesen, mit einem Aufgang zu beginnen und zunächst Erfahrungen mit dem maroden Bau zu sammeln.

Prora

In Prora bauten die Nationalsozialisten einen gigantischen, 4,5 Kilometer langen Häuserblock als „KdF-Seebad“. Er wurde zwischen 1935 und 1939 von der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) geplant und zu großen Teilen auch vollendet. 20000 Menschen sollten hier gleichzeitig Urlaub machen.
Neben dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und dem Berliner Olympiastadion ist das „Seebad der 20000“ eine der größten architektonischen NS-Hinterlassenschaften. Die Planung mit Festhalle und Schwimmbädern lag in den Händen des Kölner Architekten Clemens Klotz. Vier der fünf Blöcke sind in den vergangenen Jahren an Investoren verkauft worden. Für den letzten Block soll im Oktober die Entscheidung fallen, wer von zwei Bietern den Zuschlag erhält. Am 4,5 Kilometer langen Baukoloss in Prora auf Rügen sollten nach dem Willen der Nationalsozialisten 20000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen.
Acht Bettenhäuser mit insgesamt 10000 Gästezimmern wurden im sechsstöckigen Rohbau errichtet. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten jedoch eingestellt, als KdF-Bad ging Prora nie in Betrieb. Während des Krieges wurde die Anlage als Ausbildungsstätte für Luftwaffenhelferinnen genutzt, danach dienten Teile als Lazarett. Die sowjetischen Besatzer nutzten das Areal um Prora bis 1953 militärisch. Später folge die Nationale Volksarmee. Die Flächen wurden zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Zeitweise waren hier bis zu 10000 Soldaten einquartiert, darunter tausende Bausoldaten. Mit dem Untergang der DDR wurde Prora wieder öffentlich zugänglich. Lange Zeit war unklar, was mit dem Komplex geschehen sollte; ein Abriss wurde aus Kostengründen verworfen.
Die Anlage steht heute unter Denkmalschutz.

Jetzt gibt es zwei Optionen

Zu DDR-Zeiten war die Anlage Militärobjekt der NVA. Der südliche Teil der Anlage – heute: Block I – liegt Binz am nächsten. Er stand Angehörigen von NVA und Grenztruppen als Erholungsheim, Campingplatz, Kinderferienlager und Ferienort zur Verfügung.

Wie es mit dem Projekt nun weitergehen soll, ist zunächst unklar. Es gibt zwei Optionen. Insolvenzverwalter Philipp Hackländer, Partner der White&Case Insolvent Gesellschaft, könnte den Block I zu Ende bauen – oder die Eigentümergemeinschaft übernimmt diese Aufgabe.

Hackländer erfasst derzeit mit seinem Team insbesondere den Stand der Bauleistungen an dem 450 Meter langen Gebäude und prüft alle Optionen, diese kurzfristig fortzusetzen. „Wir suchen mit Hochdruck nach einer Finanzierung für die noch ausstehenden Bauleistungen“, sagte Hackländer einer Unternehmensmitteilung zufolge: „Jedenfalls besteht grundsätzliches Einvernehmen aller beteiligten Parteien über unseren Lösungsansatz. Hierzu sind zunächst gemeinsam mit der Bauleitung, den Bauunternehmen beziehungsweise Handwerksbetrieben die Kosten für die Fertigstellung sorgfältig zu ermitteln.“ Eine Entscheidung über die Fertigstellung werde allerdings aufgrund der Komplexität der Situation nicht vor Anfang September erwartet.

Komplex ist die Situation, weil das geplante Schwimmbad, die Grünanlage sowie der Wellness-Bereich noch nicht fertig sind, berichtet der Insider. Zudem wurden die Schlussraten von den Wohnungskäufern noch nicht bezahlt – schließlich ist das Projekt noch nicht fertiggestellt.

Zum Bauen im Denkmal gehören viele Risiken

Bauen in Prora ist wegen der Denkmalabschreibungen sehr attraktiv. Käufer können bei Erwerb die begünstigten Sanierungskosten über die Denkmal-AfA bis zu 100 Prozent steuerlich abschreiben. Sanierungsgebiete und Baudenkmäler in guten Lagen werden langsam rar. So sei es nicht schwierig gewesen, hier etwas zu verkaufen, sagt der Makler, der ungenannt bleiben möchte: „Das lag auch daran, dass es sich extrem gut gerechnet hat. Auch die Gemeinde wollte, dass da endlich etwas passiert. Es wurden – trotz Denkmalstatus – Balkone genehmigt und bodentiefe Fenster – außerdem auch Dachterrassen.“ Objekte in dieser Preisklasse – ab 3500 Euro pro Quadratmeter aufwärts – könnten Kapitalanleger zwar auch auf den Balearen erwerben. „Aber auf Mallorca gibt es die Abschreibung nicht“, sagt der Makler: „Und unter den Eigennutzern gab es häufig ältere Herrschaften, die ans Meer wollten. Zum einen, weil es im Sommer immer wärmer wird. Zum anderen wollten die ganz klar Deutsch sprechen können, wenn sie zum Arzt müssen.“

Insolvenzverwalter Hackländer dürfte es nun auch mit der Beseitigung von Baumängeln zu tun bekommen. Auch das macht die Situation komplex. „Teilweise wurden die Treppen zu den Dachterassen nicht im Estrich verankert, sondern einfach in den Holzfußboden auf das Parkett geschraubt“, berichtet der Insider. Maklerkollegen hätten von Rostnarben berichtet, die immer wieder durch den Putz dringen, weil der Stahlbeton nicht richtig saniert worden sei. Wer im Denkmal baut, kann im Prora-Projekt etwas erleben – wie auf jeder Baustelle.

Block II ist bisher als einziger fertig

„Wir bedauern die Entwicklung im nebenstehenden Block I, sehen sie aber nicht als grundsätzlichen Rückschlag für die Gesamtentwicklung von Prora“, sagte auf Anfrage Ulrich Busch, Investor und Projektentwickler des Hotels Prora Solitaire im Block II. Der Sohn des berühmten Berliner Arbeiterliedersängers Ernst Busch hatte zunächst Block I und II für zusammen 455000 Euro erworben, Block I dann aber weiterverkauft. Er bestätigt indirekt, was auch der Insider dem Tagesspiegel sagte: Es wurde zu viel gleichzeitig in Angriff genommen. „Wir haben jeden Aufgang unseres Blockes einzeln saniert“, sagt Ulrich Busch, „sind also Schritt für Schritt vorgegangen, um der Größe des Gebäudes gerecht zu werden.

„Wenn ich die ursprüngliche Planung richtig im Kopf habe“, sagt der vom Tagesspiegel befragte Makler, „war das Projekt Block I mit 45 Millionen Euro Baukosten kalkuliert und das letzte, was ich gehört habe, ist zwei Jahre her: 80 Millionen. Nur für den Block I. Das Verkaufsvolumen lag bei knapp über 100 Millionen Euro.“ Offenbar musste hier nun die Notbremse gezogen werden. Verantwortliche der Berliner Irisgerd-Firmengruppe waren für Rückfragen des Tagesspiegel nicht zu erreichen.

Der sogenannte „Koloss von Rügen“ bestand ursprünglich aus acht Gebäudekomplexen; fünf davon sind heute noch erhalten. Block III wurde im August 2004 verkauft, die Blöcke I und II wechselten 2006 den Besitzer. Im April 2008 wurde der als Sondergebiet ausgewiesene mittlere Bereich verkauft und schließlich im Oktober 2011 Block IV. Hier lag der Kaufpreis einem Behördensprecher zufolge deutlich über dem Mindestgebot von 500 000 Euro. Block II ist bisher als einziger fertig. Für Block V werden derzeit im Bieterverfahren Investoren gesucht.

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