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Machtprobe. Hier fuhren am 25. und am 27. Oktober 1961 Panzer auf. Die Konfrontation gehörte zu den gefährlichsten Momenten im Kalten Krieg. Sie lässt sich virtuell nacherleben. Doch der analoge Checkpoint Charlie ist nur noch Attrappe.

©  Freie Universität Berlin

Checkpoint Charlie: Wie eine Leerstelle zur Lehrstätte wird

Warum die Brach- und Freifläche nicht „wegmusealisiert“ werden sollte. Eine Positionsbestimmung

Es gibt neues Investoreninteresse am Checkpoint Charlie, diesmal vom Frankfurter Immobilienunternehmen „Gold.Stein“. Geschäftsführer Erhard Ellenberger verlautbarte gegenüber der B.Z. (6. Oktober), dass es ihm als Projektentwickler naturgemäß „nie schnell genug gehen“ könne. In der Causa Checkpoint Charlie ist Geschwindigkeit ein Anspruch, der mit Blick auf die seit 2015 laufende Planungsgeschichte erstmal stutzig macht. Vielleicht rührt der Mut zur Eile aber auch daher, dass jetzt im Lichte eines beschlossenen Bebauungsplans über die weitere Gestaltung dieses wichtigen Geschichtsortes verhandelt wird. Und, man weiß es leider nicht, vielleicht sind die bisherigen Gespräche mit Bausenator Scheel (Linke) und Finanzsenator Kollatz (SPD) ja auch schon weit gediehen.

Welchen Mitgestaltungsanspruch hat der künftige Berliner Senat?

Es drängt sich also die Frage auf, welchen Mitgestaltungsanspruch der künftige Berliner Senat bei den konkretisierenden Planungen für diesen Ort „außergewöhnlicher stadtpolitischer Bedeutung“ (so die Senatsfeststellung qua Baugesetzbuch) geltend machen wird.

Das ist wichtig, schließlich geht es nach wie vor darum, dass an der ehemaligen Grenzübergangsstelle ein möglichst interessanter Ort des Erinnerns, Gedenkens, sich Informierens, des Wohnens, Gewerbes, Tourismus und auch des Alltags entsteht. Zugespitzt formuliert: Es steht nach wie vor einer der letzten innerstädtischen Freiräume auf dem Spiel, ein bedeutender Geschichtsort, an dem historische wie aktuelle Fragen von Grenzen, Stadt- und Tourismusentwicklung, Erinnerungskultur- und Geschichtspolitik kristallisieren.

28.10.1961, Berlin: Sowjetische (hinten, T 54) und amerikanische (vorn) Panzer stehen sich an der Berliner Sektorengrenze in der Friedrichstraße am Checkpoint Charlie gegenüber.

© dpa

Mit dem Anfang 2020 beschlossenen Bebauungsplan hat „R2G“ einige wichtige Eckpunkte für die bauliche Gestaltung des Ortes festgesetzt. So soll auf der Westseite der Friedrichstraße ein öffentlicher Stadtplatz entstehen, und zwar mit weitestgehend freiem Blick auf die Brandwände. Letztere stehen unter anderem deshalb unter Denkmalschutz, weil sie einen städtebaulichen Bruch markieren, der bis heute eine Wunde des zweiten Weltkrieges, aber auch die Dimensionen der ehemaligen Grenzübergangstelle im Stadtraum lesbar hält. Östlich der Friedrichstraße wurde eine Gemeinbedarfsfläche gesichert, auf der ein Museum mit Vorplatz entstehen soll. Wichtig hierbei: Die detaillierte Anordnung des Museums sowie eines Vorplatzes und deren Gestaltung sollen ebenso wie die Gestaltung des Stadtplatzes in einem Wettbewerb konkretisiert werden. So zumindest steht es in der Festsetzungsbegründung zum Bebauungsplan.

Die Idee für diesen Ort sollte international Maßstäbe setzen

Es ist nun – auch und nach wie vor – eine Frage abgestimmter Kultur-, Stadtentwicklungs- und Tourismuspolitik, wie im Rahmen des Bebauungsplans eine Idee für diesen Ort entwickelt wird. Und zwar eine Idee, die dem Selbstverständnis der Kulturmetropole Berlin entsprechend international Maßstäbe setzt.

Jenseits des Stadtentwicklungsressorts ist die Berliner Politik bislang allerdings nur sehr verhalten als Ermöglicher einer solchen Ideenfindung aufgetreten. Die Kulturverwaltung scheint den Fall Checkpoint Charlie weitgehend der Stiftung Berliner Mauer zu überlassen. Letztere muss sich an den hohen Ansprüchen zeitgemäßen Erinnerns messen lassen und daran, wie authentisch der Ort und wie deutlich die Topografie der Leere werden soll.

Die Autor*innen waren im Zuge der Aufstellung des Bebauungsplans als Expert*innen an verschiedenen Fachworkshops beteiligt. Dr. Christoph Sommer (Mitte) hat im Fachworkshop „Tourismus, Verkehr und öffentlicher Raum“ mitgewirkt, Dr. Thomas Flierl im Workshop zum Thema „Erinnerung, Bedeutung und  zukünftige Rolle des Ortes“ sowie Theresa Keilhacker im Workshop zu „Städtebau, Entwicklung und Beteiligung“.

© Till Budde, privat (2)

Das Ideenfeuerwerk, das Ex-Kulturpolitiker Tim Renner mit „Künstlern und anderen Visionären“ (siehe Tagesspiegel vom 8. Juli 2019) veranstaltete, blieb ein Strohfeuer. Die bislang für Tourismus zuständige Wirtschaftssenatorin Ramona Pop hat sich nie wirklich zu der nach Besucherzahlen drittbeliebtesten Sehenswürdigkeit Berlins geäußert. Und mit Blick auf einen nicht benannten neuen Kaufinteressenten teilte wiederum ein Sprecher der Senatsfinanzverwaltung im rbb-Inforadio (6. August 2021) mit, dass es jetzt vor allem die Aufgabe des Insolvenzverwalters sei, „die Interessen aller Beteiligten und deren Rechte in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen“. Unklar ist überdies, was aus dem Begleitbeschluss zum B-Plan geworden ist, wonach die zuständigen Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung sowie für Kultur gezielt auf künftige Bauherren und Museumsbetreiber zugehen (siehe Tagesspiegel vom 3. Dezember 2019).

So viel zum disparaten politisch-administrativen Interesse am Checkpoint Charlie, das erstmal wenig Hoffnung auf ein abgestimmtes Ausreizen verbliebener politischer Gestaltungsspielräume macht. Es bleibt abzuwarten, ob nun ausgerechnet Franziska Giffey diese dürftige politische Motivationslage aufbrechen wird, zumindest wenn die designierte Bürgermeisterin das Bauressort für ihre Partei beanspruchen und am Checkpoint Charlie womöglich ein Exempel in Sachen „starke Wirtschaft“ statuieren wollte. Die Hoffnung ruht also auf der neuen, ressortübergreifenden Integrationskraft der neu sortierten Rot-Grün- Roten Regierungskoalition. Es ist an ihr, sich für einen bürgernahen Geschichtsort einzusetzen und eine Ideenfindung darüber zu ermöglichen, wie das Neben- und Miteinander von Geschichte, Tourismus und städtischem Alltag an der ehemaligen Grenzübergangsstelle zukunftsweisend neu definiert werden kann.

Die Debatte über den „Unort“ sollte breit geführt werden

Die Abgeordneten sollten sich unbedingt darauf berufen, dass laut Bebauungsplan ein Wettbewerb vorgesehen ist, in dem die „angedachte Solitärwirkung“ des Museums wie auch die Anordnung des Museumsvorplatzes konkretisiert werden soll. Idealerweise läuft diesem Wettbewerb aber eine offene Debatte voraus, in der die inhaltlichen Dimensionen des Wettbewerbs – auch für den neuen Investor – nochmal breit und öffentlich diskutiert werden. Dabei müsste auch die Problematik des aus unserer Sicht zu raumgreifenden Museumsbaus thematisiert werden, durch den womöglich die 2018 unter Denkmalschutz gestellten Brach-/Freifläche „wegmusealisiert“ wird.

Ein Stadtplatz für alle Berliner, ein Museum des Kalten Krieges, kein Hotel, sondern bezahlbare Wohnungen und Brandmauern, die an das zerklüftete Bild des geteilten Berlins gemahnen: diese vom Senat und weiten Teilen des Parlaments bisher vorangetriebenen Pläne sind weiterhin in der Diskussion.

© Fabian Bartel/Tagesspiegel

Mit Blick auf die Medienberichte über interessierte Investoren und laufende Verhandlungen bleibt zu hoffen, dass sich die Abgeordneten rechtzeitig einschalten, und kundtun, welchen Mitgestaltungswillen Rot-Grün-Rot für diesen wichtigen Ort am Checkpoint Charlie aufbringt. Oder soll gar die Baugenehmigung im Intermundium des Regierungsübergangs nun einfach von der Verwaltung erteilt werden – ohne den versprochenen Wettbewerb? Es wäre zynisch, das „Gewordensein des Ortes“ heute schon der späteren, dann sicher kritischen museal-kuratorischen Aufarbeitung im künftigen Museum zu überlassen.

Theresa Keilhacker, Christoph Sommer, Thomas Flierl

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