KI-Strategie der Bundesregierung : Bei Einrichtung neuer Professuren gibt es kaum Fortschritte

Bisher hat es dazu keine Gespräche mit Ländervertretern gegeben. Unklar ist auch, wie die Förderung der Künstlichen Intelligenz evaluiert werden soll.

KI-Experten sind weltweit begehrt. Die Bundesregierung kann bisher nicht sagen, wie sie ihre Strategie zeitnah umsetzen will.
KI-Experten sind weltweit begehrt. Die Bundesregierung kann bisher nicht sagen, wie sie ihre Strategie zeitnah umsetzen will.Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Regierung hat bisher nicht geklärt, wie der etwaige Erfolg ihrer Strategie Künstliche Intelligenz (KI) und ihrer Umsetzungsstrategie Digitalvorhaben evaluiert werden soll. Auch gibt es bisher wenig Fortschritt bei dem Vorhaben, „mindestens“ 100 Professuren für Künstliche Intelligenz an Hochschulen einzurichten - vielmehr fehlt sogar der Überblick, wie viele bestehende KI-Lehrstühle es derzeit in Deutschland gibt. Das geht aus der Antwort der Regierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hervor, sowie aus Recherchen von Tagesspiegel Background.

Die Liberalen hatten unter anderem wissen wollen, welche Erfolgsindikatoren oder Key Performance Indikatoren (KPIs) die Regierung für eine kommende Evaluierung der Strategie erkannt habe und wann diese Evaluation vorgenommen werden soll. KPIs würden sich „nicht für eine ganzheitliche Erfolgsbewertung der Strategie eignen“, heißt es in der Antwort, die Michael Meister (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Forschungsministerium (BMBF), formuliert hat. Denn die KI-Strategie beziehe sich auf die wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung und Nutzung von KI und stelle „eine ganzheitliche Strategie“ dar. Das System der Key Performance Indikatoren basiere dagegen „auf Kennzahlen, um die Leistung einzelner wirtschaftlicher Einheiten zu bewerten“. Über Folgeaktivitäten zur KI-Strategie werde die Regierung beraten, „wenn Fortschritte und Ergebnisse aus den Aktivitäten zur aktuellen Strategie vorliegen".

"Ministerialbürokratischer Wunschzettel an den KI-Weihnachtsmann“

„Ein weiteres Mal beweist die Bundesregierung mangelndes Verständnis für eindeutige Strategien und deren Umsetzung“, kritisiert Mario Brandenburg, technologiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Die Antwort der Bundesregierung lasse nicht nur „notwendige Kriterien zur Überprüfung und Messung des tatsächlichen Erfolges der Strategie vermissen“, sondern sie wirke „teilweise auch skurril und aus der Zeit gefallen“. Brandenburg sagte außerdem: „Das Erfolge von Strategien nicht mittels Kennzahlen (KPIs) bemessen werden können, obwohl sie sich auf Wirtschaft, Wissenschaft oder Gesellschaft anwenden lassen, dürfte vielen CEOs, Forschern oder Digital Natives neu sein." Ohne jegliche Kontrolle, Gegenlenken und Nachbessern würden „wohl nur die wenigsten Strategien bestehen“. „Diese Haltung macht die deutsche ,KI-Strategie‘ zu nicht mehr als einem ministerialbürokratischen Wunschzettel an den KI-Weihnachtsmann“, wirft Brandenburg der Regierung vor.

Ende dieser Woche ist es drei Monate her, dass die KI- und Umsetzungsstrategie am 15. November bei der Digitalklausur des Kabinetts im Potsdamer Hasso-Plattner-Institut verabschiedet und am 3. und 4. Dezember auf dem Digitalgipfel in Nürnberg vorgestellt wurde, konkrete Projekte sind bisher wenig auf den Weg gebracht worden.

Bei der Förderung der 100 KI-Professuren ist vieles unklar

So gibt es beispielsweise auch weiterhin keine Angaben dazu, wann, wie und wo die 100 KI-Professuren gefördert werden wollen. Die Regierung wolle „in Kürze Gespräche mit Ländervertretern sowie einschlägigen Mittlerorganisationen führen“, sagte eine BMBF-Sprecherin auf Anfrage von Tagesspiegel Background. Drei Komponenten seien dabei vorgesehen: „Die Gewinnung von Expertinnen und Experten aus dem Ausland, der Ausbau der Lehre an den Kompetenzzentren und schließlich ein für alle Hochschulen offenes Professorenprogramm“, erklärte die Sprecherin. Nach diesen Gesprächen solle das weitere Verfahren festgelegt werden, das „wettbewerblich“ gestaltet werden soll.

Derzeit laufen offenbar Gespräche mit der Alexander-von Humboldt-Stiftung darüber, ein Programm für 20 Professorinnen und Professoren aus dem Ausland aufzulegen, heißt es aus dem BMBF.  Aber ob alle 20 auf einen Schlag oder etwa fünf pro Jahr bis zum Ende der Legislatur geholt werden sollen, ist offenbar bisher nicht geklärt. Ebenso wenig, wie die restlichen 80 Professuren verteilt werden - vor allem aber auch, woher diese angesichts der hohen Nachfrage nach Professorinnen und Professoren für Künstliche Intelligenz kommen sollen.

Die Regierung selbst hat keinen Überblick, wie viele KI-Professuren an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen derzeit unbesetzt sind. „Eine von allen Akteuren konsistent genutzte Definition von Künstlicher Intelligenz (KI) gibt es nicht. Daher liegen zur genauen Anzahl der Lehrstühle und Vakanzen, die sich eindeutig dem Bereich der KI zuordnen lassen, keine Statistiken vor“, teilte eine BMBF-Sprecherin mit. In der amtlichen Hochschulstatistik würden KI-Professuren nur im Bereich der Informatik ausgewiesen. Teilbereiche der KI wie Maschinelles Lernen oder Robotik würden aufgrund der fehlenden konsistenten Definition nicht automatisch auch der KI zugeordnet. Ebenso würden Informatik-Professuren, die mit KI-Experten besetzt sind, nicht automatisch auch der KI zugeordnet. Erhebungen des BMBF „zeigen jedoch, dass deutschlandweit mindestens 142 Lehrstühle im Bereich Informatik bestehen“.

Zweifel an der Umsetzbarkeit des Plans

Die Regierung selbst spricht in ihrer Strategie allerdings selbst von KI-Lehrstühlen und nicht von Informatik allgemein. Wenn ihr aber bisher eine solche Definition für KI und damit ein Überblick zu den Vakanzen fehlt, ist es fraglich, wie dann das Vorhaben für die geplanten 100 KI-Lehrstühle umgesetzt werden soll.

Die FDP hatte in ihrer Kleinen Anfrage zwar angemerkt, dass die von der Regierung vorgelegte Strategie „ein erster Schritt in die richtige Richtung“ sei, aber „etliche Fragen zu Umsetzung offen und konkrete Ziele zu vage“ blieben. Trotz der zusätzlichen finanziellen Förderung bis 2025 von drei Milliarden Euro sei es „nicht ersichtlich, wie Deutschland zu den globalen Playern USA und China aufschließen soll.“ Ohne „eindeutige Messkriterien für nicht vorhandene Zielvorgaben“ bliebe die Strategie „eine lose Ankündigung ohne Gehalt.“ Sie verliere sich „in der Entwicklung von Observatorien und Zentren sowie ungeregelten Zuständigkeiten für digitale Technologien wie KI“.

Ziel der Regierung ist, Deutschland als Marktführer für „KI - Made in Germany“ weltweit zu etablieren.

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