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Nur Schneiden wird immer seltener. Dafür sind Dienstleistungen rund um Kosmetik in den Salons immer öfter gefragt.
© picture alliance / dpa

Friseur-Verbandschef im Interview: „Kleine Betriebe werden durch den Mindestlohn gestärkt“

Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Friseurhandwerks, spricht im Tagesspiegel-Interview über den Mindestlohn, höhere Preise, Schwarzarbeit am Kopf und gute Ausbildung.

Herr Müller, seit ein paar Tagen gilt der gesetzliche Mindestlohn. Sie waren ihm mit einer tariflichen Lösung schon zuvorgekommen. Wie fühlt man sich an der Spitze der Bewegung?

Im Friseurhandwerk wird der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde in Ost und West zum ersten August 2015 in Kraft treten. Insofern sind wir nicht die Spitze der Bewegung. Was aber stimmt: Wir hatten schon vor dem Beschluss der Bundesregierung zum gesetzlichen Mindestlohn einen langen Weg hinter uns gebracht. Das Friseurhandwerk hat im April 2013 mit dem Tarifpartner Verdi den Fahrplan gelegt. Im November 2013 ist er dann für allgemeinverbindlich erklärt worden.

Trotzdem haben viele die Preise schon erhöht. Grundsätzlich: Zehn Euro oder 25 Euro – wer macht den besseren Schnitt?

Das ist immer eine Frage der Qualität des Friseurs. Ich denke aber, dass man bei einem Billigfriseur keine umfassende Dienstleistung erwarten kann.

Was verstehen Sie unter umfassend?

Eine eingehende Beratung zum Beispiel. Einen Herrenhaarschnitt mit der Schere und nicht mit einem Aufsatz, nach dem Motto: „Neun Millimeter, so wie immer?“

Was haben Sie zuletzt gezahlt?

Ich gehe zu ganz vielen Friseuren. Zuletzt war ich im KaDeWe. Da habe ich 25 Euro bezahlt – trotz meines Kurzhaarschnittes. Ich habe aber durchaus auch schon einen einfachen Maschinenschnitt für 16 Euro bekommen.

Stimmt denn der Eindruck, dass die Preise steigen?

Ja, die Preise steigen moderat. Sie müssen sehen: Fast 90 Prozent der Friseure hierzulande haben einen Jahresumsatz von unter 100 000 Euro. Die Personalkosten sind hier mit fast 50 Prozent der größte Kostenblock. Wenn also der Stundenlohn steigt, muss man einfach mit einer Preiselastizität rechnen.

Vermutlich sind die Preise vor allem nach oben elastisch.

Bisher war es ja eher umgekehrt. Wir hatten lange eine Preisspirale nach unten, weil sehr viele Friseure glaubten, mit Standarddienstleistungen am Markt erfolgreich zu sein. Die oft genannten Zehn-Euro-Friseure waren sicher auch einem Zeitgeist-Phänomen geschuldet. Dieses „Geiz ist geil“ hat streckenweise auch das Friseurhandwerk erfasst.

Sie wollen sagen: Diese Zeiten sind vorbei.

Glücklicherweise geht die Entwicklung nun in eine andere Richtung. Verbraucher fragen umfängliche Dienstleistungen, eine gute Beratung nach, die eben nur ein guter Friseur leisten kann. Und das hat natürlich auch seinen Preis.

Was sagen die Kunden zu den steigenden Preisen?

Nur Schneiden wird immer seltener. Dafür sind Dienstleistungen rund um Kosmetik in den Salons immer öfter gefragt.
Nur Schneiden wird immer seltener. Dafür sind Dienstleistungen rund um Kosmetik in den Salons immer öfter gefragt.
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Da gibt es eine hohe Akzeptanz.

Sie sind also zufrieden mit dem Mindestlohn und seinen Auswirkungen.

Der Mindestlohn war für viele Betriebe eine Frage der Ehre. Die Friseure wollten dieses Negativ-Image ablegen.

Aber es soll weniger Kunden geben.

Diese Entwicklung sehen wir derzeit in der Masse nicht. Wir hatten zuletzt eine Reichweite bei Frauen von 70 Prozent. Bei den Männern sind es 60 Prozent, die zum Friseur gehen. Das sind allerdings Daten von 2013, aber über die Jahre bleibt das sehr stabil.

Nur 60 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen gehen zum Friseur?

Ja. Der Schwarzmarkt ist auch im Friseurhandwerk nach wie vor ein Problem.

Wie hoch schätzen Sie den Anteil?

Etwa zwischen 15 und 20 Prozent vom Branchenumsatz, der zuletzt bei rund sechs Milliarden Euro lag. Auch hier kann der Mindestlohn entgegenwirken. Er wird dazu beitragen, dass Friseure im Salon ihre Dienstleistung erbringen.

Mit dem Mindestlohn kommen auf die Betriebe auch Dokumentationspflichten zu, damit Missbrauch verhindert wird. Viele Branchen sehen das als bürokratische Belastung.

Das ist bei uns anders. Natürlich müssen auch die Friseure dieser Pflicht nachkommen. Aber dafür reicht eine einfache Kladde.

Sie haben als Arbeitgeber gemeinsam mit Verdi die Mindestlohnvereinbarung getroffen. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Für uns ist wichtig, dass die Branche zukunftsfähig aufgestellt ist. Entlohnung ist da ein wichtiges Thema. Darüber hinaus ist es wichtig, sich mit dem Tarifpartner über Nachwuchsgewinnung zu verständigen. Verdi und wir haben in vielen Punkten eine ähnliche Sicht auf den Markt.

Ein paar hunderttausend Jobs könnte der Mindestlohn kosten, behaupten Ökonomen. Was meinen Sie?

Ich gehe davon aus, dass die traditionellen Betriebe mit drei bis zehn Mitarbeitern durch den Mindestlohn sogar gestärkt werden. Die Zahl der angestellten Friseure ist in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen. Wir sprechen von einer Atomisierung der Branche – das heißt, es gibt immer mehr Ein- Personen-Betriebe. Durch den Mindestlohn wird sich die Zahl der Angestellten ebenso stabilisieren wie die Zahl der Auszubildenden.

Auch im ländlichen Raum? Bäcker und Metzger beispielsweise werden dort immer seltener. Was ist mit den Friseuren?

Da sehe ich keinen Unterschied. Auf dem Land gibt es das gleiche Bedürfnis nach Schönheit wie in den Städten. Es gibt hier also keine ähnliche Entwicklung wie bei anderen Dienstleistern.

Welche Rolle spielt der mobile Friseur?

Nur Schneiden wird immer seltener. Dafür sind Dienstleistungen rund um Kosmetik in den Salons immer öfter gefragt.
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Das ist ein Nischenmodell, das insbesondere in Städten funktioniert. Engagierte Friseurunternehmen wirken dem entgegen, indem sie einen Hol- und Bringdienst anbieten. Friseursalons erfüllen ja auch eine soziale Funktion. Wir haben gerade in den Städten eine zunehmende Vereinsamung, zum Beispiel älterer Menschen. Ein Friseurtermin ist da ein Highlight.

Wie wichtig sind die Geschäfte neben dem Schnitt?

Gut aussehen wird immer mehr zu einem Wettbewerbskriterium in unserer Gesellschaft. Man kann das bedauern. Aber für den Friseur ist es gut: Er kann hier besondere Dienstleistungen anbieten. Friseure entdecken zunehmend die Chance, die ein Verkaufsgeschäft im Salon bietet. Das Bedürfnis nach umfassender Pflege steigt. Wir haben einen Branchenumsatz von 5,9 Milliarden Euro. Der Umsatzanteil von Pflege- und Beautyprodukten liegt derzeit bei ungefähr zehn Prozent – und er wächst stetig. Davon abgesehen: Die Umsätze im Friseurhandwerk werden nicht sinken.

Wie war denn 2014?

Wir profitieren verzögert vom Wirtschaftswachstum. Ich gehe von einem Umsatzwachstum von etwa zwei Prozent aus. Für 2015 wäre es dann schön, wenn wir uns auf diesem Niveau stabilisieren.

Welche Rolle spielt dabei das Personal?

Das ist eine zentrale Voraussetzung, um als Friseur erfolgreich zu sein. Der Beruf reduziert sich nicht nur auf Haare waschen, schneiden, färben, stylen. Kosmetik ist elementarer Bestandteil der Friseurdienstleistung – und ein Bereich, der wächst. Aus diesem Grund legen wir großen Wert auf die Ausbildung.

Wie denn zum Beispiel?

In den vergangenen Jahren haben wir einiges in Sachen Ausbildungsqualität unternommen und bemühen uns um Verbesserungen auch in der Vergütung. Inhaltlich haben wir die Gesellenprüfung mit mehr Praxisbezug versehen. Gerade gehen wir die Meisterprüfung an: Sie soll keine Gesellenprüfung mit Sternchen sein, sondern den Absolventen dazu befähigen, ein Unternehmen erfolgreich nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen. Zusätzlich gibt es Fortbildungen zum staatlich anerkannten Coloristen oder eine zum Thema Zweithaarservices, sprich Extensions. Mittelfristig wollen wir einen Bachelorstudiengang rund ums Thema Beauty anbieten. Das alles zeigt Karrierewege auf.

Modernisierte Ausbildung, Mindestlohn, Abkehr vom Billigfriseur – ist der Imagewandel, den sich die Branche verordnet hat, bereits abgeschlossen?

In Verbraucherumfragen sind die Friseure die beliebtesten Dienstleister. Wir haben eine Million Kunden am Tag – das ist ein Beleg für uns, dass es in die richtige Richtung geht. Nicht zuletzt sind wir aufgrund unserer jüngsten Tarifpolitik aus den Negativ-Schlagzeilen verschwunden. Das war hohe Zeit und wir sind darüber sehr froh.

Was sind die Trends 2015?

Haarfarbe bleibt ein riesiges Thema – bei Frauen wie bei Männern. Natürlichkeit. Und ganz zentral: Individualität. Uniformität ist passé. Friseurdienstleistungen müssen also ein sehr breites Spektrum abdecken.

Jörg Müller ist seit Mitte 2014 Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. Haare schneiden kann Müller nicht: Der 50-Jährige ist Politologe. Mit ihm sprach Simon Frost.

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