Kohlebergwerk in Australien : Wieso der Siemens-Adani-Deal so umstritten ist

Siemens versucht unter Joe Kaesers Führung seit geraumer Zeit zu ergrünen. Auch andere Unternehmen beteuern das. Doch allzu viel ist bisher nicht passiert.

Christian Schaudwet Lisa Ngyuen
Klima-Aktivisten demonstrieren vor der australischen Botschaft in Berlin.
Klima-Aktivisten demonstrieren vor der australischen Botschaft in Berlin.Foto: AFP/Odd Andersen

Mit bundesweiten Demonstrationen erstmals auch am Montag protestiert die Klimaschutzbewegung Fridays for Future gegen die Entscheidung von Siemens, an seiner Beteiligung an einem gigantischen Kohleförderprojekt in Australien festzuhalten. Fridays for Future rief zu Kundgebungen in rund 15 Städten auf, darunter München, Erlangen, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Köln. Siemens-Chef Joe Kaeser hatte am Sonntagabend mitgeteilt, der Konzern müsse sich in Australien an seine vertraglichen Verpflichtungen halten. Zankapfel ist die geplante Beteiligung an einem der größten neuen Kohleprojekte weltweit, ausgerechnet in Australien, wo gewaltige Brände toben.

Die Aktivisten geben dem Klimawandel die Schuld für die australischen Feuer. Der indische Adani-Konzern will im Bundesstaat Queensland die Carmichael-Kohlemine betreiben. Dort sollen bis zu 60 Millionen Tonnen pro Jahr gefördert werden – das könnte die bereits hohen Kohleexporte Australiens um 20 Prozent steigern. Die Kohle soll über 189 Kilometer per Zug zum Kohlehafen Abbot Point gebracht und dann nach Indien verschifft werden. Siemens soll die Signalanlagen für die Bahnstrecke liefern.

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Siemens hält an Kohle-Projekt in Australien fest
Siemens hält an Kohle-Projekt in Australien fest

Eigentlich ist der Auftrag für den Konzern mit einem Volumen von 18 Millionen Euro ein kleines Ding, aber mit Australien und Indien geht es um zwei enorm wichtige Zukunftsmärkte. Dem steht jedoch die Reputation als selbst ernannter grüner Konzern gegenüber. Für Neubauer passt es schlicht nicht zusammen, dass Siemens die Klimaneutralität bis 2030 anstrebt und trotzdem ein Projekt unterstützt, das noch Jahrzehnte Kohle fördern soll.

Die Aktivisten warnen, die Verbrennung der Kohle werde die Erderwärmung verschlimmern und die Förderanlage des „Klimakiller“-Projekts würde gigantische Mengen Wasser benötigen. Außerdem könnte das bedrohte Great Barrier Reef durch den Kohleabtransport per Schiff weiter geschädigt werden.

Der Konzern betont, pro Jahr würden seine Technologien die Emissionen weltweit um mehr als 600 Millionen Tonnen reduzieren. „Zum Vergleich: Der CO2-Ausstoß von Australien betrug 2017 über 550 Millionen Tonnen“, sagte ein Sprecher. Man verfüge auch über die effizienteste Kohlekraftwerkstechnologie mit einem Wirkungsgrad von rund 45 Prozent. „Wir haben das gleiche Ziel: den Klimawandel zu bekämpfen.“ Aber nicht jedes Land sei mit dem Umbau seiner Energiesysteme gleich schnell. „Um seine Bürger mit Strom zu versorgen, braucht es in Ländern wie Indien daher übergangsweise fossile Brennstoffe.“

Die Bundesregierung hat von 2014 bis 2019 deutsche Auslandsprojekte im Bereich der fossilen Wirtschaft mit Exportkreditgarantien von 12,9 Milliarden Euro abgesichert.

Der Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser.
Der Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser.Foto: AFP

Kaeser schrieb in einer am Sonntag veröffentlichten längeren Stellungnahme, ihm sei bewusst, dass die Mehrheit sich eine andere Entscheidung erhofft habe. Er betonte aber, dass es seine Pflicht als Konzernchef sei, verschiedene Interessen abzuwägen. Es sei die „höchste Priorität“ von Siemens, seine Versprechen zu halten. Und es gebe praktisch keinen rechtlich und wirtschaftlich verantwortlichen Weg, den Vertrag aufzulösen.

Neubauer kritisierte, Konzerne müssten anfangen, bestehende Verträge zur Förderung von Kohle, Öl und Gas aufzulösen, sonst seien die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht einzuhalten. „Auf diesen Vertrag zu pochen, während Australien brennt und alle Konsequenzen für Mensch und Umwelt bekannt sind, ist Wahnsinn.“ Die Menschen seien an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem jeder Vorstandsvorsitzende „in dieser Größenordnung gefragt ist, sich zu entscheiden: für oder gegen das Klima, für oder gegen die Rechte zukünftiger Generationen und den Schutz der Menschen und Tiere, die heute betroffen sind.“

Auch in Australien wird protestiert

Auch australische Umweltaktivisten reagierten empört auf den Beschluss von Siemens. Die Entscheidung sei „nichts weniger als schändlich“ und ruiniere das Image der Firma, teilte die Australian Conservation Foundation der Deutschen Presse-Agentur mit. „Mit dieser Entscheidung zeigt das Unternehmen sein wahres Gesicht.“ Die angebliche Klimawandel-Strategie des Konzerns habe sich als „inhaltsleer und bedeutungslos“ entpuppt - er sei keinen Deut besser sei als die von der Ausbeutung fossiler Energieträger profitierenden Firmen, mit denen er zusammenarbeite. Der Protest gegen das Bergwerk-Projekt werde weitergeführt, kündigten die Aktivisten an.

Unter Kommunikationsexperten in der Wirtschaft gilt die öffentliche Zuspitzung beim Siemens-Adani-Deal als besonders interessanter Fall. Zahlreiche Unternehmen haben bekundet, sich den Pariser Klimazielen verpflichtet zu fühlen und diesen ihre Geschäftsstrategien unterzuordnen. Allzu viel ist bisher aber nicht passiert.

Da Siemens alter deutscher Industrieadel ist und einer von nur drei deutschen Konzernen unter den 100 größten der Welt, hätte der Rückzug vom Adani-Projekt sicherlich eine Signalwirkung auf die gesamte deutsche Exportwirtschaft haben können. Drastischer drückte es Klimaaktivistin Neubauer aus: Kaeser mache einen „unentschuldbaren Fehler“. (mit dpa)

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