Mit Kunststofffolie gegen das Virus : Wie die Autohersteller ihre Produktion wieder hochfahren wollen

Es ist ein Experiment mit unsicherem Ausgang, bei dem es im Extremfall um Menschenleben geht: Die Produktion in den Autofabriken soll langsam wieder anrollen.

Auf Abstand: Mitarbeiter bauen im Karosseriebau im VW Werk Türen, Kotflügel und Motorhauben an Volkswagen an.
Auf Abstand: Mitarbeiter bauen im Karosseriebau im VW Werk Türen, Kotflügel und Motorhauben an Volkswagen an.Foto: Christophe Gateau/dpa

Die Bundesregierung spricht in ihrer am Mittwoch mit den Ministerpräsidenten getroffenen Vereinbarung zur Lockerung des Corona-Shutdowns von einer „besonderen Verantwortung“ der Arbeitgeber für ihre Mitarbeiter. Jedes Unternehmen in Deutschland müsse ein Hygienekonzept erarbeiten. 

„Trotz der Lockerung der Auflagen nach dem Beschluss von Bund und Ländern steht über allem die Sorge einer weiteren Ausbreitung von Corona“, sagte am Tag danach Hildegard Müller, Präsidentin des Branchenverbandes VDA, bei einer Telefonkonferenz. Deshalb müsse alles Notwendige zum Schutz von Mitarbeitern und Kunden getan werden. 

Aber wie gewährleistet man Sicherheitsabstände in der Fertigung, in Kantinen, am Werkstor? Wie werden Autohäuser, die ab Montag wieder öffnen dürfen, Anziehungs- und Erlebnispunkte für Kunden, ohne dass neue Infektionsketten entstehen?

Mit der Bundesregierung habe man einen Leitfaden zum Gesundheitsschutz für die Unternehmen erarbeitet, mit Hinweisen zu Abstandsregelungen, Schutzbekleidung und Schutzeinrichtungen, sagte Müller. „Die Unternehmen sind in diesem Punkt vorbereitet für den Hochlauf." Der Leitfaden mit 17 Punkten müsse nun schnell konkretisiert werden.

Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaft erarbeiten Leitfaden

Die „SARS-CoV2-Arbeitsschutzstandards“, die Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Donnerstag vorstellte, waren zwischen dem Bundesarbeitsministerium, der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), der Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und den Arbeitsschutzverwaltungen der Länder abgestimmt worden.

Die Standards schreiben zum Beispiel die Einhaltung und Markierung des Abstands von mindestens 1,50 Metern vor und – falls nicht möglich – die Bereitstellung von geeigneten Schutzmasken, -brillen oder -scheiben. Handwerkzeuge sollten „personenbezogen“ verwendet werden. Auch „versetzte Arbeits- und Pausenzeiten“ seien ein wirksames Schutzmittel.

Außerdem müsse der Arbeitgeber ausreichend Seife, Handtuch- und Desinfektionsspender vorhalten. Sanitär- und Gemeinschaftsräume sowie Türklinken und Handläufe müssten in kurzen Intervallen gereinigt werden. In Kantinen seien „Warteschlangen bei der Essensaus- und Geschirrrückgabe sowie an der Kasse“ zu vermeiden.

Strittig ist, ob am Werkstor Fiebermessungen stattfinden sollen. Während Kritiker fürchten, dies könne die Beteiligten in falscher Sicherheit wiegen, halten es Befürworter für sinnvoll. Eine generelle Regelung ist offen. Personen mit Atemwegssymptomen oder Fieber sollten sich generell nicht auf dem Betriebsgelände aufhalten, heißt es in dem Papier.

Die Hersteller haben unterschiedliche Zeitpläne für den Hochlauf und Maßnahmen zum Gesundheitsschutz ergriffen:

Zwickau und Bratislava machen den Start bei Volkswagen

Volkswagen fährt die Werke der Marke VW ab nächster Woche in Zwickau und Bratislava wieder an, in der Woche darauf dann in den übrigen deutschen Werken sowie in Portugal, Spanien und den USA. Bereits Anfang April hatte der Autobauer begonnen, die Produktion in einigen seiner Komponentenwerke wieder anzufahren. Damit sollte zunächst die Versorgung der Fahrzeugproduktion in China sichergestellt werden. Beim Wiederanlaufen greift VW auf Erfahrungen in China zurück.

Eine Betriebsvereinbarung zum Gesundheitsschutz umfasst rund 100 Maßnahmen, mit denen das Infektionsrisiko bei Volkswagen so gering wie möglich gehalten werden soll. So werden die Beschäftigten zunächst mit Lebensmitteln aus Automaten versorgt. Die Körpertemperatur der Mitarbeiter wird nicht wie in China auf dem Werksgelände gemessen. Die Beschäftigten sind aufgefordert, täglich zu Hause eine Art Gesundheits-Checkliste durchzuarbeiten – dazu gehört auch das Fiebermessen.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Barriere aus Kunststofffolie bei Audi

Audi will die Autoproduktion in Ingolstadt voraussichtlich Ende April mit zunächst nur einer Schicht aufnehmen. Später könnten weitere Schichten mit großem zeitlichen Abstand zueinander folgen, damit sich beim Schichtwechsel nicht zu viele Mitarbeiter an den Werkstoren begegnen.

Ein Beispiel für Schutzmaßnahmen: Wo die Arbeiter den Abstand von 1,5 Metern nicht einhalten können – etwa bei der Türenvormontage – haben die Mitarbeiter eine transparente Barriere aus Kunststofffolie entwickelt, die wie ein Vorhang auf und zu gezogen werden kann. Schutzvorhänge beim Einbau von Interieur können per Magnet innen am Dach des Autos für die Dauer des Arbeitsschritt befestigt werden.

Porsche wird seine Werke in der kommenden Woche noch nicht wieder anlaufen lassen. Die Produktion im Stammwerk in Stuttgart-Zuffenhausen und in Leipzig bleibt eine weitere Woche ausgesetzt. Es gebe weiterhin Engpässe bei den globalen Lieferketten, die einen geordneten Wiederanlauf nicht zuließen, sagte ein Sprecher.

BMW macht noch bis Ende April Pause

BMW hat die Produktionsunterbrechung zunächst bis zum 30. April verlängert – in den Automobilwerken in Europa, Südafrika, USA und Mexiko sowie im Motorradwerk in Berlin. „Je nachdem wie sich die Marktnachfrage weiter entwickelt, werden wir die Faktenlage neu bewerten“, sagte eine Sprecherin Background.

In allen Arbeitsbereichen werde auf die Einhaltung der Regelungen zu Hygiene und Physical Distancing gemäß den Empfehlungen des Robert Koch Instituts geachtet. Im Werk Landshut werden in einzelnen Bereichen schon jetzt medizinische Masken ausgegeben.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple-Geräte herunterladen können und hier für Android-Geräte.]

Kurzarbeit bis Ende April bei Daimler

Daimler hat angekündigt, die Teilefertigung in einigen Komponentenwerken kommende Woche wieder anlaufen zu lassen. Zugleich hat der Stuttgarter Konzern die Kurzarbeit für einen Großteil der Beschäftigten bis Ende April verlängert. Trotzdem soll die Fertigung in ausgewählten Werken vom 20. April an nach und nach wieder hochlaufen.

Beginnen soll die Antriebstechnik, danach folgen die Pkw-Werke Sindelfingen und Bremen und die Van-Standorte - alle jeweils nur im Ein-Schicht-Betrieb und unter umfassenden Sicherheitsvorkehrungen. Auch in den Bus- und Lkw-Werken soll ab dem 20. April schrittweise wieder produziert werden.

Mehr als 100 Gesundheits- und Hygienemaßnahmen bei Opel

Opel hat einen konkreten Termin nicht festgelegt. Für die Standorte Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern wurden in einer Betriebsvereinbarung mehr als 100 Gesundheits- und Hygienemaßnahmen verabredet worden, um die Mitarbeiter vor Covid-19 zu schützen. Die Maßnahmen orientieren sich an den Beispielen des bundesweiten Leitfadens.

Ford will die Produktion voraussichtlich nach dem 4. Mai wieder anlaufen lassen. Der Umfang, so hieß es am Donnerstag, hänge aber von den internationalen Lieferketten und der Nachfrage der Kunden ab. Zudem müssten die hygienischen Vorschriften zur Sicherheit der Mitarbeiter in den Werken umgesetzt werden.

[Alle wichtigen Updates des Tages zum Coronavirus finden Sie im kostenlosen Tagesspiegel-Newsletter "Fragen des Tages". Dazu die wichtigsten Nachrichten, Leseempfehlungen und Debatten. Zur Anmeldung geht es hier]

VDA kritisiert mangelnde Koordinierung in der EU

VDA-Präsidentin Müller sagte am Donnerstag, dass die vielfältigen Aktivitäten zum Neustart mit der Unsicherheit verbunden seien, ob die Lieferketten tatsächlich nachhaltig wieder geschlossen werden könnten. Die deutsche Autoindustrie produziere in nahezu allen EU-Ländern. „Eine Wiederaufnahme der Produktion und die Bewältigung der Corona-Krise sind nur möglich, wenn sich EU und Mitgliedsstaaten miteinander abstimmen“, sagte sie. „Ich sehe mit Sorge, dass es dabei auf EU-Ebene in vielen Bereichen hakt.“

Auch seitens der EU-Kommission gebe es „keine zufriedenstellende Koordinierung“. So habe sich die Lage an den Grenzen weiterhin nicht vollständig normalisiert. Die einzelnen Nationalstaaten agierten unabgestimmt und oft im Alleingang, auch was den Ausstieg aus dem Lockdown angehe. Eine interaktive Übersicht über die Produktionsausfälle in Europa hat der europäische Herstellerverband Acea erstellt. 

Müllers Ausblick fiel erneut düster aus. Der VDA gehe davon aus, dass der Pkw-Markt in Deutschland 2020 um etwa 20 Prozent schwächer sein werde als 2019. Dies setze aber voraus, dass sich ab Mai eine Besserung einstellt. Müller: „Zu Optimismus besteht derzeit kein Anlass.“ (mit dpa, rtr)

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!