Neue Allianz für öffentlichen Nahverkehr : Klimaschutz mit guter Arbeit verbinden

Verdi und Fridays for Future wollen gemeinsam den öffentlichen Nahverkehr stützen. Tausende Fahrer für Busse und Bahnen fehlen.

Allianz. Gewerkschaften und Umweltschützer schließen sich für einen Ausbau des Nahverkehrs zusammen.
Allianz. Gewerkschaften und Umweltschützer schließen sich für einen Ausbau des Nahverkehrs zusammen.Foto: dpa

Klimaschützer und Arbeitsschützer schreiten zunehmend Seit’ an Seit’. Im vergangenen Jahr warben die Chefs von IG Metall und DGB für eine ökologische Modernisierung von Wirtschaft und Verkehr gemeinsam mit dem BUND, und jetzt entdecken Verdi und Fridays for Future Gemeinsamkeiten. „Wir arbeiten mit Verdi zusammen, um für unser Anliegen noch mehr Menschen zu begeistern“, sagte die Klimaaktivistin Helena Marschall am Mittwoch in der Verdi-Zentrale, wo sie mit der stellvertretenden Gewerkschaftsvorsitzenden Christine Behle eine „Allianz für bessere Arbeitsbedingungen und Klimaschutz“ vorstellte. Und zwar den öffentlichen Personennahverkehr betreffend. „Auch als Verdi wollen wir den Klimaschutz nach vorne stellen“, kündigte Behle an: mit einer Verkehrswende zugunsten des öffentlichen Nahverkehrs. Die funktioniere indes nur, wenn es genügend Fahrer für Busse und Bahnen gebe und überhaupt die Arbeitsbedingungen attraktiv genug seien, um die bis 2030 erforderlichen 100 000 Arbeitskräfte auch zu bekommen.

2167 Euro Einstiegsgehalt

„Grüne Jobs müssen Wohlstandsjobs sein“, meinte Marschall. Im konkreten Fall müsste es also heißen: Mehr Geld für die Busfahrer. Aber darum geht es Verdi erst an zweiter Stelle. Die Gewerkschaft hat vorrangig die Belastung der Beschäftigten im Blick sowie die unterschiedlichen Bedingungen. In manchen Bundesländern gibt es 26 Tage Urlaub, in anderen 30. In Brandenburg liegt das Einstiegsgehalt eines Bus- oder Bahnfahrers bei 2167 Euro, in Hessen sind es 2295 Euro und in NRW 2419 Euro. Die regionale Zuständigkeit für die Entgelte möchte Verdi beibehalten, doch bundesweit sollen in einem Manteltarif Arbeitszeit und Überstunden geklärt werden, dazu die Höhe des Weihnachtsgeldes sowie Zulagen und Zuschläge. „In der Perspektive wollen wir eine Vereinheitlichung“, sagte Behle. Es geht um 87 000 Beschäftigte in 130 kommunalen ÖPNV- Unternehmen, die täglich 13 Millionen Gäste befördern. Schon jetzt fehlen nach Einschätzung von Verdi 15 000 Personen im Personennahverkehr.

Hoher Krankenstand

Die Belastungen seien stetig gestiegen, „zweistellige Krankenstände sind die Regel“, teilte Verdi mit und beruft sich auf Betriebsräte der Verkehrsunternehmen. In 60 Prozent der Unternehmen fielen regelmäßig Fahrten aus, weil es kein Personal gebe. Das könnte schlimmer werden, denn in der gesamten Branche werden bis 2030 rund 100 000 neue Mitarbeiter gebraucht, davon 60 000 im Fahrdienst und 20 000 in Werkstätten. Heute schon blieben offene Stellen häufig unbesetzt. Die Gewerkschaften haben deshalb einen Bedarf von 1,6 Milliarden Euro ausgerechnet, die jedes Jahr investiert werden müssten, um die Arbeitsplätze im Personennahverkehr attraktiver zu machen. Damit nicht genug: Der zur Reduzierung der Überstunden erforderliche Beschäftigungsaufbau „auf mindestens den Stand des Jahres 2000 erfordert darüber hinaus 15 000 zusätzliche Einstellungen und damit ca. weitere 800 Millionen Euro im Jahr“. Für die Ausbildung mit Führerschein für Bus und Bahn müssen die Unternehmen rund 10 000 Euro pro Person aufbringen.

Druck auf die Löhne seit 20 Jahren

Die Arbeitsbedingungen in der Branche führt Verdi auf die Liberalisierung des öffentlichen Nahverkehrs seit Anfang der 2000er Jahre zurück. „Die Folge waren Privatisierungen und Ausgliederungen in Tochterfirmen mit schlechteren Tarifverträgen bzw. ohne Tarifbindung.“

Die Lohndrückerei wird erkennbar am Anteil der Personalkosten am betrieblichen Gesamtaufwand, der nach Angaben der Gewerkschaft zwischen 2000 und 2016 von 46,5 auf 37 Prozent gefallen ist. Durch die Schicht- und Wochenenddienste hätten Bus- und Bahnfahrer in der Regel nur 15 Sonntage im Jahr frei; Schichten könnten ferner „zu jeder Tags- und Nachtzeit beginnen und mit Unterbrechungen bis zu 14 Stunden dauern“.

Keine Zeit für die Toilette

In Ballungsräumen verschärften sich die Arbeitsbedingungen (knapper Fahrplan, steigendes Verkehrsaufkommen), sodass „oft nicht mal Zeit bleibt, um auf die Toilette zu gehen“. Verdi-Vorstand Behle sieht inzwischen die „Verlässlichkeit des Systems in Gefahr“, wenn sich nichts verändert. Im Herbst soll mit den Arbeitgebern bundesweit verhandelt werden. „Wenn es zu Streiks kommt, werden wir uns solidarisieren“, kündigt Helena Marschall für Fridays for Future an.

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