Notenbanken als Sündenbock : „Der niedrige Zins wird in Berlin und Brüssel gemacht“

Häufig gelten die Notenbanken als die Schuldigen für die wachsenden Schulden der Welt. Doch trifft diese Analyse zu? Und ist die Entwicklung überhaupt schlimm?

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins seit Jahren niedrig gehalten.
Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins seit Jahren niedrig gehalten.Foto: dpa

Wenn Marc Friedrich über die aktuelle Wirtschaftslage spricht, bemüht er gern das Bild eines Kaugummis. Eines Kaugummis, den die Politik immer länger und länger zieht. „Aber irgendwann reißt er“, ist sich Friedrich sicher. Und diesen Konjunktureinbruch hat er auch terminiert: auf das Jahr 2023 – das haben seine Berechnungen ergeben.

Bis dahin werden aus seiner Sicht aber noch einige Dinge passieren. „Zombieunternehmen werden crashen, immer mehr Banken müssen gerettet werden, weil sie mit den niedrigen Zinsen zu wenig Geld verdienen“, zählt er auf. „Die EZB wird Staatsanleihen von Spanien und Italien kaufen, weil sie sonst keiner nimmt.“ Und irgendwann werde es sogar das sogenannte Helikoptergeld geben, bei dem jeder Bürger Geld ohne Gegenleistung erhält, um den Konsum anzukurbeln. Was das System letztlich aber zum Kippen bringen wird, so meint er, ist der Faktor Mensch. „Wenn die ersten lieber Sachwerte statt Geld wollen, weil das Geld seinen Wert verloren hat, dann ist der Crash da“, ist Friedrich überzeugt. „Und dann ist es eine Frage von Stunden, bis das System zusammengebrochen ist.“

Dass Friedrich das so sieht, ist nicht überraschend. Er gilt als einer der größten sogenannten Crash-Propheten Deutschlands. Mit seinem aktuellen Buch „Der größte Crash aller Zeiten“ hat er es auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Das zeigt, wie weit verbreitet die Angst davor ist, die Weltwirtschaft könnte unter der wachsenden Schuldenlast zusammenbrechen. Und wie groß die Skepsis gegenüber der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ist.

255 Billionen Dollar Schulden

Tatsächlich sind die Zahlen erdrückend. Von 1999 bis 2019 wuchs der globale Schuldenberg – also das Defizit von Firmen, Banken, Staaten und Privathaushalten – um 216 Prozent auf rund 255 Billionen US-Dollar an. Das ist mehr als das Dreifache der globalen Wirtschaftsleistung. Das Volumen der Anleihenkäufe der EZB ist 7,3 mal so groß wie der Bundeshaushalt des kommenden Jahres. Und 15 Prozent aller Firmen in Europa gelten schon jetzt als die von Friedrich angezählten „Zombies“, also Unternehmen die nur noch überleben, weil die Kredite aktuell so günstig sind.

Als Sündenbock für diese Entwicklungen werden gerne die Notenbanken herangezogen. Mit niedrigen Zinsen befeuerten sie die Schuldenfallen, so der Vorwurf. Seit die Auswirkungen mit Minuszinsen ab dem ersten Euro auch bei deutschen Sparern angekommen sind, hat das EZB-Bashing hierzulande Hochkonjunktur. Erst am Mittwoch warf CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak der EZB in „Steingarts Morning-Briefing“ vor, ihre Kompetenzen mit dieser Geldpolitik zu überschreiten. Es gäbe eine Umverteilung von unten nach oben, die Menschen verlören das Vertrauen in die Institutionen. An der Geldpolitik müsse sich etwas ändern.

Einigen Ökonomen treiben solche Aussagen die Zornesröte ins Gesicht. Denn hört man sich unter Wirtschaftswissenschaftlern um, so ist das Narrativ häufig ein anderer. Die EZB habe mit ihrer Zinssenkung 2008 die Wirtschaft Europas vor einem Kollaps bewahrt und der Politik damit Zeit erkauft. Die habe diese Chance aber nicht genutzt; die nötigen Reformen blieben aus. Mit Kritik an der EZB lenke die Politik nur vom eigenen Versagen ab.

„Es ist schlicht falsch, dass die EZB den Zins alleine macht“, argumentiert auch Rüdiger Bachmann, Professor für Makroökonomik an der US Universität Notre Dame. „Sie muss sich viel mehr am natürlichen Zins orientieren.“ Als solchen versteht man den theoretischen Zins, bei dem der Gütermarkt im Gleichgewicht und das Preisniveau stabil ist. „Und der ist aktuell aufgrund vieler Faktoren niedrig“, fährt Bachmann fort. „So sparen zum Beispiel unheimlich viele Leute, weil die Gesellschaften älter werden. Auch die Unternehmen sparen heute viel mehr.“ Zudem lebten wir zunehmend in einer The-Winner-Takes-It-All-Ökonomie, in der die Konzentration der wirtschaftlichen Stärke bei wenigen Unternehmen dazu führe, dass sie weniger Druck hätten, zu investieren.

Ökonomin Isabel Schnabel polarisiert

„Es muss klar sein: Man kann nicht über niedrige Zinsen meckern und gleichzeitig knausrig sparen“, meint Bachmann. „Wenn Staat, Unternehmen und Privatiers ihr Geld lieber sparen als zu investieren, sinkt der Zins.“ Verantwortlich sind folglich aus seiner Sicht die politischen Rahmenbedingungen. „Der niedrige Zins wird hauptsächlich nicht bei der EZB, sondern in Berlin und Brüssel gemacht“, schlussfolgert Bachmann. Und Schulden seien ja nicht per se nicht gut oder schlecht; sie seien lediglich ein Instrument, von dem gut beleumundete und langlebige Institutionen wie der deutsche Staat auch durchaus gebrauch machen sollten, meint Bachmann.

Die Rolle der EZB ist dennoch auch unter Ökonomen hoch umstritten. Deutlich wurde das auch jüngst auf Twitter. Dort schrieb die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel, die künftig dem EZB-Rat angehören wird, an ihre Kollegen gerichtet: „Bitte helfen Sie dabei, die schädlichen und falschen Aussagen über die EZB zu zerstreuen. Sie bedrohen den Euro mehr als viele andere Dinge.“

Eine Aufforderung, die Bachman gefiel, die seinem Kollegen Gunther Schnabl allerdings grundfalsch finde. „Ich persönlich sehe mich durch Tweets wie von Isabel Schnabel in meiner freien Meinungsäußerung eingeschränkt“, sagte der Wirtschaftsprofessor der Universität Leipzig dem Tagesspiegel. „Man darf keine Scheuklappen in der Diskussion um die unbeabsichtigten Nebeneffekte der ultra-lockeren Geldpolitik haben.“ Denn die sind aus seiner Sicht auch abseits der schrumpfenden Ersparnisse beträchtlich.

Keine grünen Versprechungen aus der Notenpresse

Weil auch die Zombieunternehmen überleben, sinken die Produktivitätsgewinne gegen null, rechnet Schnabl vor. „Das hat weitreichende Folgen, weil Produktivitätsgewinne die Voraussetzung für reale Lohnerhöhungen sind.“ Auch der weitere Ausbau der Sozialsysteme könne nicht mehr finanziert werden wie bisher, weil das Wachstum stocke. Tatsächlich werden die Warnrufe auch andernorts lauter. Allein in dieser Woche merkten die Bundesbank in ihrem Finanzstabilitätsbericht und ironischerweise die EZB selbst an, dass die niedrigen Zinsen gerade im Immobiliensektor zu Blasen und allgemein zu leichtsinnigen Investitionen führen könnten.

Schnabl wirbt deshalb dafür, dass die EZB keine weiteren Anleihen mehr kauft. Zudem müssten die Zinsen „sehr langsam, aber doch entschlossen“ angehoben werden. „Ich denke an 0,25 Prozentpunkte pro Jahr“, so Schnabl. Dass für die Aufgaben der Zukunft viel Geld benötig werde, ist auch ihm klar. Es müsse nur woanders herkommen. „Soziale und grüne Versprechen sind berechtigt, müssen aber durch Steuern finanziert werden und nicht durch die Notenpresse“, erklärt er. Dass es bald so kommt, glaubt Schnabl nicht. Dass die Welt unter den Schulden zusammenbricht, allerdings auch nicht. „Zu einem großen Crash wird es nicht kommen, da die EZB über unbegrenzte Mittel verfügt, um kollabierende Banken und Unternehmen aufzukaufen“, meint der Ökonom.

Anders als Crash-Prophet Friedrich sieht er auch keine Inflation aufziehen: Da das EZB-Geld vor allem die Preise von Immobilien und Aktien in die Höhe treibe, also von Vermögenswerten, die weit überproportional von reichen Bevölkerungsschichten gehalten werden, komme eine Entwertung bei der breiten Masse nicht an. Die gesellschaftlichen Folgen jedoch schon; auch er sieht eine Umverteilung von unten nach oben. „Das schlägt sich in der politischen Stimmung nieder“, so Schnabl. „Das Vertrauen in die etablierten Parteien sinkt; die extremen Parteien gewinnen.“ Das Motto des Ex-EZB-Chefs Mario Draghi „Whatever it takes“ müsste aus seiner Sicht also nicht mehr der Rettung des Euro gelten. Sondern der Rettung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

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