„Polare Seidenstraße“ : Warum China Milliarden in die Arktis investiert

Der Klimawandel ist im hohen Norden auch eine Verheißung: China will am großen Geschäft in der Arktis mitverdienen – ist dabei aber auf Russland angewiesen.

Ning Wang
Das Eis in der Arktis schmilzt. Das eröffnet Reedereien ganz neue Routen.
Das Eis in der Arktis schmilzt. Das eröffnet Reedereien ganz neue Routen.Foto: picture alliance/dpa

Neue Handelswege, kürzere Strecken zwischen Asien und Europa – sowie Öl- und Gasreserven. Während das Eis in der Arktis schmilzt, läuft der Wettbewerb um die Vormachtstellung in der neuen Schlüsselregion für die Weltwirtschaft. „Infolge der Klimaerwärmung werden die arktischen Schifffahrtsrouten voraussichtlich zu wichtigen Transportrouten für den internationalen Handel werden“, heißt es in einem „Weißbuch zur Arktis“ aus Peking.

Dahinter steckt mehr als eine Feststellung. China formuliert damit auch zugleich seine eigenen Ansprüche. Laut Prognosen soll die Arktis Mitte des 21. Jahrhunderts eisfrei sein. Schon lange davor werden sich mit der Hilfe von Eisbrechern die Handelsrouten zwischen Asien und Europa deutlich verändern. Und unter den Eisflächen, die in den kommenden Jahren wegschmelzen, liegen zudem erhebliche Rohstoffreserven, an denen nicht nur die Chinesen interessiert sind.

Schätzungen zufolge schlummern dort 13 Prozent der weltweiten Öl- und 30 Prozent der Gasvorkommen. Auch Diamanten, Zink, Kupfer und Platin dürfte man dort finden – ebenso wie Seltene Erden, die für die Produktion von Smartphones und Autobatterien unerlässlich sind. Auch Sand und Kies, den die Bauindustrie braucht, und der ebenfalls bereits knapp wird, wäre dort zu holen.

„Die Arktis ist zu einer Schlüsselregion der Weltpolitik geworden“, schrieb deshalb erst kürzlich die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Anfrage der Linken-Fraktion. US-Außenminister Mike Pompeo wiederum stellte im Mai bei einem Treffen des Arktischen Rats klar: „Wir treten ein in ein neues Zeitalter des strategischen Engagements in der Arktis.“ Das bringe neue Bedrohungen für die Region und ihre Besitztümer.

US-Präsident Donald Trump, der eigentlich nicht an Klimaerwärmung glaubt, will ein US-Konsulat in Grönland eröffnen, um den US-Einfluss vor Ort auszubauen. Vorher wollte Trump die Insel sogar kaufen. Doch sowohl Dänemark als auch Grönland lehnten das Angebot ab.

Auch eine neue Gaspipeline ist geplant

Zu den Anrainerstaaten der Arktis gehören neben den USA unter anderem auch Dänemark, Island, Norwegen, Schweden und Russland. China will unbedingt mitmischen, braucht dafür aber Russland. Erst Anfang Dezember verkündeten Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping die Inbetriebnahme der XXL-Pipeline „Kraft Sibiriens“.

Damit soll künftig Gas über eine neue 3000 Kilometer lange Leitung von Sibirien bis in die Metropole Schanghai geliefert werden. Putin betonte, dass man damit auf das Ziel zuarbeite, das bilaterale Handelsvolumen zwischen beiden Ländern bis 2024 auf 182 Milliarden Euro anzuheben. Das wäre eine Verdopplung: 2018 waren es umgerechnet 90 Milliarden Euro.

Schon vor fünf Jahren vereinbarten das russische Unternehmen Gazprom und die China National Petroleum Corporation das 400-Milliarden-Dollar-Projekt. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, dass Gazprom 2020 zunächst 4,6 Milliarden Kubikmeter Gas liefern wird, bevor die Kapazität der Leitung bis 2025 auf die volle Kapazität von 38 Milliarden Kubikmetern hochgefahren wird.

Über die Nordostroute verkürzt sich die Transportzeit

China verbindet mit dem Bauvorhaben aber noch ganz andere Ziele. Denn auch als Gegenleistung für die chinesischen Investitionen bietet Russland Zugang zu den Ressourcen in der Arktis. Unter dem Begriff „Polare Seidenstraße“ treibt Peking seine Agenda voran. Chinesische Investoren werden etwa angehalten, sich an Projekten und Unternehmen in der Region zu beteiligen.

Die chinesische Reederei Cosco schickt bereits Schiffe auf die arktische Reiseroute. 2018 war das bislang „geschäftigste Jahr“, sagte Unternehmenssprecher Feng Chen. Im Vergleich zu den längeren Wegen über den Suez- und den Panamakanal verkürzt die Nordostroute die Transportzeiten um bis zu 40 Prozent auf 15 Tage. Noch sei die Abhängigkeit von Eisbrechern aber groß.

Bisher bauen die Russen die größten Eisbrecher, mit denen sie den Zugang zur Nordostpassage kontrollieren können. China will nun nachlegen: Die „Xue Long“-Flotte („Schneedrache“) soll den Weg durch das Eis ebnen. Ein erster von China selbst gebauter Eisbrecher war Mitte Oktober vom südchinesischen Shenzhen in der Provinz Guangdong aus zu einer Arktisexpedition aufgebrochen.

Die USA sind derweil dagegen, dass China überhaupt Arktis-taugliche Eisbrecher baut und warnt vor dem steigenden Einfluss der Volksrepublik. US-Außenminister Mike Pompeo sagte im Mai vor dem Arktischen Rat, dass China zwischen 2012 und 2017 bereits fast 90 Milliarden US-Dollar in die Arktis investiert habe.

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