Proteste der deutschen Landwirte : „Bürgern ist das Klima wichtiger als die Probleme der Bauern“

Die Bauern werden sich nicht durchsetzen können, sagt Protestforscher Rucht im Interview. Auch mit den Gelbwesten in Frankreich seien sie kaum vergleichbar.

200 Trecker nahmen in Berlin an einer Demonstration teil.
200 Trecker nahmen in Berlin an einer Demonstration teil.Foto Ragnar Vogt

Dieter Rucht ist ein deutscher Soziologe und Protestforscher. Seiner Meinung nach wird es die Bauernproteste nicht mehr lange geben.

Herr Rucht, warum werden die Bauernproteste keinen Erfolg haben?
Dafür gibt es drei Gründe. Erstens, und das ist der Hauptgrund, ist die Bevölkerung mehrheitlich pro Umweltschutz. Die Bürger verstehen die Bauern und ihre Probleme, würden sich aber nicht hinter sie stellen, weil sie damit dem Klima schaden würden. Zweitens sind die Bauern keine riesige Bevölkerungsgruppe, und sie sind auch räumlich sehr verstreut.

Es ist mühsam, sie für Protestaktionen in großen Städten zusammenzubringen. Und drittens gibt es auch noch große Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen der Landwirte, z.B. Großagrariern und ökologisch wirtschaftenden Kleinbauern. Auch andere, wenngleich kleine Gruppen, zum Beispiel die Imker, werden sich nicht hinter die Forderungen der Bauern stellen.

Das heißt die Proteste werden auch nicht mehr größer?
Eher nicht. Die Bauernverbände werden sicher noch versuchen, hinter den Kulissen Druck auf das Landwirtschaftsministerium zu machen. Aktuell wollen sie, und dabei sind die Traktoren ein ganz wichtiger Punkt, vor allem kollektiv und massiv präsent sein. Sie wollen zeigen: Wir sind da, wir sind viele, und wir sind stark. Aber es ist jetzt wirklich nicht so, als hätten wir da die große Revolution vor der Tür stehen.

Kann man die Bauernproteste mit der Gelbwestenbewegung in Frankreich vergleichen?
Ich sehe kaum Parallelen zu Frankreich. Die französischen Proteste kamen zwar auch aus der ländlichen Bevölkerung, aber das waren mehrheitlich keine Bauern. Die Gelbwesten hatten auch eine viel breitere Themenpalette. Noch dazu konnten sie ihre Kritik besser bündeln und konkret auf Macron zuspitzen.

Das ist ein Problem bei den Bauernprotesten. Es gibt keinen singulären Adressaten. Frau Schulze ist nicht allein verantwortlich, es gibt die Minister auf Länderebene, und viele Vorgaben kommen auch aus Brüssel. Deshalb fehlt diesen Protesten die Fokussierung auf eine Person, wie es in Frankreich mit Macron war. Inhaltlich hatten die Proteste in Frankreich auch eine große Akzeptanz in der Bevölkerung. Aber hier in Deutschland steht die Mehrheit der Bevölkerung hinter dem Umweltschutz und ist damit auch für das Verbot von Glyphosat.

Ist das nicht das Hauptproblem?
Ja, die Bauern sind in Deutschland legitime Akteure. Ihre Probleme werden erkannt und verstanden, trotzdem ist der Bevölkerung die Klima- und Umweltpolitik wichtiger. Ich vermute auch, dass bei den Protesten die Großagrarier die treibende Kraft sind und die Interessen der kleinen Bauern kaum vertreten werden.

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Selbst wenn Sie für die Bauernproteste keine großen Erfolge vermuten, was wäre das, was sie zumindest noch erreichen könnten?
Die Bauernverbände und das Agrarministerium haben traditionell eine enge Verbindung. Wenn die Bauern nun sehr großen Druck machen, wird sich das Ministerium nicht komplett dagegenstellen. Vielleicht werden sie das Glyphosat-Verbot aufschieben können. Es könnte auch Kompensationszahlungen oder Zugeständnisse an anderer Stelle für die Bauern geben.

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