Restrukturierung in der Coronakrise : Lufthansa schließt Germanwings und schrumpft Flotte

Auch Flugzeuge anderer Teilgesellschaften sollen stillgelegt werden. Gewerkschaften werfen dem Unternehmen rabiaten Konzernumbau mit öffentlichen Geldern vor.

Bei den Mitarbeitern von Germanwings herrscht große Unsicherheit über ihre Zukunft. Foto: Oliver Berg/dpa
Bei den Mitarbeitern von Germanwings herrscht große Unsicherheit über ihre Zukunft. Foto: Oliver Berg/dpaFoto: picture alliance/dpa

Angesichts der dramatischen Krise der Luftfahrt in Folge der Corona-Pandemie hat die Lufthansa am Dienstag ein erstes drastisches Restrukturierungprogramm beschlossen. Rund 70 Jets werden stillgelegt oder entsprechende Leasingverträge gekündigt. Dem fällt mit Germanwings nun das erste Tochterunternehmen zum Opfer.

Der Betrieb der Airline mit ihren 30 Maschinen und rund 1400 Beschäftigten, davon 900 für die Kabine und 500 Piloten, wird mit sofortiger Wirkung beendet. Die Jets standen allerdings schon seit fast drei Wochen am Boden. In den letzten Tagen hatten die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) und die Flugbegleitergewerkschaft Ufo massiv gegen das Aus für Germanwings protestiert, unter anderem mit einer Petition, die mehr als 10.000 Personen unterzeichnet haben.

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Der Lufthansa-Vorstand unter seinem Chef Carsten Spohr sieht allerdings keine Alternative zur drastischen Restrukturierung des Unternehmens. Nach Einschätzung des Führungsgremiums wird es „Monate dauern, bis die globalen Reisebeschränkungen vollständig aufgehoben sind und Jahre, bis die weltweite Nachfrage nach Flugreisen wieder dem Vorkrisenniveau entspricht“. Derzeit verhandelt der Vorstand auch mit der Bundesregierung über Staatshilfe. Auch Gespräche über einen Kredit der Förderbank KfW werden offenbar geführt.

Lufthansa will Restrukturierungsprozess durchsetzen

Der Vorstand will jetzt zügig mit den Sozialpartnern Gespräche vereinbaren, um über Beschäftigungsmodelle zur Sicherung von möglichst vielen Arbeitsplätzen zu sprechen. Es gelte weiter das Ziel, möglichst vielen der von den Maßnahmen Betroffenen eine Weiterbeschäftigung innerhalb der Lufthansa Gruppe anzubieten. Germanwings war zuletzt nur noch für Eurowings geflogen. Lufthansa hatte ohnehin geplant, den Flugbetrieb der Tochter zu bündeln. Bisher fliegen vier Gesellschaften für Eurowings, neben Germanwings sind es Sunexpress und Brussels Airlines.

 

Allerdings sind fast alle Gesellschaften des Konzerns vom ersten Restrukturierungspaket betroffen, dem offensichtlich weitere folgen werden. Die Sparprogramme bei Austrian Airlines und Brussels werden weiter verschärft, unter anderem durch die Reduzierung der Flotten. Bei Swiss wird die Auslieferung neuer Flugzeuge verzögert, und ältere Modelle werden früher als geplant ausgemustert.

Die Zahl der eigenen Flugzeuge kappt die Lufthansa im eigenen Unternehmen um insgesamt 35. Sechs der 14 doppelstöckigen Großraumflugzeuge Airbus A 380 werden stillgelegt. Sie sollten ohnehin 2022 an Airbus verkauft werden. Daneben werden fünf der insgesamt 32 Jumbos 747-400 und sieben Langstreckenjets vom Typ Airbus A340-600 außer Dienst gestellt, auch weil sie wirtschaftlich und für die Umweltbilanz Nachteile mit sich bringen.

2019 waren es noch 763 Flugzeuge

Auf der Kurzstrecke beschloss der Vorstand das Aus von elf Airbus A 320. Bei Lufthansa Cityline fallen ebenfalls drei A340-300 der Restrukturierung zum Opfer. Sie waren seit 2015 auf Langstrecken unterwegs. Bei Eurowings wird die Flotte um zehn A 320 reduziert, auch auf der Langstrecke soll es Einschnitte geben. Gekündigt hat die Lufthansa bereits alle Verträge über das sogenannte Wetlease - das Mieten von Jets mit Besatzung - bei anderen Airlines. Das umfasst rund 30 Maschinen. Ende 2019 umfasste die Flotte der Lufthansa 763 Maschinen.

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Mit der Stilllegung der Jets dürfen mittelfristig auch Personalkürzungen unausweichlich werden. Allein für den Betrieb einer A 380 sind etwa 400 Arbeitsplätze im Flugzeug und am Boden notwendig. Bei anderen Langstrecken-Maschinen sind es etwas weniger. Aktuell beschäftigt die Lufthansa weltweit gut 138.000 Menschen. Rund 90.000 wurden bereits in Kurzarbeit geschickt.

Das Flugangebot hat die Airline mittlerweile um 95 Prozent gekappt. Täglich schickt sie nur noch 50 Maschinen auf die Reise. 700 der 763 Flugzeuge sind auf diversen Flughäfen abgestellt. 2019 noch hatte die Lufthansa als größte Airline Europas 145.200 Passagiere befördert und 1,2 Millionen Flüge abgewickelt - so viel wie nie zuvor. 

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