Schaden durch Corona : "Eine neue Bankenkrise ist nicht ausgeschlossen"

Martin Lück, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Blackrock, warnt im Interview vor einer tiefen Rezession mit dramatischen Folgeschäden.

Martin Lück ist Chef-Anlagestratege beim Vermögensverwalter Blackrock.
Martin Lück ist Chef-Anlagestratege beim Vermögensverwalter Blackrock.Foto: Promo

Herr Lück, wie hoch ist der Schaden durch die Coronakrise trotz Lockerung?
Wir werden eine sehr, sehr tiefe Rezession erleben. Sie hat schon begonnen. Die Frage ist, wie lange der Einschnitt andauert. Wenn wir relativ schnell zu normalen wirtschaftlichen Verhältnissen zurückkehren – was ideal wäre – dann wird die Gefahr von Folgeschäden, also etwa einer Pleitewelle, geringer. Deutlich schlimmer wäre, wenn wir eine sehr schwache Erholung mit einer flachen oder sich gar seitwärts bewegenden Linie sähen, statt einer U-förmigen Entwicklung. Die Folgeschäden könnten dann dramatisch sein.

Müssen wir uns um die Banken sorgen?
Wir sehen bereits bei den großen US-Banken in den Berichten für das erste Quartal, dass die Rückstellungen für Kredite massiv erhöht wurden. Das belastet den Gewinn. Banken, die weniger Wasser unter dem Kiel haben, könnten Probleme bekommen. Die Gefahr sehe ich. Das hängt maßgeblich davon ab, wie schnell wir aus der Krise kommen und ob Kreditausfälle und Pleiten im großen Stil verhindert werden können. Wenn das nicht gelingt, ist auch eine neue Bankenkrise nicht ausgeschlossen.

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Sind die Rettungspakete von Regierungen und Notenbanken ausreichend?
Es ist zu früh, das wirklich zu beurteilen. Auch das hängt davon ab, wie schnell die Krise überwunden werden kann. Gut ist, dass man so rasch und in so großem Stil reagiert hat. Das Geld muss jetzt schnell bei den betroffenen Unternehmen, Handwerkern, Selbstständigen und Freiberuflern ankommen.

Die Aktienmärkte haben sich im April erholt. Ist das Schlimmste überstanden?
Das kann man nicht wirklich sagen. Wir hatten im März einen beispiellosen Einbruch beim Dax um fast 40 Prozent in wenigen Tagen. Der Markt hat sich dann durch die Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken stabilisiert. Seitdem reagieren Anleger deutlich rationaler. Aber auch die Börse hängt daran, wie lange die Wirtschaft noch eingeschränkt laufen wird. Vermutlich werden wir in nächster Zeit eine Seitwärtsbewegung mit deutlichen Schwankungen der Kurse erleben. Optimismus wird sich mit Pessimismus abwechseln. Es kann mal zehn bis 15 Prozent nach oben gehen und dann wieder ähnlich stark nach unten.

Lohnt sich jetzt der Einstieg schon wieder?
Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kurse in einem Jahr tiefer stehen als heute. Die Gefahr besteht. Aber Aktien sind ein langfristiges Anlageinstrument. Der Börsenindex S&P 500 in den USA hat seit der Finanzkrise 2009 bis zum Februar 2020 rund 450 Prozent zugelegt, beim Dax waren es immerhin rund 270 Prozent. Corona hat natürlich einen scharfen Einbruch gebracht, aber wer 2009 eingestiegen ist, liegt aktuell immer noch deutlich im Plus. Wenn ich auf Sicht der nächsten zwei Jahre oder länger investieren möchte, ist jetzt also vermutlich ein guter Zeitpunkt, Aktien zu kaufen. Vor allem für Privatanleger kann es interessant sein, regelmäßig mit festen Beträgen zu investieren. Spätestens wenn flächendeckend ein Impfstoff zur Verfügung steht, könnten Aktien eine positive Kehrtwende erleben.

Das Logo des US-Vermögensverwalters in der Münchener Geschäftsstelle.
Das Logo des US-Vermögensverwalters in der Münchener Geschäftsstelle.Foto: dpa

Ist es richtig, dass Konzerne die Dividenden streichen oder verschieben?
Das wird kaum zu vermeiden sein. Unternehmen, die Staatshilfe beanspruchen, können schlecht Dividenden zahlen. Das wäre der breiten Öffentlichkeit schwer zu vermitteln. Aber auch andere könnten zunächst ihre Liquidität stärken und die Auszahlung zumindest verschieben.

Die Zinsen dürften auf Jahre im Keller bleiben. Eher werden die Notenbanken noch mehr Geld zur Überwindung der Pandemie-Folgen lockermachen.
Auf der einen Seite brauchen die Staaten Billionen für ihre Hilfsprogramme. Das müssen sie sich über Anleihen an den Kapitalmärkten leihen. Das spricht eigentlich für steigende Zinsen. Andererseits pumpen die Notenbanken Billionen in die Wirtschaft, um die Krise zu bekämpfen, viel massiver als in der Finanzkrise 2008, und Anleger suchen nach attraktiven Anlagemöglichkeiten. Am Ende könnte sich beides gegenseitig aufheben, sodass die Zinsen noch lange niedrig bleiben. Auch deshalb bleiben Aktien als Anlage attraktiv.

Die globale Wirtschaft und die Finanzmärkte werden mit Finanzspritzen gestützt wie nie zuvor in der Geschichte. Droht eine massive Inflation?
Auch das hängt stark davon, wie schnell und in welcher Form die Corona-Pandemie überwunden werden kann. Zieht die Nachfrage schnell wieder an, dann werden wir zumindest kurzfristig eine höhere Inflation sehen, möglicherweise auch weil die Löhne wieder steigen. Aber bleibt die Wirtschaftsaktivität lange gedämpft und die Nachfrage schwach, dürfte auch die Inflation nur allmählich steigen. Möglicherweise erleben wir in diesem Fall sogar eine Phase der Deflation.

Sehen Sie die Gefahr, dass die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz durch die Coronakrise in den Hintergrund rücken? Blackrock-Chef Larry Fink hat ja erst am Jahresanfang betont, wie wichtig diese Themen auch für Ihr Haus sind.
Beides bleibt auf der Tagesordnung. Investoren werden auch nach der Coronakrise sehr genau und vermutlich noch genauer schauen, wie zukunftsfähig sie aufgestellt sind und in welchen Firmen sie engagiert sind. Unternehmen, die nachhaltig agieren, die Umwelt und Klimaschutz im Blick haben und die auf erneuerbare Energien setzen, bergen potenziell deutlich geringere Risiken als andere. In einem unsicheren Umfeld werden diese Aspekte am Kapitalmarkt wohl eine noch wichtigere Rolle spielen.

Martin Lück ist Chefstratege für die Kapitalmärkte beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock, verantwortlich für die Regionen Deutschland, Österreich und Osteuropa.

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