Stellenabbau : Siemens streicht 2900 Stellen – 700 in Berlin

Statt 3400 werden 2900 Stellen hierzulande gestrichen, davon 700 in Berlin. Arbeitnehmervertreter sind trotzdem zufrieden.

Das Werk in der Huttenstraße in Moabit wird zum Kompetenzzentrum für große Gasturbinen.
Das Werk in der Huttenstraße in Moabit wird zum Kompetenzzentrum für große Gasturbinen.Foto: imago/photothek

Siemens baut 2900 Arbeitsplätze hierzulande ab, um mittelfristig 270 Millionen Euro zu sparen. In Berlin verliert das Dynamowerk in Siemensstadt rund 430 der gut 800 Stellen und das Gasturbinenwerk in Moabit rund 270 Arbeitsplätze; dort arbeiten in der Produktion noch rund 2400 und im Turbinenservice weitere 1400 Personen. Trotz des  Stellenabbaus kommentierten Betriebsräte und IG Metall die mit der Konzernführung getroffene Vereinbarung mit Wohlwollen. Betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen wird es hierzulande nicht geben und der Stellenabbau fällt auch nicht so gravierend aus wie ursprünglich vorgesehen.

Konzernchef Joe Kaeser hatte im November 2017 vor allem in Ostdeutschland Entsetzen und Empörung provoziert mit der Ankündigung, Werke in Görlitz und Leipzig sowie das Dynamowerk in Berlin-Siemensstadt schließen oder verkaufen zu wollen. Insgesamt sollten in Deutschland 3400 Arbeitsplätze in den Bereichen Energie und Antriebstechnik gestrichen werden. Im Mai gab es einen ersten Rückzieher mit Bestandsgarantien für alle Standorte. Auf dieser Basis verständigten sich jetzt Konzernführung und Gesamtbetriebsrat auf Details eines Interessenausgleichs und Sozialplans, der in den kommenden Jahren umgesetzt wird.

In Berlin gibt es noch 11.000 Arbeitsplätz

In Berlin, wo der Konzern 1847 gegründet wurde, arbeiten gut 11.000 Personen für Siemens. „Das Gasturbinen- und das Dynamowerk in Berlin sowie das Werk für große Dampfturbinen in Mülheim sind besonders vom Strukturwandel des Marktes betroffen“, teilte Siemens am Montag mit. Wegen der Energiewende Richtung Erneuerbarer hätten sich Preisdruck und Wettbewerbssituation „ drastisch verschärft, so dass erhebliche Überkapazitäten und hohe Fixkosten bestehen“. Deshalb würden die Werke restrukturiert. Weltweites Kompetenzzentrum für große Gasturbinen wird den Angaben zufolge Berlin. Mülheim wird auch Kompetenzzentrum für große Dampfturbinen und spezialisiert sich dazu auch auf die Fertigung großer Elektromotoren.

Im Berliner Dynamowerk bleiben die Engineering-Aktivitäten „und es erfolgt eine Konzentration auf Innovationsthemen wie zum Beispiel 3D Wickelkopfdruck, HV Sprühisolierung und Phasenwechselkühlung“. Die bislang in Siemensstadt produzierten kleinen Generatoren werden demnächst in Thüringen gefertigt.

Michael Müller spürt Rückenwind für Berliner Siemens-Pläne

„Das Siemens-Dynamo und -Gasturbinenwerk haben in Berlin weiter eine Zukunft und bleiben ein wichtiger Teil des Industriestandortes Berlin", sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller. Er habe frühzeitig deutlich gemacht und auch bei Siemens dafür geworben, dass gerade Berlin mit seiner Wissenschafts- und Forschungslandschaft, aber auch den vielen Start-ups und innovativen Firmen der Standort ist, wo sich Industrie zukunftssicher entwickeln kann.

"Für unsere Gespräche mit Siemens für einen neuen Innovationscampus in Siemensstadt bedeutet die Vereinbarung zwischen Siemens und IG Metall weiteren Rückenwind. Die Entscheidung zeigt, dass Siemens, Gewerkschaften, Arbeitnehmer und die Berliner Politik gemeinsam viel für den Standort erreichen können. Siemens und Berlin gehören zusammen. Dafür werden wir gemeinsam weiter arbeiten", sagte Müller dem Tagesspiegel.

Neuer Investitionscampus im Dynamowerk

Sowohl für das Dynamo- als auch das Gasturbinenwerk kommt der Innovationscampus in Betracht, den Siemens für rund 60 Millionen Euro einrichten will. „Für beide Standorte können wir durch das zusammen von Siemens mit Senat, Universitäten und Forschungseinrichtungen geplante Innovationszentrum wichtige Impulse für die zukünftige Entwicklung der Arbeitsplätze setzen“, sagte Klaus Abel, IG Metall-Chef in Berlin, dem Tagesspiegel. „Die Kompetenz des Gasturbinenwerkes als integrierter Vertriebs-, Entwicklungs-, Service- und Produktionsstandort für Gasturbinen wird weiterentwickelt“, freute sich der Gewerkschafter.

In der Frankfurter IG Metall-Zentrale hieß es, erstmals sei es in diesem Ausmaß gelungen, „ein standortübergreifendes Restrukturierungskonzept maßgeblich zu verändern und ihm tragfähige Alternativen in einem Gesamtkonzept entgegenzusetzen“. Die Siemens-Betriebsratschefin und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Birgit Steinborn appelliert an die Konzernführung, nun einen „Masterplan im Energiebereich“ zu entwickeln und „die Kräfte gemeinsam mit Wissenschaft, Unternehmen, Politik, Gewerkschaften und Betriebsräten zu bündeln“, um die Arbeitsplätze zu sichern.

Görlitz bleibt erhalten

Nach Konzernangaben haben sich in den vergangenen Monaten die Marktprognosen im Energiebereich weiter verschlechtert. Doch neben der weltweiten Einsparung durch den Stellen- und Kapazitätsabbau im Volumen von 500 Millionen Euro gehe es dem Unternehmen auch um „strukturelle Veränderungen und neue Chancen für einige Standorte“, sagte Personalchefin Janina Kugel. Deshalb bleibe der Standort Görlitz erhalten und werde zur weltweiten Zentrale für das Industriedampfturbinengeschäft ausgebaut.

Trotzdem entfallen von den 950 Arbeitsplätzen in Görlitz 170. In Mülheim an der Ruhr will der Konzern rund 600 Stellen streichen und in Erfurt, wo künftig kleine Generatoren produziert werden, 200. Weiter betroffen vom Abbau sind Offenbach (370 Arbeitsplätze) Erlangen (500) und Duisburg  (220). Das Werk in Leipzig will Siemens verkaufen.

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