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#TakeTheExit-Kampagne : Rätsel hinter mysteriösen Plakaten in Berlin gelüftet

Recruiting mit Rätselplakaten: Wie die Metro mit Werbeanzeigen Programmierer von Berliner Start-ups abwerben will.

#TakeTheExit. In der ganzen Stadt wunderten sich Betrachter über hunderte Plakate mit dieser Aufforderung und auf englisch formulierten Rätseln im Start-up-Sprech.
#TakeTheExit. In der ganzen Stadt wunderten sich Betrachter über hunderte Plakate mit dieser Aufforderung und auf englisch...Foto: Kai Uwe Heinrich

Manch ein Berliner dürfte sich über die bunte Werbung gewundert haben, die in den letzten Wochen hundertfach in der ganzen Stadt plakatiert war. Neben den Cartoonfiguren standen auf Englisch formulierte „Matheprobleme“ im Start-up-Sprech. Ein Rätsel lautete beispielsweise: Joel arbeitet in einer Softwarefirma und bekommt fünf Prozent Anteile. Die Firma ist nichts wert. Was sind Joels Aktien wert?

Dazu gab es die Aufforderung, auszusteigen: #TakeTheExit. Durch diese gezielte Ansprache frustrierter Start-up-Mitarbeiter wurde in der Szene viel gerätselt, wer hinter der mysteriösen Kampagne steckt. Mehr als 20.000 Menschen haben sich bei Twitter und Facebook darüber ausgetauscht. Es gab die wildesten Spekulationen, selbst der BND wurde als möglicher Urheber genannt. In dieser Woche gelang es dann dem Portal „Gründerszene“ auf dem populären Programmiererportal Github eine Spur zu finden. Dort stand auch der Quellcode zu der Kampagnenwebseite – hochgeladen von einem Nutzer mit einer Emailadresse der Metro.

Kaum Bewerber über Onlineportale

Und tatsächlich ist es der Handelskonzern, der auf diesem Weg Programmierer gewinnen will. Zum Jahreswechsel hat die Metro ein Software-Entwicklungszentrum im Umspannwerk Kreuzberg eröffnet. Allein es fehlen die Entwickler. „Wir haben inzwischen zwar Leute rekrutiert, doch das ging uns zu langsam“, sagt Timo Salzsieder, Chief Information Officer bei der Metro. Sein Problem: „Über klassische Anzeigen und Onlineportale kommen nicht viele Bewerber herein.“ Der Bedarf übersteigt ohnehin das Angebot und viele Entwickler wollen lieber bei Firmen wie Zalando oder einem der vielen Start-ups anfangen. Wie schwer es da ein Großkonzern wie die Metro hat, weiß niemand besser als Salzsieder. Er war selbst vor einem Jahr noch beim Reiseportal Holidaycheck. „Als ich selbst von der Metro angesprochen wurde, fand ich das zunächst auch nicht so sexy“, sagt der Manager.

Genau deswegen versucht er, das Image zu ändern. So will er mit seinem Team von 2000 Mitarbeitern nicht als IT-Abteilung sondern Softwareunternehmen innerhalb des Konzerns wahrgenommen werden. Statt „Metro Systems“ trägt die Truppe nun den schmissigen Namen „Metronom“.

Metro sucht über 100 Programmierer

Mehr als hundert Stellen hat Salzsieder derzeit zu vergeben. „Wenn es der Markt hergibt, besetzen wir alle Stellen in Berlin“, sagt Salzsieder. Wie viele der offenen Positionen er nun in Folge der Kampagne schließen kann, bleibt abzuwarten. Doch der Chef der verantwortlichen Berliner Werbeagentur Tropen ist optimistisch. Schließlich haben sich allein 1600 Menschen auf der Internetseite eingetragen, um zu erfahren, was hinter der Aktion steckt. Dabei hatte Werber Benjamin Nuebel seinem Auftraggeber gerade mal eine niedrige dreistellige Zahl versprochen. „Die Leute geben nicht gern ihre E-Mail-Adresse heraus und Tech-Profis noch viel weniger“, sagt Nuebel. Doch dafür machen sie gerne Rätsel und so ist sein Kalkül womöglich aufgegangen. „Mit Fotos von bärtigen Männern, die im Open Space sitzen und lächeln, erreicht man nichts“, sagt Nuebel.

Metro-Manager Salzsieder betont, dass sich die Kampagne nicht gegen Startups richte, schließlich arbeite der Konzern ja selbst viel mit Start-ups zusammen. So betreibt die Metro seit drei Jahren Accelerator-Programme in Berlin, mit denen Jungunternehmen aus dem Gastronomie- und Nahrungsmittelbereich gefördert werden. „Wir wollten nicht auf Start-ups herumprügeln“, sagt auch Nuebel. „ Aber hinter dem Bällebad verstecken sich oft viele unbezahlte Überstunden.“ Es gäbe viele Leute, die darauf keine Lust mehr hätten. Die Kampagne soll allerdings nicht nur solche frustrierten Start-up-Mitarbeiter abwerben, sondern Programmierer insgesamt ansprechen.

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