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Verschmutzung in „Druschba“-Pipeline : Öl-Import aus Russland gestoppt

Deutschlands wichtigste Öl-Pipeline ruht. Betroffen sind davon auch die Raffinerien in Schwedt und Leuna. Der Grund: eine Kontamination mit organischem Chlorid.

Jakob Schlandt
Die PCK Raffinerie in Schwedt in Brandenburg.
Die PCK Raffinerie in Schwedt in Brandenburg.Foto: dpa/Patrick Pleul

Die russischen Öllieferungen nach Deutschland per Pipeline sind wegen hoher Verschmutzung des Rohstoffs derzeit eingestellt. Versorgungsengpässe in Deutschland drohen vorerst nicht, doch der Vorfall ist äußerst ungewöhnlich und wird vermutlich zu hohen Schadenersatzforderungen führen. Wie am Donnerstag bekannt wurde, hatte der polnische Pipelinebetreiber Pern am Vorabend die Ost-West-Ölpipeline Druschba (russisch für Freundschaft) gesperrt, die Öl aus Russland über Weißrussland und Polen nach Deutschland liefert. Am deutschen Ende der Pipeline kommen deshalb nur noch Rest- und Lagermengen an.

Die Auswirkungen der Sperrung sind erheblich: Deutschland bezieht etwa ein Viertel seines Rohölbedarfs über die Pipeline, die maximal rund eine Million Fass Öl (je 159 Liter) pro Jahr transportieren kann. Betroffen sind vor allem die beiden Großraffinerien PCK in Schwedt an der polnischen Grenze und die Total-Raffinerie Mitteldeutschland in Leuna.

Grund für den Importstopp der Polen ist die starke Kontamination des Öls mit organischem Chlorid. Die Normgrenzen werden um bis zum dreißigfachen überschritten. Das Chlorid wird bei der Ölförderung eingesetzt, um den Ertrag zu vergrößern und anschließend wieder herausgefiltert. Eine Quelle in Russland leitete das stark kontaminierte Öl ungefiltert ins Pipelinesystem ein. Einen ähnlichen Vorfall hatte es vor Jahren schon einmal gegeben, allerdings mit deutlich niedrigeren Verschmutzungswerten.

Drohen nun Engpässe in Deutschland bei Benzin, Diesel und Heizöl? Danach sieht es derzeit nicht aus. Sowohl der Mineralölwirtschaftsverband als auch die Raffinerie PCK betonten, die Lager seien „gut gefüllt“. Zudem kann über Rostock und Danzig per Schiff Öl ins Pipelinesystem für Schwedt und Leuna geschickt werden. Die PCK-Anlagen laufen derzeit ohnehin nach einer Revision nicht auf voller Leistung.

Wiederaufnahme des Öltransportes

Ganz kompensieren lässt sich ein Totalausfall langfristig trotzdem nicht. In Industriekreisen wird aber erst bei einem mehrwöchigen russischen Lieferstopp davon ausgegangen, dass die Auswirkungen in Deutschland deutlich spürbar würden, zum Beispiel in Form von Preissteigerungen. Dazu wird es vermutlich nicht kommen. Zwar weigern sich die Kunden derzeit, das minderwertige russische Öl abzunehmen, es entspricht nicht den Abmachungen in den Verträgen. Notfalls und mit hohem Aufwand könnten die Raffinerien den kontaminierten Rohstoff aber doch verarbeiten. Ein zeitweiliger Totalschaden für das für Deutschland so wichtige Druschba-System droht also nicht.

Am heutigen Freitag wollen Russland, Weißrussland und Polen Gespräche über die Wiederaufnahme des Öltransportes führen, sagte der russische Vize-Premier Dmitri Kosak. Nach seinen Informationen sei das verschmutze Öl der Sorte Urals – nach Angaben des staatlichen weißrussischen Fernsehens insgesamt wohl eine Million Tonnen – aus den Leitungen auf russischem Gebiet weitgehend entfernt und in „Reservoirs“ abgeleitet worden. Sauberes Öl werde erst am kommenden Montag wieder an der Grenze zu Weißrussland ankommen.

Die Verschmutzung mit Chloriden wurde demnach bereits am vergangenen Freitag bemerkt. Eine kontaminierte Partie des Rohstoffs sei in der Region Samara an der Wolga, im Abschnitt Unetscha, eingeleitet worden. Um Schäden in Raffinerien zu vermeiden, seien Anlagen heruntergefahren und der Exportgestoppt worden, berichten weißrussische Medien.

In Weißrussland hat sich gezeigt, wie gefährlich der Stoff ist. Das Unternehmen „Belneftechim“ bezifferte seinen Schaden auf rund 100 Millionen Dollar. In einer seiner Raffinerien sei am vergangenen Montag großer Schaden entstanden, weil es keine Warnungen gegeben habe. Von russischer Seite hieß es daraufhin, Minsk dramatisiere die Situation und habe noch keine Kompensationszahlungen gefordert. Diese könnten nun aber bereits heute besprochen werden.

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