Anteil der Abiturienten sinkt leicht : Die Grenzen des deutschen Bildungssystems

Das Bildungssystem in Deutschland ist zwar insgesamt durchlässiger geworden - aber nun stockt die Entwicklung. Das zeigt der Nationale Bildungsbericht.

Die Hürden zum Abitur in Berlin wurden abgesenkt. Das soll anders werden, empfiehlt die Kommission.
Die Hürden zum Abitur in Berlin wurden abgesenkt. Das soll anders werden, empfiehlt die Kommission.Foto: picture alliance / dpa +++ dpa-Bildfunk

Immer mehr Jugendliche gehen aufs Gymnasium, immer mehr machen Abitur – das galt jahrezehntelang in Deutschland. In jüngerer Zeit führte das zu heftigen Kontroversen, ob das Abitur nicht längst entwertet würde. Doch nun ist der Trend erst einmal gestoppt: Die scheinbar unaufhaltsame Bildungsexpansion stößt an Grenzen.

Das ist eine zentrale Erkenntnis des neuen Nationalen Bildungsberichts, der an diesem Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Der Bildungsbericht im Auftrag der Bundesregierung wird alle zwei Jahre veröffentlicht und erscheint jetzt zum achten Mal, federführend ist das DIPF Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

Aber: Auch wenn der Trend zur höheren Bildung erst einmal gestoppt ist, wird das Bildungssystem immer durchlässiger. Auch das zeigt der Bericht. Zentrale Befunde im Überblick:

Höhere Bildungsabschlüsse: Der Anteil der Jugendlichen einer Alterskohorte, die das Abitur ablegen, geht leicht zurück: Von 53 Prozent im Jahr 2014 auf 50 Prozent im Jahr 2018 (dieses Jahr bildet die Datengrundlage für große Teile des Berichts, sie beruht auf statistische Erhebungen). Gleichzeitig steigt wieder die Quote derjenigen, die nicht einmal einen Hauptschulabschluss schaffen, leicht auf jetzt 6,8 Prozent.

Ganz entgegen häufiger Klagen von Unternehmen ist auch die Zahl der Jugendlichen, die eine Berufsausbildung beginnen, seit Jahren stabil beziehungsweise sogar leicht steigend: Im Dualen Berufsbildungssystem begannen im vergangenen Jahr knapp 500.000 Auszubildende . An den Hochschulen schrieben sich dagegen geringfügig weniger ein (ebenfalls um 500.000).

"Expansion der Bildungsabschlüsse nicht grenzenlos"

„Überraschend“ nennt es DIPF-Direktor und Studienleiter Kai Maaz, dass bei der Bildungsexpansion eine „gewisse Sättigung“ zu verzeichnen ist. Es leuchte gleichwohl ein, dass der Trend zu immer höheren Bildungsabschlüssen „nicht grenzenlos“ sei. Der leichte Rückgang würde vielmehr eine „Erdung“ der bisherigen Entwicklung widerspiegeln: „Eine Umkehrung der Expansion ist nicht zu erwarten.“ 

Durchlässigkeit: Der Trend zu immer mehr höheren Bildungsabschlüssen mag gestoppt sein - doch die Durchlässigkeit des Bildungssystems wird insgesamt größer.

„Früher wurde die Entscheidung über eine Bildungskarriere oft schon in der Grundschule gefällt“, sagt Maaz. Heute gebe es eine substanziellere Mobilität, die vor allem durch die Sekundarschulen gefördert werde. „Der Anteil derjenigen nimmt zu, die in Bezug auf das Bildungsniveau ihrer Eltern aufwärts mobil sind.“

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Einen maßgeblichen Anteil an dieser Entwicklung hat aus Sicht der Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher, dass sich in vielen Ländern integrierte Sekundarschulen durchgesetzt haben, die mehrere Bildungsabschlüsse anbieten. Sie werden nach der Grundschule inzwischen von einem Drittel der Schülerinnen und Schüler besucht. Hier würden zum Beispiel Schülerinnen und Schüler, denen man früher nur die Hauptschule zugetraut hätte, oft auch noch den Mittleren Schulabschluss schaffen. Und einem noch immer noch wesentlich höheren Prozentsatz als früher gelingt dann auch der Sprung in die Oberstufe und zum Abitur.

Ein weiteres Indiz für den fortgesetzten Bildungsaufstieg: Der Anteil der Studienanfängerinnen und Studienanfänger ohne Hochschulreife nimmt zu, von 0,4 Prozent im Jahr 2000 auf 3,5 Prozent im Jahr 2018. Das sind Menschen, die sich über ihre Berufsausbildung fürs Studium qualifizieren.

Wie es in Sachen Mobilität aufwärts geht, zeigt ein Vergleich des Bildungsstands der 30-Jährigen mit dem ihrer Eltern. Bei den von 1974 bis 1983 Geborenen haben 72 Prozent einen höheren Bildungsstand erreicht - während es bei den 1944 bis 1953 Geborenen nur 51 Prozent waren.

Steigende Bildungsbedarfe: Es bleibt eine kleine Gruppe, die keinen allgemeinbildenden Bildungsabschluss erreicht, also nicht einmal den Hauptschulabschluss. Bei den jungen Männern im Alter von 30 bis 35 sind das 4,5 Prozent, bei den Frauen in derselben Alterskohorte 3,9 Prozent. Deren Chancen auf eine Berufsausbildung, ein regelmäßiges Einkommen und damit eine gesellschaftliche Teilhabe verschlechtern sich. Die Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher fordern hier noch stärkere Bemühungen, diese Gruppe mehr zu fördern.  

Digitalisierung: Beim Thema Digitalisierung zeichnet der Bericht ein sehr ambivalentes Bild: Zwar gewinne sie auch in Schulen, Kitas und Hochschulen immer mehr an Dynamik. „Aber es fehlt nach wie vor an an einer überzeugenden und abgestimmten Strategie für die Bildung in einer digitalisierten Welt“, sagt der Bildungsforscher und Studienleiter Kai Maaz. Ein Ergebnis, das sich gerade erst bei dem wochenlangen Fernunterricht in der Coronakrise wieder bestätigte und auch für das kommende Schuljahr relevant werden wird.

Zwar spricht Maaz bei dem Thema von einer „gewaltigen Entwicklung“ - allerdings vor allem dann, wenn es um das Nutzen von Smartphones auch bei jüngeren Kindern geht. Dass diese nun nur noch vor ihren mobilen Endgeräten sitzen würde, sei empirisch allerdings nicht nachzuweisen: „Aktivitäten wie Musizieren und Sporttreiben sind auf dem gleichen Niveau wie früher."

"Zwei Welten der Digitalisierung"

Es gebe allerdings „zwei Welten“ bei der Digitalisierung: Innerhalb der Schule finde sie deutlich weniger statt als außerhalb, und die digitalen Kompetenzen von Jugendlichen lassen auch zu wünschen übrig. So nutzen mal gerade 23 Prozent der Achtklässlerinnen und Achtklässler in der Schule digitale Endgeräte für unterrichtsrelevante Ziele. Außerhalb der Schule setzt immerhin fast die Hälfte digitale Geräte zu Bildungszwecken ein.

Eine Herausforderung sei die systematische Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte, sagt Maaz: „In vielen Bereichen findet das noch immer im Selbststudium des Personals statt.“ Tatsächlich sagen 95 Prozent der Lehrkräfte, sie würden sich mindestens einmal im Jahr in Eigenregie bei dem Thema weiterbilden. Nur 58 Prozent haben dagegen einen entsprechenden Fortbildungskurs genutzt.

Noch immer würden zudem Konzepte fehlen, um digitale Technologien entlang der gesamten Bildungsbiografie didaktisch sinnvoll einzusetzen, heißt es im Bericht.

Wann kommt endlich der Modernisierungsschub?

Nun werden in Sachen Digitalisierung schon seit Jahren mehr Fortbildungen und bessere Lehrkonzepte gefordert – allerdings eher vergeblich, der große, systematische Modernisierungsschub ist bislang ausgeblieben. Was muss künftig geschehen, damit der Transformationsprozess schneller vorangeht? 

Maaz sagt, zunächst müsse die technische Ausstattung von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften endlich sichergestellt werden. Hier könnte helfen, wenn festgelegt würde, dass die entsprechende Technik zur Arbeitsausstattung von Lehrkräften gehört. Langfristig brauche es weitere deutlich verstärkte Investitionen in Software und Lernplattformen.

Berichte zu Schulschließungen und Homeschooling

Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut sagt, der Blick auf die Digitalisierung müsse schon früher beginnen. In Kitas hätten Erzieherinnen und Erzieher oft das subjektive Gefühl, sie sollten kleine Kinder gar nicht an digitale Techniken heranführen. Insgesamt müsste dieses Potenzial in Bildungseinrichtungen viel mehr als bisher genutzt werden, da auch junge Kinder in ihrer Familie oft sehr häufig schon „digital unterwegs sind“.

Für Stefan Kühne vom DIPF fehlt es hierzulande noch immer an einem kollektiv getragenen Verständnis, wo man mit der Digitalisierung in der Bildung hinmöchte und was dann hochwertige digitale Bildung ausmacht. „Darüber müssen wir uns dringend klar werden.“

Das sagt die Politik: Für Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz (SPD), zeigt der Nationale Bildungsbericht „viele gute Entwicklungen“ auf, darunter die höhere Durchlässigkeit des Bildungssystems, die Entwicklung bei der Ganztagsbetreuung und den Ausbau des Lehrpersonals. „Deutschland macht die richtigen Schritte“, sagt Hubig.

Sorge bereiten würde ihr, dass wieder mehr junge Menschen ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen – und dass der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf den Bildungserfolg immer noch viel zu hoch sei. „Die Coronakrise hat gezeigt, dass sich Bildungsungerechtigkeit zu verschärfen droht. Das bleibt ein Haupthandlungsfeld.“

In Sachen Digitalisierung müsse jetzt der „Schwung“, der sich aus der Coronakrise ergeben habe, mitgenommen und in systematische Lernkonzepte für die digitale Bildung umgesetzt werden.

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