Arzneimittelforschung : "Eine Welt ohne bestimmte Krankheiten ist möglich"

Paul Stoffels, Forschungschef bei Johnson & Johnson, spricht im Interview über die Wichtigkeit der Prävention bei HIV und teure Medikamente.

Paul Stoffels
Paul StoffelsFoto: Johnson & Johnson

„Wenn wir nur zusammenarbeiten würden, könnten wir eine Welt ohne Krankheiten schaffen.“ Dieser Satz stammt von Ihnen. Glauben Sie wirklich, dass das möglich ist?

Eine Welt ganz ohne Krankheiten, das ist natürlich ein hoher Anspruch. Aber wenn man sich Krankheit für Krankheit vornimmt, dann ist zumindest eine Welt ohne bestimmte Krankheiten absolut möglich.

An irgendetwas erkranken Menschen doch immer, früher meist an Infektionskrankheiten, jetzt werden sie älter und bekommen Krebs und Alzheimer.

Meist behandeln wir Menschen erst gegen Ende ihres Erkrankungsprozesses, wenn sie schon sehr krank sind. Wir müssen viel früher anfangen und den Ausbruch einer Erkrankung verhindern oder während der Entstehung einschreiten.

Ein Beispiel?

HIV. Anfangs haben wir mit der Behandlung erst begonnen, wenn die Anzahl bestimmter Immunzellen im Blut unter eine bestimmte Schwelle gesunken war und der Ausbruch der Aids-Erkrankung, der Immunschwäche, unmittelbar bevorstand. Jetzt wissen wir, dass man die Behandlung viel früher beginnen und die Vermehrung der Viren so früh wie möglich und ein Leben lang unterdrücken muss. Dadurch senken wir das Risiko von Krebs und anderen Erkrankungen, die Folge eines geschwächten Immunsystems sein können.

Es ist nicht immer so klar wie bei HIV zu belegen, dass eine frühe Behandlung auch wirklich dem Patienten und nicht nur der Bilanz des Arzneimittelherstellers nützt.

Das liegt daran, dass Studien, die die Wirksamkeit einer präventiven Behandlung für Patienten in frühen Erkrankungsstadien oder gar bei Gesunden belegen können, viel länger dauern als Studien an Patienten in späten Phasen einer Krankheit. Außerdem müssen wir erst die Biomarker kennen, also bestimmte Eiweiße oder sonstige Anzeichen, die uns anzeigen können, dass sich bei einem noch nicht erkrankten Menschen eine gefährliche Krankheit zu entwickeln beginnt. Um künftig nicht nur präventive Medizin anzuwenden, sondern Krankheiten irgendwann von vornherein sogar verhindern zu können, müssen wir viel enger mit der akademischen, wissenschaftlichen und medizinischen Gemeinschaft zusammenarbeiten.

Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen – das klingt nach einem Luxus-Problem angesichts der Tatsache, dass in Entwicklungsländern viele Krankheiten nicht behandelt werden, die in Europa und den USA längst heilbar sind. Was tun Pharmakonzerne wie Ihrer, um das zu ändern?

Zweierlei. Zum einen können wir Therapien so vereinfachen, dass sie auch in Gesundheitssystemen mit eingeschränkter Infrastruktur anwendbar sind. Wieder ist die HIV-Therapie ein gutes Beispiel. Anfangs waren bis zu 30 Tabletten zweimal am Tag nötig, um die Viren in Schach zu halten. Jetzt – viele wissenschaftliche Entwicklungen später – reicht eine Tablette pro Tag. Das ist einfach zu verschreiben, zu verbreiten und zu erklären – auch in stark betroffenen Niedriglohnländern, wo die Behandlung nun auch erhältlich ist. Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter: Aktuell entwickeln wir in einem Kollaborationsprojekt eine lang wirksame Injektion, die nur einmal pro Monat und möglicherweise sogar nur alle zwei Monate verabreicht werden muss.

Und der andere Aspekt?

Wir können dazu beitragen, dass Krankheiten, die in vielen Entwicklungsländern aus finanziellen Gründen unglaublich schwer zu behandeln sind, gar nicht erst entstehen. Daher ist Prävention auch die effektivste Strategie, sowohl für Industrie- als auch Entwicklungsländer. Prävention ist der einzige Weg, um die jährlich zwei Millionen HIV-Neuinfektionen aufzuhalten. Zu diesem Zweck testen wir derzeit einen Impfstoff gegen HIV, das Ergebnis von 15 Jahren Forschung und Entwicklung. Ein wirksamer Impfstoff gegen HIV wäre auch hilfreich, um Tuberkulose einzudämmen – eine Krankheit, die über immunschwache HIV-Patienten eine neue Verbreitung gefunden hat und inzwischen die gefährlichste und tödlichste Infektionskrankheit weltweit ist.

Bei der Bekämpfung von HIV, Tuberkulose und anderen Krankheiten, ob es nun darum geht, sie zu verhindern, zu behandeln oder zu heilen, ist das Endziel dasselbe: die notwendigen Medikamente und Impfstoffe bereitzustellen, die Infektionen verhindern, Leben zu retten und eine bessere Gesundheit für alle und überall zu fördern.

HIV-Impfstoffe haben bislang stets versagt. Warum sollten Sie erfolgreicher sein?

Die Hürde ist hoch. Aber das HIV-Feld hat aus den Fehlern gelernt. Der HIV-Impfstoffkandidat RV144, der vor sieben Jahren in Thailand getestet wurde, hatte immerhin eine Schutzrate von etwa 30 Prozent. Unser Impfstoffkandidat hat in Tierversuchen eine sehr viel höhere Schutzrate erreicht. Wie sich dieser in Tests an Menschen bewähren wird, können wir nicht vorhersehen, aber die Chancen stehen gut, dass wir eine Schutzrate von 50 Prozent erreichen können – hoffentlich besser als der Impfstoffkandidat, der in Thailand getestet wurde.

Sie erwähnten Tuberkulose, die im Zuge der HIV-Epidemie wieder drastisch zugenommen hat. Trotzdem hat die WHO das Ziel, TB bis 2030 zu „beenden“. Ist das realistisch?

Es ist realistisch, Tuberkulose auf einem sehr geringen Level zu halten. Die Bakterien auszurotten, wird schwierig sein, da mehr als eine Milliarde Menschen den Erreger tragen, ohne zu erkranken. In Industrieländern wie Deutschland sorgen wirksame Kontrollsysteme dafür, dass Tuberkulose keine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellt. Mithilfe von Screenings werden Betroffene identifiziert und erhalten Zugang zu einer wirksamen Behandlung. Das sollte auch anderswo möglich sein. Die Herausforderung besteht darin, alle infizierten Bevölkerungsgruppen in Ländern mit hoher Prävalenz wie Südafrika, Indien und andere zu erreichen. Dass diese Menschen diagnostiziert werden, Zugang zu Pflege und eine wirksame Behandlung erhalten. Außerdem müssen wir uns mit arzneimittelresistenten Formen des Erregers befassen und sicherstellen, dass eine sehr einfache, wirksame Therapie verfügbar ist.

Sie bieten schon ein Medikament gegen multiresistente TB an: Bedaquilin. „Ärzte ohne Grenzen“ kritisiert, es sei zu teuer.

Als wir den Wirkstoff vor fünf Jahren einführten, haben wir verschiedene Preissysteme etabliert: 30 000 Dollar für Länder mit hohem Einkommen, 3000 Dollar in Schwellenländern und 900 Dollar in Entwicklungsländern. Das war schon sehr niedrig und wir haben die Kosten noch weiter gesenkt auf 400 Dollar für eine Therapie in allen Schwellen- und Entwicklungsländern, um den Vorgaben zu entsprechen. Wir haben 15 Jahre in die Tuberkulose-Forschung investiert und sicher mehr als 500 Millionen Dollar. Und obwohl wir Glück hatten, so schnell diesen Wirkstoff zu finden, werden wir nie Geld damit verdienen. Niemals. Anders als HIV-Medikamente, die auch in den Industrieländern einen lukrativen Markt haben und dadurch große Investitionen in Forschung und Entwicklung rechtfertigen, rentieren sich Tuberkulose-Therapien dort nicht. Hinzu kommt, dass die wenigen Antibiotika, die gegen mehrfach resistente Bakterien wie die Tuberkulose-Erreger wirken, in praktisch jedem Land von den Gesundheitsbehörden nur sehr restriktiv eingesetzt werden – aus gutem Grund. Nur ist das kein Anreiz für mehr Investitionen.

Den Preis für die wenigen Anwendungen in die Höhe zu treiben, kann allerdings auch nicht die Lösung sein. Wie ließe sich das System ändern?

Jedenfalls reicht es nicht, allein der Pharmaindustrie die Schuld zu geben, dass zu wenig in die Entwicklung von Antibiotika oder anderen Medikamenten investiert wird, deren Entwicklungskosten der Markt nicht decken kann. Es braucht Partnerschaften mit öffentlichen Geldgebern und Anreize für Firmen, damit mehr Medikamente und Impfstoffe entwickelt werden können, die im Interesse der globalen, öffentlichen Gesundheit sind. Ein Instrument sind beispielsweise „Gutscheine“, wie wir sie für Bedaquilin bekommen haben. Damit kann die Zulassungsprüfung anderer Medikamente beschleunigt werden, was einen gewissen Wert und Anreiz für Unternehmen darstellt. Aber es braucht mehr solcher Ansätze.

Auch Ebola gehört zu den Krankheiten, die für Pharmafirmen lange uninteressant waren – bis die Angst vor einem bioterroristischen Missbrauch der Viren zur Förderung öffentlicher und privater Forschung führte.

Ebola ist ein großartiges Beispiel für die Zusammenarbeit, von der ich gesprochen habe. Hier bieten sich nur begrenzte wirtschaftliche Möglichkeiten. Deshalb haben wir uns mit Regierungen, der „Innovative Medicines Initiative“ und anderen Partnern zusammengeschlossen, um die Entwicklung von Impfstoffkandidaten voranzutreiben. Zusammen mit diesen Partnern haben wir in die Entwicklung eines Ebola-Impfstoffs investiert. Derzeit ist unser „Mosaik“-Impfstoff in einer klinischen Prüfung der Phase 2/3. Über sechstausend Freiwillige wurden bereits geimpft.

Wird die Vakzine auch im Norden der Demokratischen Republik Kongo getestet, wo die Ebola-Epidemie mittlerweile 400 Todesopfer gefordert hat?

Nein, aber angesichts der Lage reden wir mit der Weltgesundheitsorganisation WHO darüber, ob unser Impfstoff zusätzlich zum schon eingesetzten ZEBOV-Impfstoff genutzt werden könnte.

Der Krieg erschwert die Bemühungen, die Seuche einzudämmen. Wie besorgniserregend schätzen Sie die Lage ein, kann daraus eine Epidemie wie 2014 werden?

Ebola ist eines der tödlichsten Viren der Welt. Und die Seuche greift in einer Kriegszone um sich. Das Risiko für Helfer an vorderster Front ist groß und die Millionen Menschen in der Region sind sehr mobil. Das ist das perfekte Szenario für eine Seuche. In Sierra Leone, wo ich 2014 während der Ebola-Epidemie war, wurde die Verbreitung durch drastische Hygienemaßnahmen gestoppt: Vor jedem öffentlichen Gebäude, jeder Schule, jedem Hotel wurde die Körpertemperatur kontrolliert. Jeder persönliche Kontakt war verboten. Das ist in einer Kriegszone beinahe unmöglich durchzusetzen. Aber die WHO ist jetzt besser vorbereitet als damals. Es gibt Teams, die schnell eingreifen, und dieses Mal gibt es einen Impfstoff. Die Situation ist zwar schwierig, aber wir sind zuversichtlich, dass sie eingedämmt werden kann.

Das Gespräch führte Sascha Karberg.

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Paul Stoffels (56) kam 2002 zu Johnson & Johnson. Seit 2012 ist er weltweiter Forschungschef des Pharmakonzerns. Zu Beginn seiner Karriere forschte der Arzt in Afrika zu HIV.

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