zum Hauptinhalt
Antike Mauern am Strand sind Sturm und hohen Wellen ausgesetzt.
© P. Castanyer, MAC Empúries

Archäologie und Klimaforschung: Auch das kulturelle Erbe indigener Gemeinschaften ist bedroht

Wo Meere toben und Gletscher schmelzen, zerfallen die Fundstücke: Archäolog:innen berichten in Berlin über die Folgen des Klimawandels für ihre Fachgebiete.

Von Rolf Brockschmidt

Es ist wirklich schon lang her. Am 23. August 1856 präsentierte ein Professor namens Joseph Henry bei einer großen Wissenschaftskonferenz in den USA ein Experiment, das die Rolle von Kohlendioxid bei der Erwärmung der Atmosphäre nachwies. Gemacht hatte es nicht Henry, sondern eine Frau. Eunice Foote hieß sie. Sie selbst sprechen zu lassen, kam den Herren Wissenschaftlern offenbar nicht in den Sinn, und im offiziellen Tagungsband fand ihr Beitrag keinen Platz.

„Ihre Forschung wurde nicht ernst genommen“, sagte Jennifer Morgan, Staatssekretärin und Sonderbeauftragte für internationale Klimapolitik im Auswärtigen Amt zur Eröffnung der Konferenz „Groundcheck – Klima, Krise, Archäologie“, die das Auswärtige Amt zusammen jetzt mit dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) veranstaltete.

Die Forschung des DAI sei sehr aktuell und zeige die Folgen menschlicher Eingriffe in die Natur. Nur als Weltgemeinschaft seien die Klimaziele zu erreichen, sagte Morgan.

Die Tagung zeigte mit Beiträgen aus allen Regionen der Erde, wie wichtig Daten regionaler Archäologie im Verbund mit Ergebnissen aus Geo- und anderen Naturwissenschaften sein können, um mit den Erfahrungen der Vergangenheit die Gegenwart zu verstehen, globale Klimamodelle in der Langfristperspektive zu präzisieren und die Gefahren des heutigen Klimawandels für das kulturelle Erbe bewusst zu machen.

Eine Konferenz des "Groundcheck"-Programms

Friederike Fless, Präsidentin des DAI, wies darauf hin, dass sich das Klima mit der neolithischen Revolution und frühem Ackerbau und Viehzucht bereits verändert habe. Im von Deutschen Bundestag und Auswärtigem Amt finanzierten „Groundcheck“-Programm werden international und in Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern langfristige Folgen von Klimaveränderungen untersucht.

So sei etwa die Oasenwirtschaft eine Folge der Versteppung vor 6000 Jahren gewesen, sagte Fless. Die Menschen waren zur Anpassung an den Klimawandel gezwungen, hätten allerdings viel mehr Zeit gehabt, sich an die neue Situation anzupassen. Diese Zeit fehle heute angesichts des von Menschen gemachten Klimawandels. Zugleich hätten die Menschen damals durch ihre Strategien auch irreversibel ihre Umwelt verändert. Jetzt gehe es darum, durch den Blick zurück die Lücke zwischen Wissen und Handeln zu schließen.

Eine freigelegte archäologische Stätte ist in einer wüstenähnlichen Umgebung zu sehen.
Mitten in der Wüste: Ein Steintempel in der archäologischen Stätte Uruk.
© Qahtan Al-Abeed/Unesco/dpa

Welche Veränderungen Klimawandel für Menschen früher bedeuten konnte, zeigte der Geoarchäologe Helmut Brückner von der Universität Köln. Analysen von bis zu acht Meter langen Bohrkernen etwa lassen Rückschlüsse auf Veränderungen in der Oase Tayma im heutigen Saudi-Arabien und in Uruk im Irak zu.

Wo einst in Tayma ein tiefer See war, ist heute eine trockene Salzpfanne. Und die Bohrkerne aus dem Irak erzählen 5000 Jahre wechselhafter Geschichte: Wo die Sumerer im heutigen Irak noch blühende Landwirtschaft betrieben, ist jetzt Wüste. Die Gärten von Uruk sind vertrocknet, verschwunden. Trockenheit, so Brückner, habe immer wieder zum Kollaps von Gesellschaften geführt und Fluchtbewegungen ausgelöst.

Friederike Fless: Eine Depressionen fördernde Reise

Das Beispiel der Umgebung von Uruk klingt bedrohlich aktuell, denkt man etwa an das, was Forschende für die Iberische Halbinsel voraussagen. Dort kommt zur drohenden Trockenheit und Versteppung auch die Gefahr durch Stürme, Extremwetterlagen und Flutwellen. Davon berichtete Dirce Marzoli, Direktorin der DAI-Dependance in Madrid: Seit etwa hundert Jahren graben spanische Archäologen etwa in Ampurias am Mittelmeer, der einst westlichsten griechischen Kolonie.

In einem Video von 2020 zeigt Marzoli, wie eine Notgrabung direkt an der Küste von Wellen bedroht wird. Man dokumentiere die Besiedlung im Wettlauf mit der Zeit und rechne mit einer Zerstörung des Gebietes bis 2100.

Charlotta Hillendal dagegen, Archäologin an der Universität von Aberdeen, arbeitet in Permafrostregionen. In Alaska etwa bedroht der Klimawandel nicht nur die Umwelt, sondern auch das kulturelle Erbe der indigenen Gemeinschaften. Hier habe man es mit einer sehr dynamischen Situation zu tun. Die rasch fortschreitende Erosion der Küste und auftauender Permafrost zerstörten Infrastruktur, Straßen, Landepisten. Hier werde es die ersten Klimaflüchtlinge der USA geben, so Hillerdal.

Ein Porträtbild von Friederike Fless.
Friederike Fless, Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI).
© Thilo Rückeis

Die Indigenen der Region sähen sich – anders als etwa Westeuropäer – als Teil der Natur. Daher habe man junge Leute in die Ausgrabungen in Alaska eingebunden, um ihr Bewusstsein für ihr kulturelles Erbe zu stärken.

Die Konferenz sei, so Fless’ Bilanz, auch eine „Depressionen fördernde Weltreise“ mit zahlreichen Beispielen gewesen. Gerade küstennahe Fundorte seien gefährdet. Und Südseestaaten wie etwa Palau oder Tonga drohe eine komplette Überflutung. Forschende sollten im Kampf gegen den Klimawandel und gegen „Fake News“ in diesem Kontext noch aktiver werden, forderte Katja Piesker.

Sie leitet das Architekturreferat des DAI und das Projekt „KulturGutRetter“ in Zusammenarbeit mit dem Technischen Hilfswerk und dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. „Wir wissen, welches küstennahe Kulturgut untergehen wird.“ Man müsse deshalb auch „Kriterien entwickeln, was zu erhalten ist“.

Fachleute beschreiben die Situation vielerorts als dramatisch. 5000 Jahre alte Eisfelder in den Bergen Norwegens schmelzen schneller als erwartet. Sie geben lange konservierte Ski, Waffen und Kleidung frei. Das meist organische Material zerfällt an der Luft schnell. „Manche Eisfelder verschwinden ganz, das ist ein großer Verlust an Fundstätten“, so Martin Callanan, Gletscherarchäologe an der Universität in Trondheim.

Friederike Fless appellierte an alle Teilnehmenden, die Beispiele sichtbarer zu machen, um die Menschen aufzurütteln. „Ihr habt die Bilder“, hatte Monika Grütters (CDU), ehemalige Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, während der Podiumsdiskussion mit Bundestagsabgeordneten am Nachmittag gesagt, „zeigt sie!“

Zur Startseite